Samstag • 23. Februar
„Gefährlicher Humbug“
08. Februar 2019

Kontroverse um freikirchliche Orientierungshilfe zur Homosexualität

In der Orientierungshilfe wird festgehalten, „dass es keine biblischen Aussagen gibt, die praktizierte Homosexualität positiv bewerten“. Foto: pixabay.com
In der Orientierungshilfe wird festgehalten, „dass es keine biblischen Aussagen gibt, die praktizierte Homosexualität positiv bewerten“. Foto: pixabay.com

Berlin/Witten (idea) – Die Orientierungshilfe zum Umgang mit Homosexualität des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG) ist auf Kritik Betroffener gestoßen. Die 42.000 Mitglieder zählende Freikirche hatte in ihrer Erklärung „Mit Spannungen umgehen“ homosexuell geprägte Menschen aufgefordert, „auf die Praktizierung dieser Prägung zu verzichten und sexuell enthaltsam zu leben“. Das biblische Leitbild gehe von einer lebenslangen Ehe allein zwischen einem Mann und einer Frau aus. Die Kritik entzündet sich besonders an der Empfehlung für Betroffene, die unter ihrer sexuellen Prägung leiden, therapeutische Angebote zu nutzen. Wörtlich heißt es in dem FeG-Papier: „Die professionelle Begleitung eines solchen Veränderungsprozesses erfordert spezielle Kompetenzen, die Seelsorger ohne entsprechende therapeutische Ausbildung überfordert.“

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Homosexualität ist keine Krankheit

Wie dazu der Lesben- und Schwulenverband (Berlin) in einer Presseerklärung schreibt, sind „Umpolungstherapien homophober und gefährlicher Humbug“. „Homosexualität war nie eine Krankheit und bedarf keiner Heilung“, schreibt Vorstandsmitglied Henny Engels. Der Verband fordert Konsequenzen: „Es darf keinerlei öffentliche Förderung für Institutionen geben, die solche ‚Behandlungen’ anbieten und empfehlen.“ Umpolungs- und Konversionstherapien an Minderjährigen müssten gesetzlich verboten werden.

Volker Beck: Theologische Katastrophe

Ähnlich äußert sich auch der frühere Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck. Die Orientierungshilfe der Freikirche sei „unredlich und unbarmherzig“ sowie eine „theologische Katastrophe“, sagte er der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“. Auch Beck stößt sich besonders an dem Hinweis zu „Therapien“. Sie seien „Scharlatanerie“, so Beck, der unter anderem als Lehrbeauftragter am Religionswissenschaftlichen Institut der Ruhr-Universität Bochum tätig ist. Der Hinweis sei „unverantwortlich“: „Die Bundesärztekammer warnt zu Recht davor.“

Freikirche: Wir bieten Seelsorge für Betroffene

Der Pressesprecher der Freikirche, Artur Wiebe (Witten), sagte der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, dass die Kritik an der Orientierungshilfe ins Leere ziele. In der von Beck und dem Lesben- und Schwulenverband angesprochenen Passage werde darauf hingewiesen, dass ein homosexuell empfindender Mensch mit seiner sexuellen Orientierung von sich aus in Konflikt geraten könne und daher die Seelsorge in den Ortsgemeinden aufsuche. Wiebe: „Für diesen Fall rät die Orientierungshilfe, dass etwaige Veränderungswünsche dieses Menschen nicht zum Gegenstand eines seelsorglichen Veränderungsprozesses werden, sondern professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, um an Identitätskonflikten zu arbeiten.“ Die Orientierungshilfe empfehle keine Therapieformen: „Als evangelische Freikirche verantworten wir die Seelsorge, die wir anbieten, und nicht die professionellen Therapien, die sich Menschen suchen.“ Er verweist ferner auf den 117. Deutsche Ärztetag 2014, der sich gegen jegliche Stigmatisierung, Pathologisierung oder Benachteiligung von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung ausgesprochen habe. Wiebe: „Dieses Anliegen des Deutschen Ärztetages teilen wir, und es kommt in der vorliegenden Orientierungshilfe zum Ausdruck.“

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