06. Dezember 2018

Studie

„Antisemitismus ist an deutschen Schulen Normalität“

Viele jüdische Schüler müssen sich mit Hass auseinandersetzen. Foto: picture-alliance/dpa
Viele jüdische Schüler müssen sich mit Hass auseinandersetzen. Foto: picture-alliance/dpa

Frankfurt am Main (idea) – „Antisemitismus ist an deutschen Schulen Normalität.“ Zu diesem Ergebnis kommt die am 6. Dezember veröffentlichte Studie „‚Mach mal keine Judenaktion!‘: Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus“. Sie stammt von einer Arbeitsgruppe um Prof. Julia Bernstein vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule „Frankfurt University of Applied Sciences“. Wie es darin heißt, zeigt sich der Antisemitismus etwa am Gebrauch des Schimpfworts „Du Jude“. Damit würden Juden stigmatisiert, unabhängig davon, an wen die Beleidigung gerichtet sei. Hinter sogenannter „Israelkritik“ verberge sich oft Aggressivität und Hass gegen Juden. Israel wird laut Bernstein „zum „Juden unter den Staaten“ und dämonisiert. Die jüdischen Schüler würden „als Repräsentanten des Staates verhasst“.

Viele Schüler gehen aus Angst nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um

Für die qualitative, nicht repräsentative Studie führten die Wissenschaftler in ganz Deutschland 227 Interviews mit jüdischen Schülern und deren Eltern sowie jüdischen und nichtjüdischen Lehrkräften. Die Bandbreite des Antisemitismus an Schulen reiche von Bloßstellungen als Jude, über Zurückweisungen durch Freunde und Judenwitze bis hin zu körperlichen Angriffen. Viele jüdische Schüler gingen deshalb aus Angst nicht offen mit ihrer jüdischen Identität um. Die Betroffenen stießen oft auf Unverständnis bei Lehrkräften und blieben mit ihren Erfahrungen, auch mit Bedrohungen und Angriffen, häufig allein. Jüdische Lehrer seien ebenfalls mit Anfeindungen aus der Schülerschaft konfrontiert.

Lehrer bagatellisieren teils Antisemitismus unter Muslimen

Nach der Studie sind antisemitische Verschwörungstheorien in der Schülerschaft weit verbreitet. Viele Lehrer könnten damit nicht angemessen umgehen. Unter ihnen gebe es einerseits die Tendenz, das Problem Antisemitismus ausschließlich muslimischen Schülern zuzuschreiben, andererseits bagatellisierten Lehrkräfte Judenfeindlichkeit in dieser Gruppe. Antisemitismus von Muslimen werde zwar wahrgenommen, aber nicht als spezifisches Problem an Schulen benannt. Die Wissenschaftler fordern, auf jede Manifestation des Antisemitismus pädagogisch oder disziplinarisch zu reagieren. Man müsse deutlich vermitteln, dass Judenfeindlichkeit in keiner Form toleriert werde. Die Verwendung des Schimpfworts „Du Jude“ sei zu unterbinden. Bernstein: „Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus.“