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Smartphone
20. Februar 2019

Psychologin: „Digitaler Exhibitionismus“ schon im Kindesalter

Kinder haben immer früher Zugang zu sozialen Medien. Foto: pixabay.com
Kinder haben immer früher Zugang zu sozialen Medien. Foto: pixabay.com

Berlin (idea) – Kinder besitzen immer früher ein Smartphone. Dadurch stehen schon Grundschüler unter einem enormen Druck, in den sozialen Netzwerken aktiv zu sein und dort möglichst viel von sich preiszugeben. Vor dieser Entwicklung warnt die Diplom-Psychologin Julia von Weiler (Berlin). „Wir leben im Zeitalter eines gesellschaftlich verordneten digitalen Exhibitionismus“, sagte sie gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Gerade die junge Zielgruppe orientiere sich dabei an Vorbildern in den sozialen Medien, den sogenannten „Influencern“ (Beeinflussern). Sie erreichen der Expertin zufolge schnellen Erfolg auch durch freizügige Posen. Mit dem vermehrten Smartphonebesitz ist laut der Expertin aber auch ein immer früherer Kontakt mit Pornografie verbunden. „Bereits Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren schicken sich per Smartphone Nacktbilder und -videos“, so von Weiler. Die Jungen und Mädchen schickten diese demnach zum Teil selbst an einen Freund oder eine Freundin. „Viel häufiger aber leiten sie Gewalt- oder Sexvideos weiter – zum Teil auch solche, die als Kinderpornografie die Runde machen“, so die Expertin.

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Von Weiler: Verbreitung von privaten Bildern ist kein Kavaliersdelikt

Problematisch werde es vor allem, wenn gegen den Willen eines Kindes private Bilder oder Videos von ihm verbreitet werden. Das geschehe beispielsweise, wenn ein Kind die Bilder vertraulich an einen Freund schicke, und der es dann weiterleite. In Berlin etwa seien die Polizeibehörden durchschnittlich jede zweite Woche in dieser Angelegenheit im Einsatz. Für Nordrhein-Westfalen geht die Expertin von ähnlichen Zahlen aus. Eine bundesweite Erfassung liege ihr jedoch bislang nicht vor. „Meiner Meinung nach gibt es auch kein Stadt-Land-Gefälle“, so von Weiler. Gerade im sehr jungen Alter seien zumeist weder die übergriffigen Kinder noch die Betroffenen emotional oder kognitiv in der Lage, die komplexe Folgen ihres Handelns zu begreifen. Kinder unter 14 Jahren seien rechtlich gesehen zwar noch nicht strafmündig, „problematisch wird es aber, wenn diese Fehler dann für immer bleiben – zum Beispiel, dass gegen den Willen des Betroffenen die Bilder hochgeladen werden und dabei mit dem Klarnamen verbunden sind.“ Das sei „kein Kavaliersdelikt“.

Anwendungen machen Smartphone schnell zur „toxischen Mischung“

In der Medienbildung seien darum Lehrer und Eltern sowie vor allem auch die Politik gefordert. Vorstellbar wäre für von Weiler neben pädagogischen Angeboten auch eine gesetzliche Regelung,etwa ein Smartphoneverbot für unter 14-Jährige. In Kombination mit Apps, Spielen oder sozialen Nachrichtendiensten werde das Gerät schnell zu einer „toxischen Mischung“. Hier sei eine vergleichbare Vorgehensweise erforderlich, wie im Straßenverkehr. „Wir würden einem Grundschulkind, das gerade Fahrradfahren gelernt hat, doch auch nicht den Schlüssel zu einem Ferrari geben und es damit auf eine dreispurige Autobahn schicken.“ In Bezug auf die Medienbildung seien viele Eltern unverständlicherweise viel gelassener. Von dementsprechend hoher Bedeutung sei es, ein Auge auf heruntergeladene Inhalte und auch den Klassenchat auf dem Smartphone des Kindes zu haben. Von Weiler leitet seit 2003 die Geschäfte des Vereins „Innocence in Danger“ (Unschuld in Gefahr), der sich gegen sexuelle Gewalt mittels digitaler Medien einsetzt. Sie ist zudem Sprecherin der „Konzeptgruppe Internet“ im Beirat des „Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs” der Bundesregierung sowie Autorin des Ratgebers „Im Netz. Kinder vor sexueller Gewalt schützen“ (Herder Verlag).

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