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Kosslick
11. Februar 2019

Berlinale-Chef: Nicht im Namen Jesu von Asyltourismus sprechen

Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Foto: picture-alliance/Jörg Carstensen/dpa
Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Foto: picture-alliance/Jörg Carstensen/dpa

Berlin (idea) – Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (70) hat die Flüchtlingspolitik von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) scharf kritisiert. Er äußerte sich beim Ökumenischen Empfang der Kirchen anlässlich der Berlinale am 10. Februar in Berlin. Man könne im Namen von Jesus Christus nicht von Auffanglagern, Grenzzwischenstationen, Zurücksendung und Asyltourismus sprechen. Kosslick: „Wie kann ein Minister, der einer Partei mit einem christlichen Buchstaben angehört, einen solch radikalen Schwachsinn erzählen wie der Seehofer?“ Die Kirchen seien der „natürliche und einzige Verbündete“ von Flüchtlingen. Kosslick bat die Kirchenvertreter, sich christlich zu verhalten und mit Einfühlungsvermögen auf fremde Menschen zuzugehen. Kosslick: „Nur zusammen können wir das Paradies, das Himmelreich oder was wir immer wollen, erreichen.“ Kosslick wurde bei dem Empfang mit dem Ehrenpreis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Er leitet das Filmfestival seit 2001.

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Wir wollen Gendergerechtigkeit herstellen

Kosslick zufolge ist es ein Anliegen der Berlinale, Gendergerechtigkeit herzustellen. Man habe schon immer darauf geachtet, dass es keine „Männer-Berlinale“ sei. Ziel sei es, dass von den im Wettbewerb laufenden Filmen 50 Prozent von Frauen gemacht würden. Beim diesjährigen Wettbewerb entstanden sieben von 17 Filmen unter weiblicher Regie. Zugleich würden bei der Berlinale aber über 80 Prozent aller Entscheidungen von Frauen getroffen, so Kosslick. Er leitet das Festival in diesem Jahr zum letzten Mal.

Katholischer Bischof lobt kirchenkritischen Film

Der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Gebhard Fürst (Rottenburg), sagte, es sei wichtig, dass die Berlinale die Besucher mit „allen Facetten der Wirklichkeit“ konfrontiere. So beschäftige sich der Film „Grâce à Dieu“ (Gelobt sei Gott) mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche. Fürst: „Den Blick darauf zu werfen ist unbestreitbar schmerzhaft, aber wir haben uns seitens der katholischen Kirche für den Weg der rückhaltlosen Aufklärung entschieden.“ Um die Probleme zu lösen, müsse sich die Kirche ein Bild machen, was Missbrauch für die Opfer bedeutet. Dafür könnten Filme Impulse geben.

EKD-Kulturbeauftragter: Kino befindet sich in einer Krise

Laut dem Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen (Berlin), befindet sich das deutsche Kino wirtschaftlich, technologisch und politisch in einer Krise. Es müsse sich „in einem raueren Klima behaupten“. Claussen zufolge gibt es gezielte Angriffe von Rechtsextremen gegen Kulturschaffende. Die Kirchen müssten mit Kino und Kultur Solidarität üben und für eine demokratische Kultur und christliche Humanität eintreten. Die Berlinale findet in diesem Jahr zum 69. Mal statt. Gezeigt werden bis zum 17. Februar 400 Filme aus 70 Ländern. Der Veranstalter rechnet mit etwa 400.000 Kinobesuchern. Die katholische und die evangelische Kirche sind zum 28. Mal mit einer ökumenischen Jury vertreten. Sie verleiht drei Preise an Filme, die für spirituelle, menschliche oder soziale Fragen sensibilisieren.

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