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Pro & Kontra
03. Juni 2020

Sollte man das Gendersternchen verwenden?

Die sogenannte gendergerechte Sprache wird immer gebräuchlicher – auch unter Christen. Foto: idea / Simmer
Die sogenannte gendergerechte Sprache wird immer gebräuchlicher – auch unter Christen. Foto: idea / Simmer

Wetzlar (idea) – Die sogenannte gendergerechte Sprache wird immer gebräuchlicher. Ein Symbol ist das Gendersternchen. Es soll nach der Argumentation der Befürworter zugleich Männer und Frauen, aber auch andere Geschlechteridentitäten bezeichnen (z. B. Kolleg*innen oder Verkäufer*in). Evangelische Kirchen gendern in ihren Veröffentlichungen schon länger, evangelikale Verlage tun es vereinzelt.

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Soll man das Gendersternchen verwenden? Dazu äußern sich ein Soziologe und ein Theologe in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

Pro: Der Genderstern repräsentiert das komplette Menschengeschlecht in aller Vielfalt

Für Tobias Künkler, Professor für Interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel, hat das Gendersternchen einen „unschlagbaren Vorteil“: „Es repräsentiert das komplette Menschengeschlecht in aller Vielfalt, z. B. auch diejenigen, die Gott so geschaffen hat, dass sie mit biologisch nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt gekommen sind.“ Künkler räumt ein, dass es „nervig“ ist, mit Gendersternchen zu schreiben.

Zum Einwand, damit Teil der Genderideologie zu werden, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Werde ich Teil von Fridays for future, wenn ich Ökostrom beziehe?“ Er sei überzeugt, „in Christus ist weder Mann noch Frau“ (Galater 3,28). Die Gleichwürdigkeit aller Menschen gelte unabhängig von ihrem Geschlecht. „Dies zum Ausdruck zu bringen, ist für mich Teil der Nachfolge Christi“, so Künkler. Gemeinsam mit Prof. Tobias Faix leitet er das Forschungsinstitut empirica für Jugendkultur und Religion an der CVJM-Hochschule.

Kontra: Durch das Gendern entsteht nicht mehr Gerechtigkeit

Gegen die Verwendung des Gendersterns spricht sich der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT), Prof. Christoph Raedel (Gießen), aus. Nach seiner Ansicht zeigt sich im Versuch, die Sprache geschlechtergerecht zu machen, ein Kategorienfehler: „Denn dabei werde grammatikalisches und biologisches Geschlecht verwechselt.“ Es sei doch klar: „Mein Gast kann eine Frau sein, der Kuchen, den ich anbiete, ist nicht männlich, und wäre eines meiner Kinder ‚divers‘, wäre es nicht sächlich.“ Sprache sei nicht logisch und nicht gerecht.

Zur Klage kleiner Gruppen, dass die Sprache ungerechte Machtverhältnisse stabilisiere, schreibt Raedel: „Und das soll sich durch das Gendern ändern? Wohl kaum.“ Es wechsele nur, wer die Macht ausübe: „Das neue Sprachregime sucht nicht das Ringen um das bessere Argument und zeigt kein Verständnis für Widerspruch.“ „Gender-Kritiker“ würden bloßgestellt und ausgegrenzt. Raedel ist Professor für Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen.

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