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Kommentar

Hat das postevangelikale Brückenbauen Grenzen?

18.05.2022

Theologieprofessor Thorsten Dietz hat das Buch „Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt“ herausgebracht. Foto: SCM R.Brockhaus
Theologieprofessor Thorsten Dietz hat das Buch „Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt“ herausgebracht. Foto: SCM R.Brockhaus

Der Theologieprofessor Thorsten Dietz hat das Buch „Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt“ (SCM R.Brockhaus) herausgebracht. Dazu eine kommentierende Replik von Prof. Rolf Hille.

Im März hat Thorsten Dietz eine fulminante knapp 500 Seiten starke Gesamtdarstellung der evangelikalen Bewegung vorgelegt. Diese ist gleichermaßen eine Herausforderung wie auch ein Gesprächsangebot, auf das ich mich mit dem vorliegenden Beitrag einlassen möchte.

„Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt“: So betitelt der Autor sein ambitioniertes Werk. Dietz war bislang Dozent an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg und wechselt im Herbst 2022 zur Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich in die Schweiz. Die Detailgenauigkeit, mit der der Verfasser seinen Gegenstand betrachtet, gleicht über viele Seiten eher einer Straßenkarte von New York mit ihren Verästelungen als dem auf dem Cover dargestellten Landschaftspanorama.

Für Menschen, die die evangelikale Bewegung ernsthaft kennenlernen wollen, lohnt sich die Lektüre dieses Buches.

Prof. Rolf Hille ist Theologe. Foto: IDEA/Wolfgang Köbke

Der Slogan „Theologie ist Biografie“ trifft auf Dietz zu

Thorsten Dietz ist in einer doppelten Weise für die Darstellung der evangelikalen Bewegung prädestiniert. Er war schon während seines Theologiestudiums vom Evangelikalismus fasziniert und hat sich als systematischer Theologe dann akademisch qualifiziert.

Besonders seit seiner Mitarbeit beim Internetforum „Worthaus“, bei dem er seit 2016 engagiert ist, hat er eine ansehnliche Zahl von Followern gewonnen, die seine kritischen Beiträge zur evangelikalen Bewegung mit Begeisterung aufnehmen. Gleichzeitig bekennt Dietz seine tiefe Prägung durch evangelikale Christen. Er hat eine persönliche Bekehrung erlebt und versteht sich als „Mensch mit Mission“.

Insofern verweist seine wissenschaftliche Beschäftigung mit der evangelikalen Bewegung auf seine christliche Biografie. Er zeichnet Wege und Straßen, die er gegangen ist und auf denen er um Richtungsweisung ringt.

Thorsten Dietz ist Theologieprofessor. Foto: IDEA/Wolfgang Köbke

Die vielschichtige Geschichte des Evangelikalismus

Dietz führt die Geschichte der Evangelikalen auf die „Great Awakening“ (1730–1790) in den USA zurück. Damals kamen Menschen in großen Scharen zum christlichen Glauben. In Deutschland weisen die prägenden Impulse des Evangelikalismus auf den Barockpietismus des 18. Jahrhunderts zurück. Philipp Jakob Spener, August Hermann Francke, Nikolaus Graf von Zinzendorf und Johann Albrecht Bengel sind hier als bestimmende Persönlichkeiten zu benennen.

Im 19. Jahrhundert wurde der klassische Pietismus auch in Deutschland durch diverse Erweckungsbewegungen abgelöst (1850–1950). In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat der damalige Präses des Gnadauer Verbands in Deutschland, Kurt Heimbucher, drei Grundströmungen der evangelikalen Bewegung hierzulande ausgemacht: Allianzevangelikale, Bekenntnisevangelikale und schließlich pfingstlich-charismatische Evangelikale.

International liegt der historische Schwerpunkt der evangelikalen Bewegung jedoch im angelsächsischen Bereich. Ohne Frage war im 20. Jahrhundert der amerikanische Evangelist Billy Graham der führende Kopf der Bewegung – zunächst in den USA und dann weltweit. 1974 wurde von der Billy Graham Evangelistic Association der erste „Internationale Kongress für Weltevangelisation“ angestoßen. 2.700 Evangelisten und Kirchenleiter aus nahezu allen Ländern der Welt waren von Billy Graham nach Lausanne (Schweiz) eingeladen worden.

Die so entstandene Lausanner Bewegung war für alle Teilnehmer ein entscheidendes Schlüsselerlebnis. Die kirchenhistorische Bedeutung des Kongresses besteht wesentlich in der Tatsache, dass neben der römisch-katholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen und dem Genfer Ökumenischen Rat der Kirchen erstmals die evangelikale Christenheit als eine zentrale Erscheinungsform des christlichen Glaubens international in Erscheinung trat.

Zwischen Deutschland und den USA entwickelten sich von Anfang an deutliche Unterschiede. Während der Pietismus stark durch das Luthertum mit seiner Zwei-Reiche-Lehre beeinflusst ist, hatten in der angelsächsischen Welt – und vor allem in den USA – die reformierten Kirchen den größten Einfluss. Dieser angelsächsische Einfluss setzte sich dann durch das britische Weltreich und die globale Bedeutung der USA auch rasch in den Ländern der Zweidrittelwelt durch.

Die geschichtliche Aufarbeitung von Dietz kann man nur bestätigen. Ihm ist eine kenntnisreiche, solide und faire historische Präsentation gelungen.

Was ist evangelikal? Versuch einer Definition

Dietz schließt sich der bekannten Definition des britischen Historikers David Bebbington an, der vier zentrale Merkmale des Evangelikalismus herausgearbeitet hat. Zuerst und vor allem geht es um die persönliche Bekehrung. Die Christusbeziehung des Einzelnen steht im Zentrum. Ziel der Evangelisation ist nicht nur eine traditionelle und intellektuelle Zustimmung zu christlichen Glaubensinhalten, sondern es geht um die Gewissheit des persönlichen Heils.

Maßgeblich ist zweitens nach Bebbington die Hochschätzung der Bibel als verbindliche Norm in allen Fragen des Glaubens und der Ethik. Drittens konzentrieren sich die Evangelikalen auf die Person Jesu Christi als Herr und Erlöser. Das Christusereignis in der Menschwerdung Gottes ist ebenso elementar wie die Bedeutung des Kreuzestodes als Grundlage der Sündenvergebung und Erlösung. Und viertens geht es um die Hoffnungsperspektive, die durch die Auferstehung und erwartete Wiederkunft des Herrn geschenkt wird.

Die Hervorhebung der persönlichen Bekehrung impliziert, dass in allen Zweigen der evangelikalen Bewegung eine deutliche Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen betont wird. Aus der persönlichen Bekehrung erwächst nicht zuletzt der Impuls, missionarisch tätig zu sein und Christus zu bekennen – Evangelikale sind „Menschen mit Mission“.

Auf der Suche nach dem Anschluss an die Neuzeit

Dietz bezeichnet sich als Grenzgänger und Brückenbauer. Er möchte Grenzen überschreiten und verlässt damit die angestammte Heimat. Aber er möchte zeitgleich den Rückweg über von ihm errichtete Brücken antreten. Es geht ihm schließlich um eine neue Kartografie der theologischen und kirchlichen Landschaft.

Aus seinem Plan ist ersichtlich, dass er die alte evangelikale Welt hinter sich lässt und dennoch die Verbindung mit ihr aufrechterhalten will. Führt das nicht zu einer Quadratur des Kreises?

Dietz hat das evangelikale Gelände präzise vermessen. Er kennt das Land, in dem die Evangelikalen leben, und weiß, was ihre Grundlagen sind. In der Nachfolge Jesu sieht er sich selbst als „Mensch mit Mission“. Diese Missio (Sendung) umfasst auch soziale Verantwortung. Auch das leidenschaftliche Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn und Erlöser unterstreicht Dietz ohne Vorbehalt.

Wo also ist die Grenze, an der er sein evangelikales Zuhause verlässt? Nun, Dietz sucht die Zeitgenossenschaft und den bruchlosen Anschluss an die Neuzeit. Er möchte als Vermittlungstheologe die gegenwärtige Kultur mit der christlichen Offenbarung versöhnen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn er die Autorität der Bibel neu interpretiert, denn Biblizismus oder gar Fundamentalismus sind ihm – wie er nicht zu wiederholen müde wird – zuwider.

Der „garstige Graben“ lässt sich nicht zuschütten

Als moderner Theologe übt er souverän die Deutungshoheit über die Schrift aus – auch wenn er für sich in Anspruch nimmt, „unter der Schrift“ zu stehen. Wissenschaft, Aufklärung und modernes Lebensgefühl müssen mit dem ehrwürdigen Buch der Bücher aus dem Alten Orient und der Antike so verknüpft werden, dass Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts damit weder intellektuell noch emotional in Konflikt geraten. Damit ist vonseiten des Autors ein Bruch im Sinne des Postevangelikalismus vollzogen und eine Grenze überschritten.

Der von Dietz ausgemachte „garstige Graben“ zwischen gegenwärtiger Kultur und Schriftbindung lässt sich nicht zuschütten. Das Überraschende besteht darin, dass der Autor für sich und seine Freunde bei „Worthaus“ ungeachtet aller Schwierigkeiten Hindernisse zu überwinden beansprucht. Immer wieder bemüht er sich, an der möglichen Einheit von Evangelikalen und Liberalen festzuhalten. Bei aller Trennschärfe im Urteil fordert er dazu auf, Gemeinschaft zu leben, obwohl ihm die Widersprüche in der Hermeneutik, also dem Schriftverständnis, sehr wohl bewusst sind.

Postevangelikaler Anspruch: Die Bibel kann man auch ganz anders lesen

Die aktuelle Debatte über die Segnung homophiler Paare macht das exemplarisch deutlich. Obwohl Dietz in seinem Buch diese Problematik nicht anspricht, muss man feststellen, dass in der aktuellen Diskussion dieses Problem nichts an Klarheit zu wünschen übriglässt.

Dietz und die Postevangelikalen erheben den Anspruch, man könne die Bibel auch ganz anders als bisher lesen. Entgegen dem klaren Wortlaut der Texte wird behauptet, in der Antike habe es keine sexuellen Liebesbeziehungen mit wechselseitiger Verantwortung von Homosexuellen und Lesben gegeben. Das stimmt historisch nachweislich nicht. Am Ende reduziert sich die Befürwortung homophiler Trauungen auf die Behauptung, zur Zeit des Neuen Testaments hätten die Menschen das nötige soziologische und psychologische Wissen nicht gehabt, über das wir heute verfügen. Deshalb – Wortlaut der Bibel hin oder her – hat unser modernes Wahrheitsbewusstsein gegenüber der Schrift den Vorrang.

Zudem verweisen die Befürworter der homophilen Segnung darauf, dass es sich ihrer Meinung nach lediglich um eine sexualethische Randfrage handle. Dem ist aber nicht so. Jesus beruft sich ausdrücklich auf die Schöpfungsgeschichte. Mann und Frau sind in ihrer polaren Gemeinschaft Ebenbild Gottes. Ihre Beziehung ist für das christliche Menschenbild unverzichtbar.

Diese ethische Einschätzung des Themas hebt den Respekt und den verständnisvollen seelsorgerischen Umgang mit homophil empfindenden Menschen keineswegs auf. Aber seelsorgerische Hilfe und biblische Aussagen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Ein Versuch, die Gegensätze zu relativieren

Thorsten Dietz empfiehlt den Evangelikalen einen mutigen Sprung über den Graben. Liberale und Evangelikale sollen Hand in Hand über die Brücke gehen, die er ausgelotet hat. Das hört sich gut an, ist aber in der Praxis der Versuch, die Gegensätze zu relativieren.

Die Väter der aufgeklärten liberalen Theologie sahen das Problem weitaus realistischer. So hat z. B. David Friedrich Strauß (1808–1874) eine radikale Kritik der Evangelien vorgelegt. Er verfasste ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Der alte und der neue Glaube“. Strauß macht in diesem Werk deutlich, dass sich der Gegensatz zwischen den Gruppen nicht auflösen lässt. Sowohl die Kirche der Reformation als auch der Pietismus und seine historischen Nachfolger stehen gegenüber dem modernen Liberalismus wie zwei sich widersprechende Konfessionskirchen einander gegenüber. Es ist ein Gegensatz, der an die Substanz geht.

Die neuere Konfliktforschung hat herausgearbeitet, dass Auseinandersetzungen desto schmerzlicher und unüberwindlicher sind, je tiefer weltanschauliche und religiöse Überzeugungen der Betroffenen berührt werden. Bei Fragen des Glaubens geht es um die innerste Existenz.

Vertrauenswürdigkeit der Bibel spielt eine unaufgebbare Rolle

Deshalb spielt die Vertrauenswürdigkeit der Bibel eine unaufgebbare Rolle. Sind die Grundaussagen, die in den kirchlichen Bekenntnissen festgeschrieben sind, ebenso wie die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz Deutschland und der Lausanner Verpflichtung noch für die evangelikale Bewegung verbindlich? Inwieweit die Schrift bei konkreten Konflikten der Glaubenslehre und der Ethik wirklich maßgeblich sind, wird in dem Buch nicht klar beantwortet.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in zentralen Bereichen des christlichen Lebens aus theologischen Gründen schmerzhafte Trennungen. Im Bereich der Theologie, der Mission, der Publizistik etc. kam es angesichts der gegensätzlichen Überzeugungen zu alternativen Gründungen.

Diejenigen, die in den 70er und 80er Jahren bei der Gründung sogenannter Parallelstrukturen mitgewirkt haben, sind heute angesichts der Entwicklungen im sogenannten Postevangelikalismus darüber traurig, ja erschüttert, dass all die Mühen offensichtlich im 21. Jahrhundert nicht mehr durchzutragen scheinen. Die Vätergeneration hat das Gefühl, es wird alles auf null zurückgestellt.

Was dem Ernst der Situation nicht gerecht wird

Bei allen positiven und aufbauenden Initiativen, die in der evangelikalen Geschichte vorhanden sind, zieht sich gleichzeitig ein roter Faden kritischer theologischer Auseinandersetzungen durch. So stand der klassische Pietismus mit seiner Betonung persönlicher Frömmigkeit gegen die altprotestantische Orthodoxie. Die Erweckungsbewegungen setzten sich im 19. Jahrhundert vehement mit dem theologischen Liberalismus auseinander und das Missionsverständnis des Ökumenischen Rates der Kirchen führte in den 70er Jahren zur Gründung der Lausanner Bewegung.

Angesichts dieser Vorgeschichte den wohlmeinenden Rat zu geben, man könne sich doch auf der Brücke der Versöhnung die Hand reichen, wird dem Ernst der Situation nicht gerecht.

Der Kommentator des Buches, Prof. Rolf Hille (Heilbronn), ist Theologe, Pfarrer der württembergischen Landeskirche und war unter anderem Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. Er ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen. Er gehört zur sogenannten Fortsetzungsgruppe des Netzwerks Bibel und Bekenntnis.

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