Menschenrechte
Politiker und Mediziner fordern „Nordisches Modell“ in Deutschland
27.04.2026

Vertreter aus Politik und Medizin haben beim Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ die Einführung des sogenannten Nordischen Modells in Deutschland gefordert. Der Kongress mit mehr als 400 Teilnehmern findet vom 26. bis 29. April im Christlichen Gästezentrum „Schönblick“ in Schwäbisch Gmünd statt.
Zum Hintergrund: Das Nordische Modell sieht unter anderem die Entkriminalisierung Prostituierter sowie die Kriminalisierung von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern vor.
Die Psychotherapeutin und Co-Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Baden-Württemberg, Brigitte Schmid-Hagenmeyer (Karlsruhe), sieht aus medizinischer Sicht eine eindeutige Faktenlage. Als Traumatherapeutin beobachte sie regelmäßig, dass Menschen, die früh sexuell misshandelt oder schwer vernachlässigt worden seien, später in der Prostitution landeten, sagte sie in einer Podiumsdiskussion. Wenn ein Mensch von einer nicht gewünschten Person berührt werde, löse das „schlicht in jedem biologischen Körper Stress aus, körperlichen Stress und Widerwille, Ekel, Angst“. Dieser Stress müsse durch Dissoziation – also psychisches Abschalten – verdrängt werden. Genau deshalb könnten Betroffene behaupten, ihre Tätigkeit mache ihnen nichts aus. Prostitution sei eine Form von Gewalt gegen Frauen, die in Deutschland gesetzlich legitimiert werde.
Theologe: Selbstbestimmung und Zuhälterei sind unvereinbar
Der Theologe und Rechtswissenschaftler Jakob Drobnik (Erfurt) wies auf einen aus seiner Sicht zentralen Widerspruch hin: Wer Prostitution mit Selbstbestimmung begründe, könne nicht zugleich erlauben, dass Dritte – Zuhälter und Bordellbetreiber – daran verdienten. „Jeder, der irgendwelchen Nutzen, persönlichen oder wirtschaftlichen, aus der Prostitution einer anderen Person zieht, wird sie dazu auf gewisse Weise drängen. Dann soll das Geld in die Tasche der Prostituierten fließen.“
Er kritisierte die passive Haltung des Staates: „Dann brauche ich auch keine Steuern zahlen, wenn der Staat seiner Schutzfunktion nicht nachkommt.“ Auch beim Menschenhandel werde durch die staatliche Regulierung der Prostitution der organisierten Kriminalität faktisch ein legaler Rahmen geboten.
Linke: Patriarchat und Freier werden ausgeblendet
Die Soziologin und Vertreterin des Netzwerks „Linke für eine Welt ohne Prostitution“, Uta Beyer (Bremen), beklagte, dass in den vergangenen 30 Jahren der Blick zu sehr auf das Individuum gerichtet worden sei. Die gesellschaftlichen Auswirkungen von Prostitution und Menschenhandel würden kaum diskutiert. Auch die Rolle des Patriarchats und das Phänomen des „Freiertums“ blieben weitgehend unbeleuchtet: „Was ist eigentlich mit diesen 1,2 Millionen Männern am Tag, die in diesem Land Prostitution nutzen?“, fragte Beyer. Innerhalb der Linken sieht Beyer Bewegung. Die Partei habe sich zwar seit den 2000er Jahren „im Neoliberalismus verheddert“, doch insbesondere unter neuen und jungen Mitgliedern wachse die kritische Haltung zur Prostitution.
Ex-Kriminalpolizist: Brutale Realität nicht verharmlosen
Scharfe Kritik an der medialen Darstellung der Prostitution äußerte der ehemalige Kriminalpolizist und Mitglied der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, Christian Gehring (Schorndorf). Filme wie „Pretty Woman“ verharmlosten eine brutale Realität. In einem Flatrate-Bordell im baden-württembergischen Fellbach sei mit dem Slogan „70 Euro, all you can fuck“ geworben worden.
Gehring berichtete von Frauen mit „blau geschlagenen Augen“, von überteuerten Getränken, hohen Zimmermieten und Zuhältern, die zusätzlich kassierten. Er sei „kein hundertprozentiger Fan vom Nordischen Modell“, kenne aber „nichts Besseres“. Jeder Tag ohne entsprechende Gesetzgebung bedeute, „wissentlich Vergewaltigungen“ in großem Ausmaß zuzulassen.
Grüne: Gewaltkontext wird systematisch ausgeblendet
Die Psychotherapeutin und Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, Ursula Mayr (Karlsruhe), betonte, dass tagtäglich „unsägliches Leid in deutschen Bordellen, in Hotels, in Hinterzimmern, auf Parkplätzen und Toiletten“ geschehe. Eine Trennung zwischen Zwangsprostitution und „legaler“ Prostitution sei nicht möglich. Frauen in Gewaltkontexten sprächen aufgrund von Dissoziation nicht offen über das Erlebte. Mayr verwies auf einen aktuellen Prozess in Karlsruhe gegen eine Menschenhändlerin, obwohl der dortige Straßenstrich jahrelang vom Ordnungsamt überwacht worden sei.
Streit um Blockaden in CDU und SPD
Auf die Frage, warum das Nordische Modell nicht im Koalitionsvertrag verankert wurde, räumte Gehring ein, dass die Union sich nicht habe durchsetzen können. CDU und CSU hätten zwar klare Beschlüsse für das Modell, doch innerhalb der SPD gebe es zwei Strömungen im Feminismus – eine, die das Sexkaufverbot fordere, und eine, die eine Stigmatisierung ablehne. Schmidt-Hagenmeyer widersprach teilweise: Die SPD Baden-Württemberg sei der einzige Landesverband mit einem Beschluss für das Nordische Modell, maßgeblich durch die ehemalige Landesvorsitzende Leni Breymaier. Nach ihren Informationen habe der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Aufnahme des Themas in den Koalitionsvertrag verhindert. Inzwischen habe sich jedoch auch die CSU klar für das Nordische Modell ausgesprochen.
Veranstalter des Kongresses sind das Bündnis „Gemeinsam gegen Menschenhandel“, die Evangelische Allianz in Deutschland, die Organisationen „Mission Freedom“, „Aktion Hoffnungsland“ und „return“ sowie das Christliche Gästezentrum Schönblick. Die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA ist Medienpartner.
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