Menschenrechte
Pakistan: Zwischen Blasphemievorwürfen und Hoffnung auf Wandel
Blasphemievorwürfe können in Pakistan lebensgefährlich sein – auch wenn sie falsch sind. Nach seiner Reise hat der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, mit IDEA-Redaktionsleiterin Erika Gitt über die Lage religiöser Minderheiten wie den Christen gesprochen und darüber, was Deutschland und die Europäische Union tun können.
Lesezeit: 3 min
IDEA: Was hat Sie auf Ihrer Reise besonders bewegt?
Thomas Rachel: Pakistan ist ein hochreligiöses Land. Auch die religiösen Minderheiten haben ein lebendiges Glaubensleben. Besonders beeindruckt hat mich die Sacred Heart Convent School. Dort unterrichten katholische Ordensschwestern rund 1.100 Mädchen, etwa 90 Prozent von ihnen Musliminnen. Mit großer Begeisterung helfen sie den Schülerinnen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
IDEA: Wo sehen Sie die größten Hindernisse für Religionsfreiheit?
Rachel: Vier Bereiche machen mir Sorgen. Erstens die scharfen Blasphemiegesetze: Schon ein Vorwurf kann Mobgewalt auslösen oder zu jahrzehntelanger Haft führen; auf Blasphemie steht auch die Todesstrafe. Anschuldigungen werden mitunter aus privaten oder materiellen Interessen erhoben. Die Angst davor betrifft selbst Muslime. Zweitens Fälle, in denen junge christliche und hinduistische Mädchen entführt, zur Konversion gezwungen und zwangsverheiratet werden. Drittens diskriminiert die Verfassung Angehörige der Ahmadiyya: Sie dürfen sich nicht als Muslime und ihre Gotteshäuser nicht als Moscheen bezeichnen. Viertens leiden viele Christen und Hindus in Ziegeleien unter schuldknechtartigen Arbeitsverhältnissen. Manche Familien bleiben über Generationen abhängig. Das betrifft Hunderttausende Menschen.
IDEA: Was müsste sich ändern?
Rachel: Ein Mindestalter von 18 Jahren für Eheschließungen ist überall konsequent durchzusetzen. Der Staat muss falsche Blasphemieanschuldigungen strafrechtlich verfolgen und gegen schuldknechtartige Arbeitsverhältnisse vorgehen. Auch die Blasphemiegesetze müssen geändert werden. Bis dahin braucht es zumindest faire Verfahren und eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe. Für eine grundlegende Reform fehlt bislang die politische Bereitschaft. Sehr konservative muslimische Gelehrte haben großen Einfluss. In meinen Gesprächen erkannten Einzelne das Problem an; andere lehnten jede Änderung ab.
IDEA: Was können Deutschland und die EU tun?
Rachel: Mein Besuch stieß bei religiösen Gruppen, Menschenrechtsverteidigern und der Regierung auf großes Interesse. Ich habe auf Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hingewiesen: Religionsfreiheit gilt für alle – auch in Pakistan. Dazu gehört das Recht, den Glauben öffentlich zu leben, die Religion zu wechseln oder auf eine Religion zu verzichten. Für die Betroffenen ist wichtig zu sehen, dass ihre Lage wahrgenommen wird. Die EU sollte zudem ihre Verhandlungen mit Pakistan über begünstigte Zollregelungen, das sogenannte GSP+, konsequent mit dem Thema Religionsfreiheit verbinden.
IDEA: Haben Sie Hoffnung auf Veränderung?
Rachel: Ja. In einer Stadt nahe Karatschi wollte ein Mob nach einem Blasphemievorwurf eine christliche Familie töten. Abgeordnete, Muftis und Vertreter religiöser Schulen stellten sich zwischen den Mob und die Familie. Ihrem Mut verdankt die Familie ihr Leben. Im Gespräch mit den Beteiligten habe ich appelliert, auch künftig Menschen aus religiösen Minderheiten zu schützen. Ihre Ansichten zu den Blasphemiegesetzen gingen weit auseinander. Aber das Handeln dieser Menschen zeigt: Veränderung ist auch in Pakistan möglich. Daran können wir anknüpfen.
IDEA: Vielen Dank für das Gespräch!
Thomas Rachel ist seit Mai 2025 Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Der 64-Jährige gehört seit 2015 dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an und ist seit 2003 Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK). Er ist mit einer griechisch-orthodoxen Frau verheiratet. Sie haben eine Tochter.