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Kommentar
27. November 2019

Werden jetzt Juden die letzten evangelischen Christen?

Der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, Michael Diener (Kassel), hat gemeinsam mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und anderen Kirchenvertretern in einem Video den Einsatz des Seenotrettungsschiffes „Alan Kurdi“ gewürdigt. Was die Mitarbeiter täten, sei im Sinne zweier Sätze aus dem Film „Schindlers Liste“, so Diener. Dazu ein Zwischenruf des deutsch-jüdischen Historikers und Publizisten Prof. Michael Wolffsohn (München).

Michael Diener ist sicher (oder hoffentlich) nicht nur ein christlicher Geistlicher, sondern auch ein guter Christ und, noch wichtiger, ein guter Mensch. Wir erinnern uns wenigstens aus der Schulzeit: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Diener bemüht sich redlich und verweist in seinen „Segensworten für Seenotretter“ als Kontrapunkt zu seinem und der Seenotretter Gutsein auf die Zeit des deutschen Urverbrechens, auf den Holocaust: Er stellt durch das von ihm gewählte Beispiel die Seenotretter in die Tradition von Oskar Schindler, der im Dritten Reich Tausende Juden vor dem Tod in Vernichtungslagern bewahrte. Warum auch nicht? Das ist alles andere als unpassend. Sehr wohl unpassend ist, dass er ein Zitat auf den Film „Schindlers Liste“ zurückführt. Das Zitat lautet: „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte.” Es stammt aber ursprünglich aus dem Talmud-Traktat Sanhedrin 37a. Ein Geistlicher sollte das wissen und die ursprüngliche Quelle zitieren, anstatt über den Film-Umweg eine Verbindung zum Holocaust herzustellen.

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Dieners Unwissen erinnert mich an eine Diskussion mit Heinrich Bedford-Strohm. Er zitierte, wie er sagte, ein Jesuswort aus der Bergpredigt: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ Ein wunderbares Zitat, entgegnete ich dem EKD-Ratsvorsitzenden und fügte hinzu: Gerade in der Bergpredigt habe Jesus einerseits das Judentum überwinden und andererseits zu den Wurzeln zurückführen wollen. Deshalb habe er bewusst aus der (natürlich jüdischen) Thora 5. Mose 6,5 zitiert. Und dieser Satz stamme aus dem zentralen Gebet der Juden, dem „Höre Israel“. Der Ratsvorsitzende schaute etwas ratlos und murmelte so etwas wie „jaja“.

Gerade als am christlich-jüdischen Gespräch aktiv beteiligter Jude stimmt mich das lückenhafte Wissen evangelischer Theologen traurig. Es ist gar nicht lange her, da kannten sich gerade evangelische Geistliche in religiösen Themen besser aus als alle anderen. Überspitzt gefragt: Werden jetzt Juden die letzten evangelischen Christen?

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