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ESW kritisiert Besuchsregeln in Altenheimen

20.10.2020

Der neue ESW-Vorsitzende Fritz Schroth. Foto: ELKB/Rost
Der neue ESW-Vorsitzende Fritz Schroth. Foto: ELKB/Rost

Berlin/Bischofsheim (idea) – Scharfe Kritik an zum Teil „unmenschlichen“ Corona-Besuchsregeln in Alten- und Pflegeheimen übt das Evangelische Seniorenwerk (ESW, Berlin). In einer Mitteilung fordert der Interessensverband eine „Befreiung von kleinlich-strangulierenden Hygienevorschriften“. Stattdessen sei in der Corona-Pandemie mehr Herzlichkeit und Nächstenliebe gegenüber alten und schwachen Menschen geboten. Der neue ESW-Vorsitzende Fritz Schroth (Bischofsheim/Rhön) befürwortete gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea staatliche Vorgaben zur Eindämmung der Pandemie. „Doch die Umsetzung durch die Einrichtungen vor Ort ist das eigentliche Problem. Die Regeln dürfen Heimbewohnern nicht einfach übergestülpt werden.“ Würden Kontakte zwischen Bewohnern und Besuche von Angehörigen mancherorts weiterhin auf ein Minimum beschränkt, „sterben wir am Ende nicht an mangelnder Hygiene, sondern an Herzlosigkeit“, so der 78-Jährige. Immer häufiger erhalte er Berichte von Betroffenen, die sich isoliert fühlten, unter Einsamkeit litten, an Gewicht verlören oder Todessehnsucht verspürten. In einem Fall dürfe ein 93-jähriger Mann mit fünf Söhnen und mehreren Enkeln und Urenkeln in einem Altenheim nur einmal pro Woche von einer Person für eine Stunde besucht werden. „Das ist unmenschlich. Kein Mensch kann so leben“, kritisiert Schroth die Besuchsregel.

Sterben ohne Nähe von Verwandten ist Verletzung der Menschenwürde

Nach seinen Worten fürchten viele Senioren in Alten- und Pflegeheimen angesichts bundesweit steigender Infektionszahlen ein erneutes Besuchsverbot. „Dass Menschen ohne die Nähe von Verwandten bereits sterben mussten, war eine Verletzung der Würde der Sterbenden und der von Gott gebotenen Nächstenliebe.“ Warum sollten Verwandte unter Einhaltung der Hygienevorgaben nicht genauso wie Mitarbeiter und Pflegekräfte Zugang erhalten, fragt der ESW-Chef. In den wenigsten Fällen hätten Angehörige das Coronavirus in Einrichtungen übertragen. Ebenso sollten Seelsorger jederzeit Bewohner aufsuchen können, die ein geistliches Gespräch wünschen. „Gerade ältere Menschen, die vor den Toren der Ewigkeit stehen, müssen das Evangelium hören und seelsorglich in der letzten Lebensphase begleitet werden“, fordert Schroth.

Kirchen sollten Senioren eine Stimme geben

Ferner vermisst das ESW einen gesellschaftlichen Diskurs und die kritische Auseinandersetzung im Umgang mit Alten und Schwachen während der Corona-Pandemie. „Betroffene kommen kaum zu Wort. Das sollten sie aber. Das wollen wir als ESW anstoßen“, so Schroth. Häufig trauten sich Heimbewohner jedoch nicht, Beschwerden und Anliegen offen zu äußern, oder sie seien körperlich und geistig dazu nicht mehr in der Lage. Gerade Kirchen und Gemeinden sollten zu „Anwälten der Menschen“ werden und Senioren eine Stimme geben. Schroth zufolge wird in Kirchen wenig darüber gesprochen, wie es den Alten gehe. Sie hätten kaum Fürsprecher. Das Evangelische Seniorenwerk besteht seit 1991 und ist Mitglied der Diakonie Deutschland. Das bundesweite Netzwerk versteht sich als Interessensvertretung für Senioren gegenüber Gesellschaft, Kirche und Staat. Es vertritt rund 1.500 Mitglieder in drei Landesverbänden. Das ESW bietet Seminare und Tagungen an und veröffentlicht Stellungnahmen zu Themen mit Blick auf die ältere Generation. Schroth steht seit September an der Spitze des Werkes. Er wurde einstimmig zum Nachfolger von Baptistenpastor i. R. Elimar Brandt (Berlin) gewählt, der das ESW seit 2012 leitete. Der ehemalige bayerische Landessynodale Schroth war Gründer und langjähriger Leiter des christlichen Tagungs- und Erholungszentrums Hohe Rhön.

 

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