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Leipzig
01. Juli 2019

Gedenken an Friedliche Revolution: Kritik an Einladung Gysis

Vor mehreren tausend Anhängern spricht der damalige PDS-Vorsitzende Gregor Gysi während einer Wahlkundgebung am 28. Oktober 1990 auf dem Alexanderplatz in Berlin. Foto: picture-alliance/dpa
Vor mehreren tausend Anhängern spricht der damalige PDS-Vorsitzende Gregor Gysi während einer Wahlkundgebung am 28. Oktober 1990 auf dem Alexanderplatz in Berlin. Foto: picture-alliance/dpa

Leipzig (idea) – Eine Einladung des ehemaligen Vorsitzenden der Bundestagsfraktion „Die Linke“, Gregor Gysi, sorgt für Kontroversen. Wie die Leipziger Philharmonie am 23. Mai in einem Veranstaltungshinweis in der Leipziger Volkszeitung mitteilte, wird Gysi bei einem Konzert zum Gedenken an die Friedliche Revolution 1989 am 9. Oktober in Leipzig sprechen. Die Einladung stößt bei ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern auf scharfe Kritik. Mehr als 420 Personen unterzeichneten einen offenen Protestbrief des Archivs Bürgerbewegung Leipzig und der Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin. Darin wird angeführt, es sei zynisch und „empörend, wenn der letzte SED-Vorsitzende ausgerechnet am 9. Oktober 2019 in einer Leipziger Kirche als Festredner zum 30. Jahrestag der Revolution auftritt“. In den vergangenen 30 Jahren habe Gysi „als wichtigster Funktionär der mehrfach umbenannten SED die Aufarbeitung der SED-Diktatur persönlich und als Funktionsträger behindert“. Man könne nicht glauben, „dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten“. Offenbar sei es nötig, künftig mit noch mehr Nachdruck auf die Verbrechen und die historische Verantwortung der SED hinzuweisen: „Das werden wir tun.“ Auch zahlreiche Medien berichteten.

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Philharmonie räumt Missverständnis ein: Gysi ist kein Festredner

Wie die Philharmonie daraufhin am 28. Juni mitteilte, ist die Einladung Gysis als Festredner ein Missverständnis und im Wortlaut des Veranstaltungshinweises „unglücklich formuliert“. So sei der ehemalige Linken-Politiker zwar eingeladen – jedoch lediglich als Zeitzeuge, der „das Zeitgeschehen und die demokratische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten geprägt“ habe. Zudem seien weitere Vertreter angefragt, unter anderen der ehemalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und frühere sowjetische Staatschef, Michail Gorbatschow, der erste und letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière (CDU), und der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). „Menschen mit unterschiedlichen persönlichen und politischen Wurzeln leben heute miteinander zusammen, haben die Wende geprägt und das heutige Deutschland gemeinsam gestaltet“, so die Philharmonie. Das solle auch das jedes Jahr zum 9. Oktober stattfindendende Konzert verdeutlichen. Dabei stehe immer der versöhnliche Gedanke der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven (1770–1827) im Vordergrund. Eine Ausladung Gysis schloss die Philharmonie entgegen anderslautender Medienberichte aus. „Es ist nicht beabsichtigt, irgendjemanden auszuladen“, teilte deren Vorstand der Evangelischen Nachrichtenagentur idea auf Anfrage mit. „Das käme einer Zensur gleich.“ Die Philharmonie Leipzig beteiligt sich seit 2014 jährlich am Gedenken an den 9. Oktober 1989. Am Konzert ist neben den professionellen Musikern auch ein Bürgerchor beteiligt.

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