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08. Dezember 2017

Vaterunser: Eine Änderung des Wortlauts erspart niemandem dunkle Stunden

Papst Franziskus hat die in Deutschland verwendete Fassung der Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Matthäus 6,13a) als „keine gute Übersetzung“ kritisiert. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle, so der Papst. Dazu ein Beitrag von dem früheren thüringischen Landesbischof Prof. Christoph Kähler (Leipzig).

Der Wortlaut des Vaterunsers „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Matthäus 6,13a) ist keine Frage der richtigen Übersetzung, sondern der angemessenen Deutung. Diese alte Formulierung ist in den deutschsprachigen Gemeinden schon vor Martin Luther nachweisbar und gibt den griechischen Text korrekt wieder; der Reformator hat den Wortlaut seit seiner Übersetzung des Neuen Testaments von 1522 nicht geändert. Sehr viele andere deutsche Bibelübersetzungen halten sich ebenfalls an diese alte Fassung und haben diesen Satz nicht verändert, weder in lutherischen noch in katholischen noch in reformierten Bibeln. Eine ziemlich wörtliche Übersetzung des ursprünglichen griechischen Text wäre stilistisch nicht ganz so gut: „und nicht führe uns hinein in Versuchung“ (Münchener Neues Testament 1998). Moderne Bibelübertragungen, die anders lauten, versuchen jeweils eine Deutung des Gemeinten und setzen dem griechischen Ausgangstext etwas hinzu; z. B. die „Gute Nachricht Bibel“ (1997): „Lass uns nicht in Gefahr kommen, dir untreu zu werden.“

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Der Wortlaut ist gewiss keine Autorenübersetzung am Schreibtisch

Frühere Überlegungen, ob ein aramäischer Text von den ersten Christen unangemessen, ja falsch übersetzt worden sein könnte, scheitern schlicht daran, dass dieser Wortlaut ganz gewiss keine Autorenübersetzung am Schreibtisch war, sondern sich in zweisprachigen Gemeinden vollzog und bewährte, die solche Übersetzungen noch von mehreren Gemeindegliedern kontrollieren und verbessern lassen konnten. Dass so etwas geschehen ist, erweist sich an Lukas 11,4a, wo der Wortlaut im Griechischen etwas von Matthäus 6,12 abweicht. Solche Theorien, nach denen wir heute antiken Autoren Fehler nachweisen könnten, werden heute von Fachleuten nicht mehr vertreten.

Gott lässt die Versuchung zu

Zur angemessenen Deutung biblischer Stellen gehört es, andere Bibeltexte zur Erläuterung heranzuziehen. Für die sechste Bitte des Vaterunsers ist an die Versuchung Christi zu erinnern, die in Matthäus 4,1–11 (Lukas 4,1–13) beschrieben wird. In dieser Geschichte ist der Teufel der Versucher, doch der Geist Gottes bringt Jesus Christus in die Wüste, damit der Teufel ihn versuchen kann. Das bedeutet, Gott lässt die Versuchung am Beginn der Wirksamkeit Jesu zu. So wie er auch den Kreuzestod Jesu zulässt, obwohl ihn der Gottessohn in Gethsemane flehentlich darum bittet, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge (Matthäus 26,39; Markus 14,36; Lukas 22,42). Das Geheimnis, dass der gütige Vater seinem Sohn und seinen Menschenkindern Leiden nicht erspart, kann und darf klagend ins Gebet genommen werden, also auch in das Vaterunser. Eine Änderung des Wortlauts aber erspart niemand die dunklen Stunden und Erfahrungen, die sich daraus ergeben, dass Gott solche Versuchungen zulässt.

Was Luther im Kleinen Katechismus lehrt

Luther lehrt nach seiner genauen Übersetzung dieser Vaterunser-Bitte im Kleinen Katechismus: „Was ist das? Gott versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.“

(Der Autor, der frühere thüringische Landesbischof Prof. Christoph Kähler (Leipzig), leitete die Revision der Lutherbibel. An der neuen Fassung arbeiteten 70 Experten sechs Jahre lang. Kähler war außerdem von 2003 bis 2009 Stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD und von 2008 bis 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat.)

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