Donnerstag • 23. November
Bedford-Strohm
12. November 2017

Selbstkritische Töne der EKD zur Flüchtlingspolitik

Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Foto: PR Fotografie Koehring
Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Foto: PR Fotografie Koehring

Bonn (idea) – Selbstkritische Töne zur Position seiner Kirche in der Flüchtlingspolitik hat der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), angeschlagen. In seinem Bericht am 12. November vor der EKD-Synode in Bonn, sagte er, es sei nicht zu übersehen, dass nicht wenige Menschen die Forderung der evangelischen Kirche nach einer offenen Flüchtlingspolitik als „moralisch unter Druck setzende Durchhalteparolen“ empfunden hätten. Zwar halte er die kirchliche Einstellung nach wie vor für richtig, es mache aber nachdenklich, dass die Vermittlung dieser Position „nur bedingt, bei manchen gar nicht“ gelungen sei. Bürger, die den Aufruf zum Eintreten für Flüchtlinge so nicht teilen könnten, dürften nicht mit dem Gefühl zurückbleiben, „ein schlechterer Mensch oder ein unzulänglicher Christ zu sein“. Wenn die evangelische Kirche um Hilfsbereitschaft für Menschen in Not geworben habe, sei bei manchen „nur Moral und Gesetz“ angekommen. Es müsse gelingen, auch den Zuspruch von Gottes Gnade zu vermitteln. Bedford-Strohm verwies auf eine Aussage des Reformators Martin Luther (1483–1546): „Denn so, wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben ja auch wir Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum sollen wir so, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat durch seinen Leib und seine Werke, nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.“ Auch wer das Gefühl des Beschenktwerdens nicht auf eine Christuserfahrung gründe, könne verstehen, wie gesegnet er in seinem Leben sei. Deutschland sei ein reich gesegnetes Land und habe die Kraft, neue Anstrengungen für soziale Gerechtigkeit zu unternehmen.

ANZEIGE

Reformationsjubiläum war Vitaminstoß für die Kirche

Ferner zog Bedford-Strohm eine Bilanz des 500. Reformationsjubiläums. Es sei „ein Vitaminstoß“ für die geistliche Erneuerung der Kirche gewesen. Durch das Jubiläumsjahr mit seinen Festgottesdiensten sei ein „großes Erntedankfestgefühl“ entstanden. Viele Kirchen hätten wegen Überfüllung schließen müssen. Die Beteiligung und Begeisterung sei „wie Weihnachten und Ostern zusammen“ gewesen. Mit Kreativität und Leidenschaft seien Zigtausende Veranstaltungen auf den Weg gebracht worden. Die vielfach geäußerte Einschätzung, dass theologische Gedanken aus der Welt des ausgehenden Mittelalters heute nichts Substanzielles zu sagen hätten, sei falsch. Die Inhalte des Reformationsjubiläums hätten die Herzen der Menschen erreicht. Dies gelte jenseits der Diskussionen um erwartete Besucherzahlen und Verkäufe von Eintrittskarten.

Ökumene erlebte „geistvolles Wunder“

Als ein „geistvolles Wunder“ bezeichnete es Bedford-Strohm, dass das Reformationsjubiläum erstmals in „ökumenisch geschwisterlichem Geist“ gefeiert wurde. Zwar gebe es noch „gewichtige Hürden“ auf dem Weg zu einer sichtbaren Einheit der Kirche. Sie seien jedoch „überwindbar und nicht notwendigerweise kirchentrennend“. Im Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche sei „großes wechselseitiges Vertrauenskapital“ gewachsen. Er habe die Erfahrungen gemacht, dass persönliche Begegnungen, etwa mit Papst Franziskus, eine wichtige Triebkraft der Ökumene seien.

Kirchen sind wichtige Akteure im Kampf gegen Klimawandel

Bedford-Strohm rief ferner dazu auf, wirksame Maßnahmen für den Klimaschutz zu ergreifen. Die globale Erderwärmung dürfe die kritische Grenze von 1,5 Grad Celsius nicht überschreiten. Die reichen Industriestaaten seien Hauptverursacher des Klimawandels. Sie müssten den ärmsten Staaten eine ausreichende Klimafinanzierung bereitstellen und den Schutz der vom Klimawandel Vertriebenen völkerrechtlich vereinbaren. Das weltweite Netz der Kirchen sei eine entscheidende Basis bei dem dafür notwendigen Wertewandel. Bedford-Strohm würdigte die evangelikale Micha-Initiative, die sich für das Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele einsetzt. Dabei sollen bis 2030 extreme Armut und Hunger besieitigt werden.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser fünf Tage kommentiert werden.

15 Kommentare
Kommentare sind ausgeblendet.
Zum Einblenden der Kommentare hier klicken.
Diese Woche lesen Sie
  • Kommentar Ein Anschlag auf die Pressefreiheit
  • Unsterblichkeit Wie das Silicon Valley nach ewigem Leben sucht
  • Ewigkeit Varanasi – eine Stadt lebt vom Tod
  • Faktencheck Was geschieht nach dem Tod mit uns?
  • Pro und Kontra Als Christ verbrennen lassen?
  • mehr ...
ANZEIGE