Nachruf
Erinnerungen an den Lehrer des württembergischen Pietismus
07.04.2026

Zum Tod des früheren württembergischen Landesbischofs Prof. Gerhard Maier ein Nachruf des Vorsitzenden der „ChristusBewegung Lebendige Gemeinde“, Friedemann Kuttler, und des Rektors der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) und Studenten Maiers, Prof. Volker Gäckle
Dass Gerhard Maier einmal zu einem der großen Lehrer des württembergischen Pietismus werden würde, war dem gebürtigen Ulmer nicht in die Wiege gelegt.
Zunächst wurde sein Leben weniger vom christlichen Glauben als von den Ideen des Marxismus geprägt, und auch beruflich deutete nichts daraufhin, dass der studierte Jurist einmal zu einer der prägenden Persönlichkeiten der württembergischen Kirchengeschichte der letzten 60 Jahre werden sollte.
Die Lebenswende kam so unerwartet wie radikal. Es gehört zu den besonderen Wundern des Heiligen Geistes, dass sich der hochgebildete Jurist unter dem Eindruck einer Evangelisationspredigt des Walddorfhäslacher Evangelisten Karl Wezel bekehrte. Es waren nicht die „überredenden Worte menschlicher Weisheit“, sondern die Kraft der schlichten Botschaft des unstudierten Bauernsohns und Handwerkers, der später als Landesjugendwart beim Evangelischen Jungmännerwerk wirkte, die dem hochgebildeten jungen Juristen zum Glauben verhalf.
Dass diese Lebenswende am selben Abend auch seiner Frau Gudrun geschenkt wurde und das junge Paar fortan gemeinsam im Glauben an Jesus Christus ihr Leben führte, kann für die weitere Arbeit Gerhard Maiers und ihre Wirkung nicht hoch genug geschätzt werden. Dem Ehepaar wurden vier Söhne, später ebenso viele Schwiegertöchter und zahlreiche Enkel geschenkt.
Bald war klar, dass mit der Lebenswende auch eine berufliche Wende einhergehen musste – aber in welche Richtung? Zunächst entschied sich Gerhard Maier für ein Studium der Kunstgeschichte in Venedig. Diese kurze, letztlich nur ein Semester dauernde Episode sollte aber insofern nachhaltig wirken, als seine Studierenden auf späteren Studienreisen nicht nur theologische und historische Einblicke zu hören beka-men, sondern auch kunstgeschichtliche Exkurse.
„Das 1975 erschienene Buch über ‚Das Ende der historisch-kritischen Methode‘ war eine Provokation für die gesamte universitäre Theologie.“
Den roten Faden seines Lebens fand Gerhard Maier schließlich in der Theologie … und wie! Das Studium beendete er in nur sechs Semestern, um sofort im Anschluss im Rahmen einer Assistenzstelle mit einer Promotion bei Prof. Dr. Otto Michel zu beginnen. In dieser Zeit reifte auch das theologische Thema, das Gerhard Maier sein Leben lang begleiten sollte: die hermeneutische Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Schriftauslegung.
Das 1975 erschienene Buch über „Das Ende der historisch-kritischen Methode“ war eine Provokation für die gesamte universitäre Theologie und wurde zur Programmschrift seines theologischen Schaffens. Es ging Gerhard Maier immer um eine Schriftauslegung, die in wissenschaftlicher Hinsicht rechenschaftsfähig war und gleichzeitig an der Vertrauenswürdigkeit der Heiligen Schrift festhielt.
In der 15 Jahre später in mittlerweile 16 Auflagen erschienenen „Biblischen Hermeneutik“ aus dem Jahr 1990 fand das Ringen um gangbare Wege einer Schriftauslegung einen gewissen Abschluss. Zwischen beiden Büchern lagen Jahre teils massiver theologischer Auseinandersetzungen, die Gerhard Maier letztlich auch eine universitäre Laufbahn gekostet haben. Bedauert hat er dies nie, sah er sich doch auch in diesen Auseinandersetzungen geistlich geführt.
Theologische Kompromisse zu machen, um sich eigene Karrierechancen nicht zu verbauen, war nicht die Sache von Gerhard Maier. Es war diese Geradlinigkeit, gepaart mit einer pietistischen Bescheidenheit und Demut, die ihn für seine Studentinnen und Studenten zu einem Lehrer werden ließ, dem man nicht nur folgte, weil er mit wissenschaftlichen Argumenten und intellektueller Weitsicht beeindruckte, sondern auch mit einem geistlichen Lebensstil, der ansteckend und authentisch war.
„In den 22 Jahren seiner Arbeit im Albrecht-Bengel-Haus prägte Gerhard Maier eine ganze Generation junger Theologinnen und Theologen, weit über die Grenzen Württembergs und Deutschlands hinaus.“
Die beruflichen Höhepunkte des Lebensweges von Gerhard Maier mögen die Verantwortung in der Ulmer Prälatur (1995–2001) und schließlich die Wahl zum Landesbischof der württembergischen Landeskirche (2001–2005) gewesen sein. Seine sowohl wissenschaftlich als auch geistlich-theologisch fruchtbarsten Jahre waren jedoch die 22 Jahre im Albrecht-Bengel-Haus (1973–1995). In diesen Jahren reifte nicht nur sein hermeneutisches Programm einer biblischen Hermeneutik bzw. einer historisch-biblischen Methode. In dieser Zeit wurde Gerhard Maier auch zum prägenden Theologen des württembergischen Pietismus und weit darüber hinaus. Die von ihm im Hänssler-Verlag herausgegebene Edition C-Kommentarreihe, zu der er selbst die Kommentare zu sämtlichen Evangelien beitrug, wurde zu einem Klassiker gemeindeorientierter Bibelkommentare.
Dazu kam noch seine Verfasserschaft von zahlreichen Kommentaren der Wuppertaler Studienbibel und später die Mitherausgeberschaft der an wissenschaftlichen Standards orientierten „Historisch-theologischen Auslegung“ (HTA). Insgesamt hat Gerhard Maier in unterschiedlichen Kommentarreihen nicht weniger als 15 biblische Bücher kommentiert und darüber hinaus noch zahlreiche weitere geistlich-theologische Bücher geschrieben.
In den 22 Jahren seiner Arbeit im Albrecht-Bengel-Haus, zunächst als Studienleiter, ab 1980 als Rektor, prägte Gerhard Maier eine ganze Generation junger Theologinnen und Theologen, und zwar weit über die Grenzen Württembergs und Deutschlands hinaus. Seine Liebe zur Heiligen Schrift und die hermeneutische Linie, die in dieser Liebe ihren Ursprung hatte, ließen ihn auch im internationalen Kontext zum gefragten Gesprächspartner für konservative und evangelikale Theologen in ganz Europa werden. Die Gastprofessuren an der Theologischen Fakultät in Leuven (Belgien) und an der Staatsunabhängigen Hochschule in Basel, die Ehrendoktorwürde der Kirchlichen Hochschule für Theologie in Zhirovischi (Weißrussland) und die Ehrenprofessur der Universität Galati (Rumänien) geben davon Zeugnis.
Eine weitere Liebe hatte Gerhard Maier aber auch für seine Kirche und ihre Gemeinden. Schon in der Zeit des Vikariats und ersten Pfarramts im Schwarzwalddorf Baiersbronn (1968-1973) entfesselte der junge Vikar und Pfarrer in nur fünf Jahren ein blühendes Gemeindeleben. In den Tübinger Jahren im Albrecht-Bengel-Haus war Gerhard Maier mit ungezählten Predigtdiensten, Bibelabenden und Bibelwochen in Württemberg und darüber hinaus unterwegs. Die obligatorischen Gemeindebesuche, welche die Studierenden in den ersten Semestern mit Gerhard Maier durchführten, vermittelten den Beteiligten früh einen Eindruck von der Bekanntheit und Beliebtheit ihres Lehrers.
Die Liebe zu seiner Kirche fand ihren Ausdruck in der 18-jährigen Mitarbeit in drei Synodalperioden, in denen Gerhard Maier als Mitglied des Gesprächskreises der Lebendigen Gemeinde der württembergischen Landessynode (1971–1977, 1983–1995) angehörte. Dort lernten die Kirchenleitung und die Mitsynodalen Gerhard Maier nicht nur als profilierten und hochkompetenten Streiter für die Vertrauenswürdigkeit und Autorität der Bibel kennen, sondern durchaus auch als Brückenbauer im kirchenpolitischen Ringen zwischen den in Württemberg traditionell stark polarisierten Gesprächskreisen.
Dass Gerhard Maier nach einer – wieder einmal – gescheiterten Bischofswahl im Jahr 2001 als Konsenskandidat von allen Gesprächskreise gewählt wurde, überraschte nur Außenstehende. Bei Kirchenleitung und Synodalen hatte sich Gerhard Maier über mehr als zwei Jahrzehnte als Synodalmitglied und später als Prälat in Ulm so viel Vertrauen erworben, dass die Wahl letztlich keine Überraschung mehr war.
Schließlich galt seine Liebe dem Pietismus und der evangelikalen Bewegung. Es ist hier nicht möglich, alle Ehrenämter aufzulisten, in denen sich Gerhard Maier engagierte, aber sein langjähriges Engagement im Landesbrüderrat des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes (heute: Die Apis - Evangelischer Gemeinschaftsverband in Württemberg), im Vorstand des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT), im Vorsitz der Deutschen Indianer-Pionier-Mission (DIPM), im Kuratorium von ProChrist und im Hochschulrat der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) müssen erwähnt werden.
Die zahlreichen Parallelen in den Lebenslinien von Gerhard Maier und dem Namensgeber des von ihm geleiteten Albrecht-Bengel-Hauses sind schon vielen aufgefallen: Die Liebe zur Heiligen Schrift, die 20 bzw. 28 Jahre währende Arbeit mit jungen Theologiestudierenden vor bzw. während des Theologiestudiums, die beiden zuteilgewordene Unterschätzung vonseiten der zeitgenössischen universitären Theologie, die kirchliche Laufbahn als Prälaten bzw. in der Kirchenleitung am Ende der beruflichen Karriere und die Liebe und Verehrung von Schülern, Gemeindegliedern und Weggefährten, die beiden schon zu Lebzeiten erfahren durften … all das springt ins Auge. Mit beiden wurden dem württembergischen Pietismus in unterschiedlichen Epochen Persönlichkeiten geschenkt, die ihre Zeit prägten. Der württembergische Pietismus verneigt sich vor einem seiner bedeutendsten Lehrer.
Jesus. An wen sonst sollten wir glauben?
Lesen Sie hier einen weiteren Nachruf auf Prof. Gerhard Maier vom Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses, Matthias Deuschle, und dessen Vorsitzenden Andreas Streich

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