Dienstag • 10. Dezember
Kanzelrede zum Buß- und Bettag
21. November 2019

Bundestagspräsident Schäuble warnt vor Zerfall der Gesellschaft

Schäuble sprach zum Bibeltext „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34). Archivfoto: idea/Kairospress
Schäuble sprach zum Bibeltext „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34). Archivfoto: idea/Kairospress

Berlin (idea) – Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat vor dem Verlust von Gemeinwohlorientierung und dem Zerfall der Gesellschaft gewarnt. Jahrzehnte des immens gewachsenen Wohlstands hätten das Land „in eine gewisse Starre, zu Saturiertheit geführt“, sagte er in einer Kanzelrede aus Anlass des Buß- und Bettages am 20. November im Berliner Dom.

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Er sprach zum Bibeltext „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34). Schäuble zufolge hat sich eine fordernde Erwartungshaltung verbreitet, die stark vom eigenen Ich ausgehe. Zwar gebe es auch viele, die freiwillig helfen, weit verbreitet sei aber auch die Haltung, dass der Staat die Kuh ist, die gemolken werde. Schäuble: „Wer die Kanne nur deshalb rausstellt, weil es der Nachbar auch tut, der sollte darüber nachdenken, ob er wirklich Durst hat.“ Viele lebten heute in der Sorge, dass es ihren Kindern später nicht besserginge als ihnen heute. Es müsse also immer mehr dazukommen. Man traue sich jedoch oft nicht, den Blick auf jene zu lenken, die weniger hätten.

Versöhnungstag würde der Gesellschaft guttun

Ferner äußerte sich Schäuble zur Abschaffung des Buß- und Bettages als gesetzlicher Feiertag. Außer in Sachsen ist der Tag seit 1995 nicht mehr arbeitsfrei. Der Wert eines Tages, an dem Umkehr gepredigt werde, lasse sich in einer volkswirtschaftlichen Rechnung nicht abbilden, so der Politiker. Buße sei die Einsicht in die Fehlbarkeit und Begrenztheit des Menschen. Das helfe gegen die Versuchung von Allmachtsfantasien. Schäuble: „Wir sind nach dem Bilde Gottes gemacht – und doch ein Häufchen Staub. Sich das vor Augen zu führen, widerstrebt dem modernen Menschen und holt ihn doch auf den Boden der Tatsachen zurück. Buße ist heilsam, aber in unserem Alltag selten.“ Ein Jom Kippur, ein Versöhnungstag, würde „unserer fiebrig wütenden Gesellschaft“ guttun, so Schäuble.

Zum „Politischen Buß- und Bettag“ hatten die Berliner Domgemeinde und der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Prälat Martin Dutzmann, eingeladen.

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