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Erst Kirchenmann, dann Politiker
30. Dezember 2019

Manfred Stolpe 83-jährig gestorben

Der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe. Foto: picture-alliance/Geisler-Fotopress
Der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Manfred Stolpe. Foto: picture-alliance/Geisler-Fotopress

Potsdam (idea) – Er machte erst in der evangelischen Kirche und dann in der Politik Karriere: Manfred Stolpe (Potsdam). In der Nacht zum 29. Dezember ist der Jurist nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren gestorben.

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Der gebürtige Stettiner arbeitete in der DDR 30 Jahre lang hauptamtlich für die Kirche. So war er von 1969 bis 1981 Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Ab Januar 1982 amtierte er als Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Von 1982 bis 1989 war er zusätzlich stellvertretender Vorsitzender des evangelischen Kirchenbundes. Er galt in der DDR als der einflussreichste Kirchenmann und Vordenker einer „Kirche im Sozialismus“.

Nach der Friedlichen Revolution wurde Stolpe 1990 SPD-Mitglied und im November zum ersten Ministerpräsidenten von Brandenburg gewählt. Das Amt hatte er bis 2002 inne. Danach war er bis 2005 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.

Der heutige brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) würdigte die Verdienste Stolpes: „Wir nehmen Abschied von einem großen Mann, der unser junges Land geprägt hat wie niemand sonst.“

Die Meinungen über sein Wirken sind zwiespältig

Wegen seiner Rolle in der DDR war Stolpe allerdings umstritten. Nach der Wiedervereinigung wurden ihm immer wieder Stasi-Verstrickungen vorgeworfen. Die Meinungen über sein Wirken gehen weit auseinander.

Manche Kirchenvertreter bescheinigten ihm eine mutige Haltung, etwa der „Vater“ der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“, der frühere sächsische Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider (Dresden). Als er als Landesjugendpfarrer Anfang der 1980er-Jahre für die Friedensdekade unter dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ 100.000 Lesezeichen mit dem Logo „Schwerter zu Pflugscharen“ habe drucken lassen wollen, sei Stolpes Zustimmung als Sekretariatsleiter des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR nötig gewesen. „Manfred Stolpe hat der Drucklegung mutig zugestimmt“, so Bretschneider in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea im Jahr 2007.

Aus Sicht von Kritikern hingegen war Stolpe als erster brandenburgischer Ministerpräsident für die mangelnde Aufarbeitung verantwortlich. Er sorgte dafür, dass es in Brandenburg als einzigem Land im Osten Deutschlands keine systematischen Überprüfungen von Abgeordneten auf Stasi-Kontakte gab („Brandenburger Weg“).

Stolpe: Ich musste mit der Stasi sprechen

Für heftige Diskussionen sorgten Anfang der 90er-Jahre die Ergebnisse eines Untersuchungsausschusses, wonach Stolpe selbst als IM „Sekretär“ bei der Stasi registriert gewesen sein soll. Er hatte eingeräumt, zwischen Ende der 60er-Jahre und März 1990 rund 1.000 Gespräche mit DDR-Staatsorganen, auch mit der Stasi, geführt zu haben.

Stolpe hat eine IM-Tätigkeit stets bestritten und deshalb zahlreiche Prozesse geführt. Im November 2005 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Stolpe nicht als Stasi-IM bezeichnet werden darf. In einem Interview mit idea 2014 sagte er: „Für mich führte am Gespräch mit den Sicherheitsdiensten kein Weg vorbei. Meine Aufgabe war es, günstige Positionen für die Kirche zu erreichen, etwa beim Ausrichten von Kirchentagen.“ Man habe versucht, der Staatssicherheit klarzumachen, „dass keine Gefahr einer Konterrevolution besteht“.

Bedford-Strohm: Stolpe war Brückenbauer zwischen Ost und West

Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), würdigte den „unermüdlichen Einsatz“ von Stolpe für die evangelische Kirche in der DDR sowie als Partner und Brückenbauer zwischen der evangelischen Kirche in Ost und West. In seiner Verantwortung als kirchlicher Funktionsträger in der DDR sei er immer wieder in zwiespältige Situationen geführt worden, die ihn auch als Christ herausgefordert hätten.

Bedford-Strohm: „Wir haben in Manfred Stolpe einen Menschen kennengelernt, der mit schwierigen Entscheidungen gewissenhaft umgegangen ist. Seine Verdienste um die deutsche Einheit und sein Eintreten für die Aussöhnung zwischen Ost- und Westdeutschland bleiben unvergessen.“

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