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Kommentar
06. Juli 2020

Der Skandal von Bremen

Zum Fall des Pastors der St.-Martini-Kirchengemeinde in der Bremer Innenstadt, Olaf Latzel, ein Kommentar von idea-Redakteur David Wengenroth. Er ist Prädikant der westfälischen Kirche und promovierter Jurist.

An Olaf Latzel scheiden sich die Geister. Dadurch ist er ein Gewinn für die evangelische Kirche. Niemand muss seine konsequent konservativen Positionen teilen und seine manchmal krassen Formulierungen gut finden. Aber die rund 400 Menschen, die jeden Sonntag in die Bremer St.-Martini-Gemeinde kommen, tun es offensichtlich ebenso wie seine 20.000 (!) YouTube-Abonnenten. Oder sollte es gar nicht ernst gemeint sein, wenn evangelische Kirchenleiter in feierlichen Reden die Vielfalt und die Freiheit rühmen, die den Protestantismus angeblich kennzeichnen? Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) macht jedenfalls keinen Hehl daraus, dass sie den unbequemen Pastor lieber heute als morgen loswerden würde. Es ist nicht zu übersehen, wie willkommen ihr das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen ihn ist.

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Die Argumentation strotzt vor Rechtsfehlern

Dabei ist dieses Verfahren juristisch betrachtet ein Skandal. Die Argumentation der Staatsanwaltschaft strotzt vor Rechtsfehlern. Der Vorwurf der Volksverhetzung ist absurd, denn dieser Tatbestand setzt voraus, dass Äußerungen „geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu stören“. Kein Gottesdienstbesucher, Seminarteilnehmer oder Internetnutzer hat jemals nach dem Anhören einer Latzel-Predigt randaliert oder Menschen attackiert. Umgekehrt wurden Gottesdienste der Martini-Gemeinde gestört, die Kirche mit christenfeindlichen Parolen beschmiert und Latzel mit dem Tod bedroht. Dass die Staatsanwälte ihm vorwerfen, den öffentlichen Frieden zu gefährden, ist geradezu zynisch. Und es grenzt an Rechtsbeugung, wie Latzel Aussagen untergeschoben werden, die er gar nicht gemacht hat. So heißt es in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, er habe „Homosexuelle generalisierend als Verbrecher bezeichnet“. Das lässt sich seinem Satz „Überall laufen diese Verbrecher rum von diesem Christopher-Street-Day“ aber schon vom Wortlaut her nicht entnehmen. Die Umstände seiner Äußerung lassen im Gegenteil darauf schließen, dass Latzel nicht „generalisierend“ von Homosexuellen sprach, sondern von den Aktivisten, die ihn und seine Gemeinde attackiert haben.

Die Äußerungen waren menschlich verständlich

Das bedeutet nicht, dass man die Aussagen gutheißen müsste. Sie waren überspitzt, unglücklich und inakzeptabel – aber strafbar waren sie nicht. Latzel hat sich öffentlich entschuldigt. Es ist peinlich und traurig, wie sich die Bremische Kirche hinter der Staatsanwaltschaft verschanzt – um auf keinen Fall den Gedanken zuzulassen, die Äußerungen könnten angesichts der Anfeindungen gegen ihn einfach menschlich verständlich sein. Oder hat menschliches Verständnis in der Bremischen Kirche denselben rein theoretischen Stellenwert wie Vielfalt und Freiheit?

(Der Autor, David Wengenroth (Dortmund), ist Prädikant der westfälischen Kirche und promovierter Jurist.)

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