Glaube

Bilz: Christen sollen ihre Seele im Schmerz nicht manipulieren

Keine aufgesetzte Fröhlichkeit: Landesbischof Tobias Bilz ermutigt Christen, Schmerz offen auszusprechen statt ihn zu verdrängen. Klage habe in der Gemeinde genauso ihren Platz wie Hoffnung.

Lesezeit: 4 min

Landesbischof Tobias Bilz: „Manipuliert nicht eure Seele. Das ist eine Illusion“
Landesbischof Tobias Bilz: „Manipuliert nicht eure Seele. Das ist eine Illusion“ Screenshot: YouTube Allianzkonferenz 2026

Christen sollen im Umgang mit Leid und Schmerz ehrlich sein und ihre Gefühle nicht unterdrücken. Das hat der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Tobias Bilz (Dresden), am 7. August bei einer Bibelarbeit über Hiob 3,1 –26 während der 130. Allianzkonferenz im thüringischen Bad Blankenburg betont. Die Konferenz findet vom 5. bis 9. August statt und steht unter dem Thema „hiobsBOTSCHAFT“.

Glaube sitzt im Geist, nicht in der Seele

Bilz warnte davor, dass sich unter Christen eine „fröhliche Tapferkeit“ breitmache, bei der Betroffene ihren wahren Zustand verbergen. Auf die Frage nach dem Befinden werde häufig geantwortet: „Gut, danke, dass du nachfragst. Wir stehen im Glauben.“ In Wahrheit sei mancher jedoch „fertig“ oder sogar „mit Gott fertig“. Der Landesbischof appellierte eindringlich: „Manipuliert nicht eure Seele. Das ist eine Illusion.“ 

Zentral sei die Unterscheidung zwischen Glaube und seelischer Empfindung: „Unser Glaube sitzt im Geist und nicht in der Seele.“ Dass Christen Gott vertrauten, sei „eine Etage tiefer als die Seele“. Seelische Empfindungen seien „noch etwas anderes als der Glaube im Herzen, im Innersten“. Als Beispiel nannte er einen kürzlich verstorbenen Freund, der ihm gesagt habe: „Ich habe überhaupt keine Angst vorm Sterben.“ Zugleich sei dieser „entsetzlich traurig“ über die bevorstehende Trennung von seiner Familie gewesen. 

Genau diese Differenzierung sei entscheidend: im Herzen zu glauben, ohne die Seele zu einer Fröhlichkeit zu zwingen, die nicht da sei.

Klagen muss seinen Platz haben

Christliche Gemeinschaft müsse deshalb ein Ort sein, an dem Klage ihren Platz habe. Wer morgens niedergeschlagen in die Gemeinde komme, solle sein „Lächeln nicht einschalten“. Gerade in Kreisen, in denen „immerfort die Erfolgsmeldungen zählen“, fühlten sich Menschen ausgegrenzt, die gerade nichts mit Gott erlebt hätten. Manche konstruierten dann sogar passende Geschichten, um dazuzugehören. Das sei nicht, was Gott gefalle.

Auch Gott leidet – wenn Menschen sich entfremden

Bilz sprach neben körperlichem und seelischem auch von „geistlichem Schmerz“. Dieser stelle sich ein, wenn Christen meinten, „Gott ist nicht mehr da“ oder ihre bisherigen Antworten nicht mehr auf die Fragen des Lebens passten. Zugleich gebe es auch auf Gottes Seite Schmerz – nämlich dann, „wenn seine Kinder sterben“. Angesichts von Kirchenaustritten und Entfremdung stellte Bilz die Frage: „Was denken wir denn, wie es Gott geht, wenn Menschen geistig sterben?“ Er sei überzeugt: „Es schmerzt Gott.“

Unterschied zwischen Jammern und Klagen

Der Landesbischof mahnte, zwischen echtem Leid und bloßem Jammern zu unterscheiden. In Deutschland gehe die Fähigkeit verloren, Schmerz auszuhalten. „Es sind immer kleinere Dinge, die uns völlig aus der Bahn werfen.“ Bilz erzählte von seinen Großvätern, die zehn Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht hätten und dennoch „fröhlich“ geblieben seien.

Persönliche Erfahrung nach verlorener Bischofswahl

Bilz berichtete von seiner eigenen Erfahrung mit tiefer Enttäuschung. Bei seiner ersten Kandidatur für das sächsische Bischofsamt 2015 sei er im sechsten Wahlgang mit zwei Stimmen unterlegen. Er habe die Kandidatur zuvor als Ruf Gottes empfunden. Nach der Niederlage sei er über Felder gelaufen und habe geschrien: „Gott, das kann doch nicht sein!“ In solchen Momenten verliere man „religiöses Verhalten“ und einstudiertes Beten – „wenn es um die nackte Existenz geht, dann wird es ehrlich“.

Gemeinschaft ohne Worte

Bilz berichtete auch von seiner Erfahrung als „Landpfarrer“. Er habe einer Familie die Nachricht vom Unfalltod der erwachsenen Tochter überbringen müssen. Er habe keine Worte gehabt und einfach dabeigesessen. Später habe die Mutter ihm gesagt, gerade dieses Schweigen sei „so gut“ gewesen. Christen sollten „eine große Gemeinschaft sein“ und Leidende nicht allein lassen.

Hoffnung auf das Reich Gottes

Zum Schluss rief Bilz dazu auf, die Hoffnung auf das „Reich Gottes“ wiederzugewinnen. Diese Botschaft sei „gestohlen worden“, vermutlich durch den Wohlstand. Wer das Leben nur auf diese Welt beziehe, bleibe „völlig im Kummer“. Er schloss mit den Worten: „Es gibt keinen Segen ohne Schmerz. Aber es gibt auch keinen Schmerz ohne Segen.“ 

Die EAD blickt 2026 auf prägende Meilensteine zurück: Vor 180 Jahren wurde in London der Grundstein für die weltweite Allianzbewegung gelegt – von Beginn an unter deutscher Beteiligung. Vor 140 Jahren fand die erste Bad Blankenburger Allianzkonferenz statt. Die diesjährige ist die 130. Konferenz.

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