Kommentar
Wenn ein Wal den Erlöser ersetzt
Im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater wurde das Schicksal des gestrandeten Buckelwals „Timmy“ als blasphemisches Spektakel inszeniert. Dazu ein Kommentar von IDEA-Redakteur Daniel Scholaster
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Im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater feierte kürzlich das Stück „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt“ Premiere. Regisseur Alexander Klessinger hat darin die Geschichte des im März gestrandeten Buckelwals zu einer Inszenierung verarbeitet, die bewusst die Struktur einer katholischen Messe nachahmt.
Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, zieht Weihrauch durch den Saal, Orgelmusik erklingt und ein aufblasbarer Wal wird in feierlicher Prozession zum Altar getragen. Ein als Priester gekleideter Darsteller breitet die Arme aus und spricht: „Der Wal sei mit euch!“ Zur „Gabenbereitung“ werden die Innereien des Wals durch den Fleischwolf gedreht.
Und als wäre das nicht genug, wird der Wal schließlich ans Kreuz gehängt – das zentrale Symbol des christlichen Glaubens, das Zeichen für das Leiden und Sterben des Gottessohnes für die Sünden der Menschheit, wird zur Requisite einer Tierkomödie. Es ist schwer, darin etwas anderes zu sehen als eine gezielte Verhöhnung der Passion Christi.
Wo der Spott regiert, ist nichts mehr heilig
Was an diesem Abend besonders nachdenklich stimmt, ist die Reaktion des Publikums. Zwei Zuschauer aus Buxtehude zeigten sich laut „Bild“ „geschockt“, weil das Publikum über das Leiden und Sterben eines Tieres gejubelt und gelacht habe. Ihr Entsetzen galt also dem fehlenden Mitgefühl gegenüber der Kreatur – nicht der Blasphemie.
Und genau darin liegt das eigentliche Problem: Dass die Inszenierung die Passion Christi zur komödiantischen Schablone für die Geschichte eines gestrandeten Meeressäugetiers degradiert, fällt offenbar niemandem auf. Zwei junge Zuschauer fanden die Verbindung des Themas mit Religion „sehr lustig“. Vielen Menschen ist gar nicht mehr bewusst, dass hier etwas zutiefst Blasphemisches geschieht. Sie sind so säkular geprägt, dass ihnen jedes Gespür für die religiösen Gefühle anderer abhandengekommen ist. Sie spotten über alles und jeden, weil ihnen nichts mehr heilig ist.
Es ist bezeichnend, dass sich die Inszenierung bedenkenlos an der christlichen Liturgie vergreift, während eine vergleichbare Parodie islamischer Rituale undenkbar wäre. Schließlich müssten die Verantwortlichen die möglichen Reaktionen aufgebrachter Muslime fürchten. Doch die Friedfertigkeit der Christen sollte nicht als Freibrief missbraucht werden, öffentlich über ihren Erlöser zu lästern. Wer den Spott über das Heilige widerspruchslos hinnimmt, gibt am Ende nicht nur seinen Glauben preis – sondern auch den letzten Rest an Ehrfurcht, der eine Gesellschaft zusammenhält.