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Reportage

Was bleibt: Ein Jahr nach Philipp Mickenbeckers Tod

12.06.2022

Christopher Schacht moderierte durch den Gedenkgottesdienst. Foto: IDEA/Erika Weiss
Christopher Schacht moderierte durch den Gedenkgottesdienst. Foto: IDEA/Erika Weiss

Am 9. Juni 2021 starb Philipp Mickenbecker mit 23 Jahren an seiner Krebs-Erkrankung. Auf dem YouTube-Kanal „The Real Life Guys“ erreichte er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Johannes und seinen Freunden Millionen Menschen. Am 11. Juni fand ein Gedenkgottesdienst statt. IDEA-Redakteurin Erika Weiss war dabei und hat mit der Familie sowie mit Freunden von Philipp Mickenbecker gesprochen.

Ein ehemaliges Schwimmbad in Pfungstadt bei Darmstadt. Rund 1.000 Menschen waren gekommen, um Philipp Mickenbecker zu gedenken. Die Autokennzeichen auf dem Parkplatz verrieten, dass einige von ihnen eine weite Strecke auf sich genommen hatten. „Wir kommen aus Graz. Fast 12 Stunden sind wir gefahren“, erzählten zwei junge Österreicherinnen. Wie viele andere breiteten sie eine Picknickdecke auf der Wiese aus und machten es sich darauf vor der Bühne bequem. Philipps Freunde hatten sich zu diesem Gedenkgottesdienst entschieden, weil bei der Beerdigung vor einem Jahr wegen der Corona-Beschränkungen viele nicht dabei sein konnten. Nun sollen alle die Möglichkeit bekommen, gemeinsam die Trauer zu bewältigen.

Zwillingsbruder: Was ich von Philipp gelernt habe

Johannes berichtete auf der Bühne, was ihn an seinem Zwillingsbruder Philipp am meisten inspiriert hat: „Philipp hat sich immer wieder Momente genommen, um allein mit Gott zu sprechen. Als er seine Krebsdiagnose bekam, machte er lange Gebetsspaziergänge. In dieser Stille konnte er auftanken.“

Johannes erzählte von einem gemeinsamen Roadtrip. Am Abend seien sie an einem See gewesen und hätten noch nicht gewusst, wo sie die Nacht verbringen sollten. Doch Philipp habe das nicht gestört. Er sei erst einmal in den Wald gegangen und habe dort eine Stunde in der Stille mit Gott verbracht. Als er zurückkam, habe er über das ganze Gesicht gestrahlt. „Dieses Strahlen habe ich so sehr in Erinnerung behalten. Philipp war sich sicher, dass wir einen Schlafplatz finden würden“, sagte Johannes. Und tatsächlich fanden sie einen. „Ich glaube, diese Zeit mit Gott hat Philipps Leben krass verändert.“

Johannes Mickenbecker erzählte, was er von seinem Zwilliingsbruder Philipp gelernt hatte. Foto: IDEA/Erika Weiss

Wir müssen nicht alles schaffen

Sehr ehrlich berichtete Johannes von seiner eigenen Situation. Er sei im vergangenen halben Jahr sehr enttäuscht von Gott gewesen: „Ich habe in den letzten Tagen aber wieder gemerkt, wie gut es mir tut, die Beziehung mit Gott zu leben.“ Er habe so viel Kraft und Freude bekommen, um nicht zu verzweifeln: „In unserer Gesellschaft denken wir immer, dass wir alles schaffen müssen. Es ist so wichtig, dass wir uns Zeit für Gott nehmen“, so der 24-Jährige.

Bester Freund ließ sich taufen: Nun kann ich vieles abgeben

Vor wenigen Tagen ist das Buch „Real Life Stories“ (adeo) erschienen, in dem Philipp Mickenbeckers Freunde darüber berichten, wie er ihr Leben geprägt hat.

Auch Eric Westphal hat darin einen Brief an seinen besten Freund Philipp geschrieben. Er las ihn auf der Bühne vor: „Obwohl du mit dir selbst genug zu tun gehabt hättest und wir alle komplett mit deinem Schicksal überfordert waren, hast du die Stäke gehabt, für uns alle da zu sein.“ Philipp hatte seinen besten Freund ins Nachdenken über Jesus und den christlichen Glauben gebracht: Nur kurz nach dem Tod von Philipp ließ Eric sich taufen. Jetzt, ein Jahr später, ist er weiterhin dankbar, diesen Schritt gegangen zu sein: „Ich habe seitdem einen neuen Fokus im Leben. Ich kann sehr viele Dinge abgeben und muss sie nicht mehr kontrollieren. Das ist sehr befreiend.“ Philipp fehle ihm sehr: „Er hatte die Eigenschaft, Leute zusammenzubringen. Ich hätte niemals all diese Leute kennengelernt.“

Eric Westphal las aus dem neuen Buch der Real-Life-Guys vor. Foto: IDEA/Erika Weiss

Christopher Schacht: Gott hat Philipp nicht losgelassen

Christopher Schacht, der den Gottesdienst moderierte, betonte, wie wichtig es seinem Freund Philipp gewesen war, dass jeder Mensch die Liebe Gottes erfährt. Philipp selbst sei ergriffen davon gewesen. Schacht: „Vielleicht fragt sich hier einer, ob Gott Philipp fallen gelassen hat, weil er am Ende gestorben ist. Ich bin mir ganz sicher, dass Gott Philipp nicht für einen Bruchteil losgelassen hat. Er hält ihn jetzt ganz fest in seinem Arm.“

Warum das Kreuz so zentral ist

Die Besucher konnten im Anschluss an den Gottesdienst mitgebrachte Kerzen anzünden und sie in der Form eines Kreuzes aufstellen. Schacht erklärte dazu: „Das Kreuz ist ein Punkt der Schwachheit, hier geht es ans Äußerste.“ Er habe selten einen Menschen gesehen, der auf der einen Seite so schwach und auf der anderen Seite so stark war wie Philipp in den letzten Stunden seines Lebens: „Im Angesicht des Todes strahlte er. Wenn ich auf das Kreuz gucke, sehe ich etwas Ähnliches. Was bei Jesus am Kreuz wie menschliche Schwäche ausgesehen hat, war der größte Triumph der Geschichte.“ Und Schacht weiter: „Das ist auch einer der Gründe, warum wir das hier machen: Dass ihr erfahrt, welche Kraft im Kreuz ist.“

Die Besucher zündeten Kerzen an und stellten sie in Form eines Kreuzes auf. Foto: IDEA/Erika Weiss

Real-Life-Guys Fans

Nach dem Gottesdienst standen Hunderte Menschen Schlange, um Bilder mit Johannes und den anderen „Real Life Guys“ zu machen. Auch die Besucher konnten so ins Gespräch kommen. Die 18-jährige Magdalena erzählte: „Ich habe Philipps Geschichte verfolgt, kannte ihn aber nicht persönlich. Er hat mir gezeigt, dass wir als Christen ein Licht sein sollten für Jesus. Auch wenn es uns schlecht geht, sollten wir nicht in Selbstmitleid verfallen.“ Ihre Freundin Zoe sagte: „Mir ist durch Philipps Geschichte klar geworden, dass Gott mir immer zu Seite steht. Es ist nicht Gottes Schuld, wenn es bei mir mal nicht gut läuft. Er kann das Beste draus machen. Aus Leid kann so etwas Tolles entstehen.“

Janet Müller, die beste Freundin von Philipp, berichtete, dass sie im vergangenen Jahr viel unterwegs war und wenig zur Ruhe kam: „Ich habe in den letzten Tagen gemerkt, dass ich vielleicht auch davor wegrennen wollte, alles zu verarbeiten.“ Es sei für sie sehr emotional, viele Menschen wieder zu sehen, die auch bei der Beerdigung dabei waren: „Wir haben alle diese Trauer. Aber auf der anderen Seite diese Hoffnung, die auch Philipp hatte.“

Auch eine Lobpreisband war mit dabei. Foto:IDEA/Erika Weiss

Sabine Mickenbecker: Gott ist treu

Auch die Mutter der Zwillinge, Sabine Mickenbecker, war bei der Gedenkveranstaltung dabei. Das vergangene Jahr sei für sie anstrengend gewesen. Es sei kaum Zeit zum Trauern gewesen, berichtete sie im Gespräch: „So viele Menschen standen vor der Tür oder haben uns angerufen und uns ihre Geschichten erzählt. Durch Philipp habe ich so viele Enkelkinder dazugewonnen. Ich habe ständig etwas zu tun. Ich habe so viel Freude an Philipps Freunden.“

Und wie geht es ihr, wenn sie all die Menschen sieht, die zu dem Gedenkgottesdienst nach Pfungstadt gekommen sind? Ihre Antwort: „Das zeigt mir, dass Gott treu ist. Er hält sein Wort. Er hat gesagt, wenn das Weizenkorn nicht stirbt, dann bringt es keine Frucht. Aber durch den Tod bringt es tausendfältig Frucht.“ Und Philipp – da sind sich Sabine Mickenbecker und die Besucher des Gedenkgottesdienstes einig – hat viel Frucht gebracht.

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