Montag • 19. November
Brasilien
27. Oktober 2018

Einfluss der evangelikalen Kirchen wächst

Der rechtskonservative Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro hatte im ersten Wahlgang mit 46 Prozent klar vorne gelegen. Foto: picture-alliance/NurPhoto
Der rechtskonservative Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro hatte im ersten Wahlgang mit 46 Prozent klar vorne gelegen. Foto: picture-alliance/NurPhoto

Köln (idea) – Die Bedeutung und die Attraktivität von evangelikal geprägten Kirchen wächst. Dieser Ansicht ist die katholische Theologieprofessorin Gunda Werner (Graz). In Brasilien etwa weiten ihr zufolge die evangelikalen Kirchen ihren Einfluss auf die Politik aus. Mittlerweile sei ungefähr ein Drittel der Bevölkerung und ein Fünftel aller Abgeordneten evangelikal, wie sie im Interview mit dem katholischen Internetportal „domradio.de“ (Köln) sagte. Im Abgeordnetenhaus haben sie sich laut Werner mittlerweile zu einer eigenen evangelikalen Allianz zusammengeschlossen. Zudem vertrete diese Richtung aktuell auch der Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro. Im ersten Wahlgang hatte der Rechtskonservative mit 46 Prozent klar vorne gelegen. Im entscheidenden Wahlgang am 28. Oktober tritt er gegen Fernando Haddad von der sozialistischen Arbeiterpartei an, der 29 Prozent erhalten hatte. In den USA gehe man, so Werner, davon aus, dass ungefähr ein Viertel der Bevölkerung evangelikal sei. Von ihnen hätten bei der Präsidentschaftswahl etwa 80 Prozent für Donald Trump gestimmt.

ANZEIGE

Was Evangelikale verbindet

Es sei allerdings schwer zu fassen, was Evangelikale auszeichne, denn dahinter verbergen sich Werner zufolge unterschiedliche Formen des Christseins. Eine Gemeinsamkeit sei die Bekehrung, „also eine sehr persönliche Glaubenserfahrung, die in der Regel auch als wirkliches Bekehrungserlebnis datiert werden kann“. Verbunden sei dies mit Heilsgewissheit, Bibeltreue, einer Konzentration auf Jesus Christus sowie das Gebet. Zudem habe Mission einen hohen Stellenwert. Hinzu kämen „rigide Moralvorstellungen“: „Wenn man nach Brasilien, in die USA und auch zum Teil nach Europa schaut, dann treffen sich plötzlich Themen. Wenn gegen Frauen, gegen Gender oder gegen Homosexuelle und für ein traditionelles Familienbild sowie ein traditionelles Frauenbild gewettert wird, dann treffen sich plötzlich politische Ziele mit moralreligionspolitischen Vorstellungen.“ In Ländern mit großen sozialen Problemen böten evangelikale Kirchen einfache und klare Lösungen für konkrete Probleme, etwa wenn die Männer aufgefordert würden, ihr Geld nicht „zu versaufen“ und nicht in den „Puff“ zu gehen. Da sei dann auch eine konkrete Verbesserung zu spüren. In Lateinamerika wechselten vor allem katholische Frauen zu evangelikal geprägten Kirchen, weil sie dann mehr Verantwortung übernehmen dürften. Im westlichen Europa seien diese Kirchen attraktiv, weil dort Glaube und Gottesbegegnung emotional erfahrbar werde. Sie seien „nicht so sehr verkopft“. Werner ist seit April 2018 Leiterin des Instituts für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.

8 Kommentare
Kommentare sind ausgeblendet.
Zum Einblenden der Kommentare hier klicken.
Diese Woche lesen Sie
  • Tillmann Prüfer „Plötzlich brauchte ich den Glauben, um auf den Beinen zu bleiben“
  • Kalifornien Vor dem Feuer sind alle gleich
  • Pro & Kontra Den UN-Migrationspakt unterzeichnen?
  • Bergpredigt Sanftmütig und demütig? Über die dritte Seligpreisung
  • Mobilfunk Digitalisierung um jeden Preis?
  • mehr ...
ANZEIGE