Sonntag • 9. Dezember
„Zeit“-Journalist
15. November 2018

Evangelische Kirche ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt

Tillmann Prüfer ist Stil-Chef und Mitglied der Chefredaktion des „Zeit Magazins“. Foto: Michael Biedowicz
Tillmann Prüfer ist Stil-Chef und Mitglied der Chefredaktion des „Zeit Magazins“. Foto: Michael Biedowicz

Wetzlar (idea) – Die evangelische Kirche ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Diese Ansicht vertrat der „Zeit Magazin“-Redakteur Tillmann Prüfer in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Prüfer ist Autor des Buches „Weiß der Himmel …? Wie ich über die Frage nach Leben und Tod stolperte und plötzlich in der Kirche saß“ (Gütersloher Verlagshaus). Ihm zufolge erkennt die Kirche nicht, dass es um Menschen geht, „die sich auf den Glaubensweg machen, und nicht um eine Organisation mit Ämtern und Ausschüssen und Geld, das es zu verteilen gibt“. Die evangelische Kirche sollte sich auf ihre Mission besinnen und sich die Frage stellen, wie sie mit ihrer Botschaft das Leben der Menschen leichter machen könne. Sie müsse die existenziellen Fragen nach der eigenen Vergänglichkeit, Scheitern und Schuld beantworten. Viele hätten ein spirituelles Loch in sich und versuchten dieses zu füllen: „Wir gehen in die Karaoke-Bar, um gemeinsam zu singen – dabei könnte man das auch in der Kirche tun. Wir besuchen Kurse für Meditation, Yoga und Schamanismus und bezahlen viel Geld dafür, um den geistlichen Hunger in uns zu stillen. Wir versuchen alles, um unsere Angst vor dem Tod zu verdrängen.“ Der Fitnesstrend und die Nahrungsmittel-Besessenheit seien ein Ausdruck dafür, dass man jung bleiben und den Verfall des Körpers aufhalten wolle. Auf diese Trends könne die christliche Botschaft eine Antwort sein.

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Die Kirche sollte mehr Sinnlichkeit zulassen

Prüfer zufolge sollte die evangelische Kirche auch mehr Sinnlichkeit zulassen: „Sie sollte sich nicht schämen, schön zu sein, und auch viel selbstbewusster sein mit dem, was sie sagt.“ Prüfer verwies auf evangelische Gottesdienste, die er in Tansania besucht hatte. Dort habe er erlebt, dass Gottesdienste bereichernd und erquickend sein könnten und man die Freude an Gott mit anderen Menschen teile. Wenn er in Berlin an einem normalen Sonntag in den Gottesdienst gehe, kämen 20 Besucher. In Tansania seien es 200 bis 300 und der Gottesdienst werde in zwei Schichten hintereinander gefeiert, weil die Kirche zu klein sei, um alle auf einmal aufzunehmen. Die Gesänge, die Gebete und die Predigt seien dort voller Leidenschaft. Die Pfarrer wüssten, dass sie die Menschen fesseln und im Herzen erreichen müssen. Prüfer: „Wenn man in Deutschland sagt, dass man in die Kirche geht, halten das viele für eine seltsame Geisteskrankheit, die kuriert werden muss. Aber in Tansania war es umgekehrt: Ich saß dort mit meinem typisch deutschen Skeptizismus im Gottesdienst und fühlte: Diese Menschen haben etwas im Herzen, was ich nicht habe.“ Damals sei sein Atheismus zum ersten Mal erschüttert worden, so Prüfer. Nach dem plötzlichen Tod eines Freundes habe ihm der christliche Glaube geholfen, um auf den Beinen zu bleiben. Gebet und Gesang hätten ihm ermöglicht, seiner Trauer und Verzweiflung Raum zu geben.

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