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Kommentar
23. Juli 2020

Grabe: Theologische Streitgespräche allein helfen nicht weiter

Der Ärztliche Direktor der christlichen Klinik Hohe Mark, Martin Grabe. Archivfoto: idea/kairospress
Der Ärztliche Direktor der christlichen Klinik Hohe Mark, Martin Grabe. Archivfoto: idea/kairospress

Pfarrer Ulrich Parzany hatte auf der Internetseite von idea einen Kommentar geschrieben über das Buch „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“ (Francke-Verlag) des Ärztlichen Direktors der christlichen Klinik Hohe Mark, Martin Grabe. In dem Buch hatte Grabe u. a. geschrieben: „So wäre nach allem Gesagten mein Vorschlag für eine Einigung der folgende: Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen.“ Auf den Beitrag von Parzany reagiert nun Grabe ebenfalls in einem Kommentar. Er ist der Meinung, dass theologische Streitgespräche allein nicht weiterhelfen.

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Ulrich Parzany hat – trotz aller inhaltlichen Differenzen – einen sehr wertschätzenden und fairen Beitrag über mein Buch geschrieben. Und ich kann nur versichern, dass ich schon seit Jahrzehnten eine große Hochachtung vor ihm habe und mich von Herzen darüber freue, wie viele Menschen durch seine Arbeit zu Jesus gefunden haben.

Was nicht funktioniert hat

Unser jetziges Thema ist schwierig und konfliktträchtig – wer weiß das nicht. In den letzten Jahren habe ich wiederholt aus der Nähe miterlebt, wie hochkarätige Theologen, allesamt Christen im Sinne der Evangelischen Allianz, vergeblich versucht haben, sich auf theologischer Ebene gegenseitig zu überzeugen. Es funktionierte nicht.

Theologie ist zudem nicht meine Kernkompetenz. So möchte ich gar nicht versuchen, auf dieser Ebene über dasjenige hinaus zu argumentieren, was schon in meinem Buch steht. Wenn ich auch nach wie vor glaube, dass für einen Christen die gründliche Beschäftigung mit dem Wort Gottes in Bezug auf schwierige Themen entscheidend ist. Dazu gehört die kognitive Ebene, was selbstverständlich auch theologische Argumente beinhaltet. Aber es braucht auch das Hören. Ich muss darauf hören, was Gottes Geist mir sagt, wenn ich alle Argumente zur Kenntnis genommen habe. Ich trage dabei nicht die Verantwortung dafür, was er anderen sagt, sondern dafür, ob ich dem treu bin, was er mir zeigt.

Womit mein Engagement zu tun hat

Mein Engagement für dieses Thema hat mit den vielen homosexuellen Christinnen und Christen zu tun, die ich hier in der Klinik Hohe Mark kennen gelernt habe. Sie haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Ausgangspunkt ist, dass sie selbst davon überzeugt sind, nicht richtig zu sein, wie sie sind. Dass Homosexualität etwas Schlechtes, etwas Sündhaftes ist, haben sie von Kindheit an in ihrer Gemeinde in sich aufgenommen. Und wenn sie dann merken, dass sie selbst homosexuell sind, es nicht mehr vor sich verstecken können, ist das zerstörerisch für ihre Selbstachtung. Viele haben auch Erfahrungen mit vergeblichen Heilungsversuchen und nicht erfüllten Heilungsversprechungen.

Es gibt keinen sinnvollen Ansatz für eine therapeutische Änderung

In den meisten Fällen ist Homosexualität aber ein Persönlichkeitsmerkmal, das so tief in einem Menschen verwurzelt ist wie in einem anderen die Heterosexualität. Es gibt keinen sinnvollen Ansatz für eine therapeutische Änderung. Wenn das bei einem Menschen so ist, dann gibt es nur einen sinnvollen Weg: endlich anzunehmen, dass ich so bin, wie ich bin. Als Christ bedeutet das, dass Gott mich so geschaffen hat, wie er mich schaffen wollte. Auch wenn ich ihn vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht verstehe. Das ist aus psychotherapeutischer Sicht der wichtigste Punkt in meinem Buch. Nur auf dieser Basis kann ein Mensch aus der Angst heraustreten und eine liebevolle Beziehung zu seinem Vater im Himmel aufbauen.

Lebenspraxis und Entscheidungen von Gemeindebünden über mögliche Handhabungen kommen danach. Es stimmt: Hier mache ich einen konkreten Vorschlag für eine mutige Einigung wie auf dem Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15. Aber um diesen sinnvoll verständlich zu machen, brauche ich fast das ganze Buch – man kann es dort ja nachlesen.

Das Thema fügt unseren Gemeinden zunehmend viel Schaden zu

Eine weitere Motivation, mich um dieses Thema Homosexualität zu mühen, ist, dass ich sehe, wie viel Schaden es zunehmend unseren Gemeinden und dem Zeugnis der Gemeinde Jesu zufügt. Nicht nur homosexuelle Menschen finden in unseren Gemeinden bisher weithin keinen Ort, wo sie wirklich und ehrlich willkommen wären. Zunehmend ist es auch für heterosexuelle Glaubensinteressierte ein befremdendes und abstoßendes Erlebnis, wenn ihnen in Gemeinden tief verankerte Vorbehalte gegenüber homosexuellen Menschen begegnen. Warum das so ist, obwohl es so sichtbar nichts mit Gottes Liebe zu tun hat, versuche ich in dem Buch transparent zu machen. Wenn Christen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus als Herrn verfolgt werden, ist es richtig, standhaft zu bleiben – und es ruht sogar eine große Verheißung darauf. Wenn sie aber deshalb ins Abseits geraten, weil sie meinen, andere Menschen ausgrenzen und diskriminieren zu müssen, dann ist das nur noch tragisch.

Ich glaube, dass wir in unseren Gemeinden an diesem Punkt schon viel Schuld auf uns geladen haben. Und dass es Zeit zur Umkehr ist.

Mein Wunsch für homosexuelle Christinnen und Christen

Für homosexuelle Christinnen und Christen wünsche ich mir, dass sie endlich in unseren Gemeinden einen Platz finden. Dass sie in Würde als unsere Geschwister unter uns leben dürfen. Es würde nicht nur ihnen, sondern auch unseren Gemeinden sehr, sehr guttun.

Nun hoffe ich, dass ich ein bisschen deutlicher machen konnte, wie dieses Buch gemeint ist. Es tut mir leid, dass dieses Thema mit so viel Schmerz, Angst und Ärger verbunden ist. Das haben wir uns alle nicht ausgesucht.

(Der Autor, Martin Grabe, ist Ärztlicher Direktor der christlichen Klinik Hohe Mark.)

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