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SPD-Parlamentarierin
08. Juli 2019

Bluttests bei Downsyndrom: „Unglaublich hohe Abtreibungsquote“

Die Wetzlarer SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt. Foto: Heiner Jung
Die Wetzlarer SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt. Foto: Heiner Jung

Wetzlar (idea) – In der Diskussion über vorgeburtliche genetische Bluttests hat sich die Wetzlarer SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt noch nicht festgelegt, ob diese Tests künftig von den Krankenkassen bezahlt werden sollten. Wesentlich für diese Entscheidung seien die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sagte sie der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Schmidt ist Mutter eines sechsjährigen Sohnes mit Downsyndrom. Sie habe sich mit dem Vater des Kindes bewusst gegen den Bluttest entschieden. Mit den Verfahren lässt sich bei ungeborenen Kindern eine Trisomie – zum Beispiel das Downsyndrom – feststellen. Wie Schmidt sagte, sind einerseits die gegenwärtig von den Krankenkassen bezahlten Fruchtwasseruntersuchungen risikoreicher als Bluttests. Andererseits hätten auch die Bluttests ein hohes Unsicherheitspotenzial. Schmidt: „Je jünger eine Frau ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Test ein falsches Ergebnis liefert.“ Um das Resultat zu überprüfen, seien dann erneut Fruchtwasseruntersuchungen nötig. Schmidt weiter: „Wir müssen die Frage klären, welche Dynamik so eine Regelleistung entfaltet.“ Am Ende werde es womöglich mehr Fruchtwasseruntersuchungen als heute geben: „Deswegen muss geklärt werden, ob es um alle oder um sogenannte Risikoschwangerschaften geht und was genau eine Risikoschwangerschaft ausmacht.“ Zudem müsse auch geregelt werden, wie man mit der Information umgehe, wenn der Test ergibt, dass das Kind möglicherweise das Downsyndrom (Trisomie 21) hat. Schmidt plädiert dafür, dass die Eltern vor einem Bluttest eine Beratung erhalten, um sich zu informieren, was es mit dem Downsyndrom überhaupt auf sich hat: „Menschen mit Downsyndrom können ein genauso glückliches Leben führen wie alle Menschen.“ Mit einem Bluttest könne keinesfalls grundsätzlich eine Behinderung ausgeschlossen werden. Ferner plädiert sie dafür, dass es auch ein Recht auf Nichtwissen geben muss.

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Für eine solidarische Gesellschaft

Die seit 2012 in Deutschland verfügbaren Bluttests auf das Downsyndrom müssen Schwangere derzeit aus der eigenen Tasche bezahlen. Der Gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Beschlussgremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, wird voraussichtlich im Spätsommer eine Entscheidung darüber fällen, ob der Test künftig von den Krankenkassen bezahlt wird: „Die eigentliche soziale Frage stellt sich nicht vor der Geburt, sondern nach der Geburt eines Kindes mit besonderen Herausforderungen.“ Schmidt weiter: „Wir wollen eine solidarische Gesellschaft, in der es den Eltern leichtgemacht wird, sich für jedes Kind zu entscheiden, weil es die gesellschaftliche Unterstützung erhält.“

Mehr Aufklärung nötig

Sie bedauert, dass Eltern nach einem Bluttest vor der Frage stehen, was mit dem Kind geschehen soll, wenn es nicht gesund ist: „All das führt zu einer unglaublich hohen Abtreibungsquote. Auch weil Ärzte selbst wenig darüber wissen, wie ein Leben mit Downsyndrom läuft.“ Deshalb sei mehr Aufklärung nötig. Sie kenne Eltern, die eine Abtreibung vornehmen ließen, weil ihnen Ärzte dazu geraten hätten. Doch manche kämen mit dieser Entscheidung ihr Leben lang nicht zurecht. Nach Schätzungen werden über 90 Prozent der ungeborenen Kinder mit Downsyndrom abgetrieben.

Kassenfinanzierung wäre Signal an Behinderte: „Ihr seid nicht erwünscht“

Schmidt zufolge ist ihr Sohn lebenslustig und kann einfache Wörter lesen, seit er fünf Jahre alt ist. Die Politikerin: „Bei einem Treffen von Kindern und Eltern mit Downsyndrom kam eine Familie dazu, die befürchtete, auf lauter frustrierte Eltern zu treffen.“ Stattdessen habe sie „lauter fröhliche Kinder und Eltern“ vorgefunden, „die gemeinsam viel Spaß hatten“. Wichtig ist, dass man sich auch in schwierigen Zeiten gegenseitig unterstützt. Wenn der Test zur Regelleistung der Krankenkasse werde, sei dies zudem ein Signal an Menschen mit Behinderungen: „Ihr seid nicht erwünscht.“ Dieses Signal wolle sie nicht. Ihr Fazit: „Ich würde alles wieder genauso machen, und ich würde wieder genau dieses Kind haben wollen.“

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