Sonntag • 20. Oktober
Demonstrationen
20. September 2019

Klimastreik: Christlicher Gewerkschaftsbund warnt vor Aktionismus

Auch der hannoversche Landesbischof Ralf Meister nahm am Klimastreik teil und begleitete einige junge Demonstranten. Foto: Jens Schulze
Auch der hannoversche Landesbischof Ralf Meister nahm am Klimastreik teil und begleitete einige junge Demonstranten. Foto: Jens Schulze

Wetzlar (idea) – In mehr als 500 Städten sind am 20. September deutschlandweit Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, um für mehr Tempo beim Klimaschutz zu demonstrieren. Unterstützt wurden die von der „Fridays for Future“-Bewegung ins Leben gerufenen Proteste von mehr als 200 Organisationen und Initiativen, darunter auch den Kirchen. An vielen Stellen läuteten um „5 vor 12“ die Glocken, es gab Andachten, Vorträge und Seminare zum Thema Klimaschutz.

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Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) warnte derweil in einer Mitteilung vor „übertriebenem und überzogenem Aktionismus“ zulasten des Industriestandortes Deutschland. Das gelte vor allem hinsichtlich der Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung nach Streichung der Subventionen für fossile Energieträger und der Abschaltung eines Viertels der Kohlekraftwerke bis Jahresende sowie für einen beschleunigten Komplettausstieg bis 2030. Das würde, so der CGB, die Energieversorgungssicherheit in Deutschland gefährden und Arbeitsplätze in der gesamten deutschen Industrie aufs Spiel setzen: „Das ist in höchstem Maße unverantwortlich und gefährlich.“

Die Gewerkschaft fordert die „Fridays for Future“-Bewegung auf, „in ihren Aktionen und Forderungen auch die Belange der Menschen zu berücksichtigen, die von Arbeit leben müssen und deren Arbeit notwendig ist, um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern“. Die Politik sollte nicht in hektischen Klimaaktionismus verfallen, sondern auch die Belange der arbeitenden Bevölkerung und des Industriestandortes Deutschland bedenken. Alle Akteure sollten den eigenen Standpunkt nicht so hoch halten, dass ein Austausch gegenseitiger Meinungen unmöglich werde. Zum CGB gehören 13 Gewerkschaften mit insgesamt 270.000 Mitgliedern.

AEU: Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen

Der stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU), Friedhelm Wachs (Leipzig), sagte gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, evangelische Unternehmer setzten sich nicht nur aus christlicher Überzeugung, sondern aus sachlichen und Vernunftsgründen für ein nachhaltiges Wirtschaften und damit für umwelt- und ressourcenschonende Produktionsverfahren ein.

Die notwendigen kreativen Lösungen erforderten Freiheit und Verantwortung. Auch wenn es wichtig sei, einen Bewusstseinswandel anzumahnen, müsse die Frage der konkreten Umsetzung neuer Verfahren und praktischen Arbeit an Lösungen im Mittelpunkt stehen: „Weder Hysterie noch Ignoranz noch nationale Alleingänge werden diese globale Aufgabe lösen. Auch aus Deutschland heraus nicht.“ Schon Bundespräsident Theodor Heuss (1884–1963) habe betont: „Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen.“ Aber jeder könne und müsse durch seine Art des Wirtschaftens, Produzierens und Einkaufens einen Beitrag in eigener Verantwortung leisten, betonte Wachs.

Präses Kurschus: Wir waren bislang nicht beharrlich genug

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus (Bielefeld), sagte beim Klima-Aktionstag in Dortmund: „Wir waren bislang nicht beharrlich genug, um einer nachhaltigen Politik aufzuhelfen. Wir sind bislang nicht konsequent genug, vor unserer eigenen Haustür zu kehren. So viel hätte längst geschehen können und müssen. Es muss in die Köpfe, in die Herzen und in die Systeme.“

Sie appellierte an die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft sowie an jeden Einzelnen, nach dem Aktionstag nicht wieder zur gewohnten Tagesordnung überzugehen: „Womöglich gibt es etwas, das ich selbst in meinem täglichen Leben wirksam verändern kann. Heute schon. Und sei es etwas vermeintlich Klitzekleines.“

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers hatte am 20. September erstmals ihre Mitarbeiter von der Arbeit freigestellt, damit sie an Veranstaltungen und Aktionen teilnehmen können. Unter den Demonstranten war auch Landesbischof Ralf Meister.

Evangelische Bibliothek ein Tag „stromlos“

Neben den Landeskirchen nahmen auch viele kirchliche Organisationen und Werke mit Aktionen teil. Die Hochschul- und Landesbibliothek Wuppertal – eine Einrichtung der Evangelischen Kirche im Rheinland – beteiligte sich etwa während ihrer Öffnungszeiten unter dem Motto „Bibliothek stromlos“. Wie sie auf der Internetseite im Vorfeld ankündigte, „wird kein Licht brennen, und es werden die technischen Geräte wie Computer, Drucker, Scanner und Kaffeemaschine ausgeschaltet bleiben“. Die Ausleihe und die Rückgabe von Medien erfolge über ein Formular.

Auch der CVJM-Gesamtverband in Deutschland steht hinter dem Klimastreik. CVJM-Generalsekretär Hansjörg Kopp (Kassel) sagte im Interview mit ERF Medien (Wetzlar), man unterstütze „den Klimastreik deshalb, weil wir sagen, Bewahrung der Schöpfung ist ein sehr wichtiges Thema für Christen“. Man wolle junge Menschen, die sich auf den Weg machten, unterstützen und ermutigen. Christen müssten sich fragen, ob sich die „Fridays for Future“-Bewegung nicht ein Thema genommen habe, „das unseres gewesen wäre“.

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