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Bericht

Katar: Wie es den Christen im Land der Fußball-WM geht

20.11.2022

Die wenigen legalen Gottesdienste in Katar sind stets überfüllt. Foto: Open Doors
Die wenigen legalen Gottesdienste in Katar sind stets überfüllt. Foto: Open Doors

Katar ist der umstrittene Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft 2022: Der wohlhabende Ölstaat steht wegen massiver Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Auch die Religionsfreiheit ist stark eingeschränkt. Die Christen im Land wollen sich wegen möglicher Konsequenzen nicht öffentlich äußern. Open Doors Deutschland gibt einen Einblick in ihre Lebenslage. Aus Sicherheitsgründen und auf ausdrückliche Bitte von Christen in Katar wird auf persönliche Beispiele verzichtet. Dieser Beitrag ist zuerst in der IDEA-Spezialausgabe „Christenverfolgung“ erschienen. Das Spezial kann unter idea.de/verfolgung bestellt werden.

Nach außen gibt sich Katar und sein Königshaus liberal. Der Islam ist Staatsreligion und die Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung. Dennoch dürfen Juden, Muslime und Christen ihre Religion ausüben, sofern die öffentliche Ordnung und Moral gewahrt bleiben.

Die erste Kirche des Landes wurde trotzdem erst 2008 eingeweiht. Sie befindet sich in einem streng überwachten Gebäudekomplex vor den Toren der Hauptstadt Doha. Muslimen ist der Zutritt strengstens verboten. Die Regierung betrachtet den Glauben der etwa 372.000 Christen als fremden Einfluss, sieht es aber im Interesse Katars, Christen gewisse Freiheiten in der Religionsausübung zu gewähren.

Enges Religionskorsett

Das Korsett der Religionsfreiheit in Katar ist für alle Bürger sehr eng: Nach geltendem islamischen Recht ist es Muslimen untersagt, ihre Religion zu wechseln. Wer den Islam verlässt, muss mit Gewalt seitens der (Groß-)Familie sowie Strafverfolgung und Überwachung durch die Behörden rechnen. Für „Abtrünnige“ ist die Todesstrafe vorgesehen, die jedoch seit der Unabhängigkeit Katars 1971 nicht vollstreckt wurde.

Tatsächlich sieht es die Familie als große Schande an, wenn herauskäme, dass einer der ihren Christ geworden ist. So werden Behörden nur selten eingeschaltet und die Angehörigen selbst aktiv: Männer werden verprügelt oder verlieren durch Rufmord alles, was sie besitzen. Frauen werden nicht selten eingesperrt oder mit einem strenggläubigen Muslim zwangsverheiratet. Vereinzelt kommt es gar zu sogenannten „Ehrenmorden“.

(Selbst)zensur

Die persönliche Kommunikation in den sozialen Netzwerken und E-Mails wird von den Sicherheitskräften überwacht. Um ihren Arbeits- und Aufenthaltsstatus nicht zu gefährden, beschränken sich Nichtstaatsbürger daher oft selbst. Die Regierung zensiert oder verbietet in Print- und Sozialen Medien aus ihrer Sicht „anstößige“ religiöse Inhalte. Darüber hinaus reguliert sie die Veröffentlichung, Einfuhr und Verteilung von religiösen Büchern und Materialien streng.

Der Besitz von schriftlichen und weiteren Materialien, die missionarische Aktivitäten fördern, wird mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und einer Geldstrafe von 10.000 Riyal (ca. 2.700 Euro) geahndet. Muslime zu missionieren ist streng verboten und wird mit Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren geahndet. Der Missionierung beschuldigte Personen hat die Regierung in den letzten Jahren jedoch ohne Gerichtsverfahren des Landes verwiesen. Mission findet dennoch statt – wenn auch äußerst vorsichtig und auf persönlicher Ebene.

Zwischen Moderne und Stammessystem

Die Stammeszugehörigkeit spielt in der katarischen Gesellschaft trotz des Einzugs der Moderne eine große Rolle. Uralte Normen sind immer noch vorherrschend. Dieser Tribalismus ist stark mit dem Islam vermischt. Wie im übrigen Nahen Osten ist in Katar die Religion mit der Familienidentität verbunden. Daher wird die Abkehr vom Islam als Verrat an der eigenen Familie gesehen. Familien üben starken gesellschaftlichen Druck auf Konvertiten aus, damit diese zum Islam zurückkehren oder über ihren neuen Glauben schweigen. Ex-Musliminnen sind besonders schutzlos gegenüber Verfolgung durch ihre Familien. Konvertiten insgesamt sind in vielen Fällen körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt. Berichte über Verfolgung und Diskriminierung von einheimischen katarischen Christen sind jedoch selten, weil ihre Zahl gering ist und sie ihren Glauben geheim halten. Die Ausübung ihres Glaubens findet – wenn überhaupt – im Privaten statt. Viele von ihnen fanden über das Internet oder während Auslandsaufenthalten zum christlichen Glauben.

Der weitaus größte Teil der Christen sind Gastarbeiter. Zumeist handelt es sich um Katholiken. Diese dürfen in dem dafür ausgewiesenen „Mesaymeer Religious Compound“ Gottesdienste und Treffen abhalten. Aufgrund der großen Zahl an Christen ist das Areal aber überfüllt, da sich mehr als 80 Gemeinden verschiedener Nationalitäten und Sprachen versammeln. Deshalb hatte die Regierung kurzfristig inoffiziell auch Treffen in Hauskirchen erlaubt. Covid-19 beendete im März 2020 diese kleine Freiheit. Nach dem Ende der Corona-Beschränkungen durften nur 61 der 150 Hauskirchen wiedereröffnen.

Schutz- und rechtlos

Kleine Zugeständnisse an die ausländischen Christen täuschen jedoch darüber hinweg, dass sie häufig schutz- und rechtlos sind. Besonders gefährdet sind die Frauen und insbesondere die Christinnen unter ihnen. Häufig arbeiten sie im Haushalt von Katarern. Über sie heißt es im Länderprofil des Index für Geschlechtergerechtigkeit der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) 2019: „Hausangestellte sind nicht durch das Arbeitsgesetz geschützt. Sie werden oft verspätet oder gar nicht bezahlt, müssen übermäßig lange arbeiten, haben keinen freien Tag und nur unzureichenden Wohnraum.“

Laut Amnesty International gibt es für viele kaum oder keine Bewegungs- und Kommunikationsfreiheit, sie sind andauernd erniedrigender Behandlung und Zwangsarbeit ausgesetzt. Die Hausmädchen selbst schämen sich oft wegen des Missbrauchs und wollen nicht als „schmutzig“ angesehen werden, weder in Katar selbst noch von ihrer Familie zu Hause. Sie ertragen Leid und Schmach, auch um die dringend benötigte Einkommensquelle für ihre Familien in ihren Heimatländern nicht zu gefährden. Frauenrechte sind im wahhabitischen Islam Katars allgemein stark eingeschränkt. Christinnen betrifft das als „Ungläubige“ noch stärker als muslimische Frauen.

Weltmeisterschaft als Brennglas

Mit der Fußballweltmeisterschaft blickt die Welt auf Katar und damit auch auf die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen. Das Großereignis birgt jedoch auch das Potenzial, die Situation der Glaubensgeschwister nachhaltig zu verändern: Noch nie hat die Weltgemeinschaft so genau auf die Rechte der Arbeitsmigranten in diesem Land geschaut und darüber gesprochen. Open Doors ruft daher zum Gebet für die dort lebenden Christen, aber auch für die Entscheidungsträger im Land auf.

Mehr Informationen zu den Inhalten der IDEA-Spezialausgabe erhalten Sie hier.

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