Menschenrechte
Wie Menschenhändler ihre Opfer binden und kontrollieren
27.04.2026

Menschenhändler bauen die Ausbeutung ihrer Opfer über gezielt hergestellte Beziehungen, psychologische Kontrolle und finanzielle Abhängigkeit auf. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Täterbefragung, die die Expertin für Menschenhandel und Forscherin der Nichtregierungsorganisation „Gemeinsam gegen Menschenhandel e.V.“, Heike Menzel-Kötz (Düsseldorf), vorgestellt hat. Sie präsentierte die Studienergebnisse einer Täterbefragung aus dem Jahr 2025 am 27. April beim Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ im Christlichen Gästezentrum „Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd.
21 Interviews in 14 Justizvollzugsanstalten
Zum Hintergrund: Die Studie entstand im Rahmen des dreijährigen EU-Projekts „Vanguard“, an dem 22 Partner aus zwölf europäischen Ländern beteiligt sind. Auslöser war der Kontakt eines verurteilten Täters, der nach einem Fernsehbeitrag über die sogenannte Loverboy-Methode angeboten hatte, sein Vorgehen für Präventionszwecke zu schildern.
Nach Genehmigungen durch die Justizverwaltungen aller 16 Bundesländer kamen 24 Interviews zustande – 21 in 14 Justizvollzugsanstalten und drei nach der Haftentlassung. 18 davon wurden ausgewertet. Die Gespräche dauerten im Schnitt zweieinhalb Stunden, einige über drei Stunden. Es sprachen ausschließlich Männer mit den Forschern. Verurteilt waren die Täter unter anderem wegen Menschenhandels (§ 232 StGB), Zwangsprostitution (§ 232a StGB) und Zuhälterei (§ 181a StGB), teils auch wegen Mordes, schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Geldwäsche.
Betroffene sind nicht schwach
Ein zentrales Anliegen der Forschung ist es nach den Worten von Menzel-Kötz, deutlich zu machen, dass das, was Betroffene erleben, keine individuelle Schwäche sei. Es sei „kein freiwilliges Mitmachen und kein Missverständnis“, sondern häufig das Ergebnis gezielter Beziehungs- und Kontrollstrategien. In der öffentlichen Wahrnehmung werde Frauen, die in Ausbeutungsverhältnissen verbleiben, oft unterstellt, sie hätten doch gehen können. Genau diese Deutung griffen auch die Täter auf, wenn sie im Interview betonten, die Frau sei „völlig freiwillig“ bei ihnen gewesen und hätte jederzeit gehen können.
Tatsächlich aber zeigten die Tätererzählungen, wie systematisch Bindung, Abhängigkeit und Kontrolle aufgebaut würden – und wie wirksam diese Mechanismen seien, ohne dass sie nach außen sichtbar werden müssten. Die Forscherin warnt deshalb davor, Freiwilligkeit allein daran festzumachen, ob eine Frau physisch festgehalten wird, sichtbare Verletzungen aufweist oder verängstigt wirkt. Wer das Verbleiben einer Frau als Beleg für ihre Freiwilligkeit nehme, übersehe genau die Dynamik, die Täter gezielt herstellten – und mache aus Täterstrategien letztlich wieder Opferbeschuldigungen.
Beziehung als Einstieg in die Ausbeutung
Menzel-Kötz zufolge gilt es, Muster sichtbar zu machen: „Es geht nicht darum, die Aussagen von Tätern eins zu eins als Tatsachenbericht zu lesen. Interessant ist vielmehr, wie sie auf ihr eigenes Handeln blicken.“ Keiner der befragten Täter habe sein Opfer entführt. Die Ausbeutung beginne meist über Nähe, Bindung und bestimmte Beziehungsangebote – romantisch, freundschaftlich, mentorhaft oder als gemeinsames „Businessprojekt“. Drei Wege der Anwerbung träten wiederkehrend auf: emotionale Bindung, symbolische und soziale Aufwertung sowie materielle Versprechungen wie Reisen, Autos oder Luxusgüter. Entscheidend sei nicht die Art der Beziehung, sondern wie diese zur Ausbeutung genutzt werde.
Kritik am Begriff „Loverboy-Methode“
Den verbreiteten Begriff der „Loverboy-Methode“ hält Menzel-Kötz zwar für etabliert und hilfreich, sieht darin aber auch eine Verharmlosung: „Wir reden über Zuhälter und Menschenhändler.“ Viele der befragten Täter seien zudem in der größten Motorradgruppe Deutschlands aktiv gewesen. Menzel-Kötz hob hervor: „Bewegungsfreiheit ist nicht dasselbe wie Ausstiegsfreiheit. Dass eine Frau nicht geht, heißt noch lange nicht, dass sie tatsächlich freiwillig ist, wo sie ist.“ Wenn emotionale Bindung, Schuldgefühle, finanzielle Abhängigkeit und Angst zusammenkämen, verengten sich die Handlungsmöglichkeiten massiv. In diesem Zusammenhang sei das Konzept der Traumabindung wichtig: Bleiben, Zurückkehren oder Loyalität seien nicht automatisch Zeichen von Freiwilligkeit.
Freier als Teil des Problems
Bemerkenswert sei, dass Täter selbst das Milieu und die Freier als gefährlich beschrieben – und damit ihre eigene Schutzfunktion begründeten. „Wenn selbst Täter immer wieder betonen, wie gefährlich Freier sein können, dann spricht das nicht für ein harmloses Marktgeschehen“, so Menzel-Kötz. Sexkauf sollte daher nicht normalisiert, sondern grundsätzlich infrage gestellt werden. Profitiert hätten zudem nicht nur die unmittelbaren Täter, sondern auch Dritte im Umfeld – Autohändler, Immobilienmakler, Vermieter und Dienstleister.
Folgerungen für die Praxis
Für Prävention, Beratung und Strafverfolgung bedeute dies, stärker auf Muster zu achten als auf einzelne Gewalthandlungen. Menzel-Kötz beklagte zudem mangelnde Therapiekapazitäten in den Justizvollzugsanstalten. Reflexion sei bei jenen Tätern deutlich stärker ausgeprägt gewesen, die bereits über längere Zeit therapeutisch begleitet worden seien. Im Rahmen des EU-Projekts werde derzeit ein Lernspiel für Jugendliche ab 13 Jahren entwickelt, das sowohl die Täter- als auch die Opferperspektive vermittelt und in Schulen eingesetzt werden soll.
Veranstalter des Kongresses sind das Bündnis „Gemeinsam gegen Menschenhandel“, die Evangelische Allianz in Deutschland, die Organisationen „Mission Freedom“, „Aktion Hoffnungsland“ und „return“ sowie das Christliche Gästezentrum Schönblick. Die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA ist Medienpartner.
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