Menschenrechte
Gott mit der Kamera dienen
Über 80 Länder hat Susi Childers bereist. Mit ihrer Kamera dokumentiert die Fotografin das Leben von Menschen, die oft vergessen werden. Ihre Bilder erzählen von Leid, Hoffnung und Gottes Liebe. IDEA-Redakteurin Erika Weiss hat mit ihr gesprochen.
Lesezeit: 6 min
Als Susi Childers ihre erste professionelle Kamera in der Hand hielt, war sie 17 Jahre alt – und hatte keine Ahnung von Fotografie. „Ich konnte eigentlich nur auf den Auslöser drücken“, erinnert sich die heute 59-Jährige. Dennoch entschied sie sich, eine Ausbildung zur Fotografin zu machen. Das stieß nicht überall auf Begeisterung. In ihrem christlichen Umfeld im Schwarzwald wurde ihr vermittelt, Fotografie sei ein weltlicher Beruf, bei dem es nur um die äußere Schönheit von Menschen gehe. Sie solle lieber Krankenschwester, Erzieherin oder Altenpflegerin werden, hieß es. Die junge Christin war verunsichert, blieb aber bei dem Beruf. 13 Jahre lang fotografierte sie Hochzeiten. Irgendwann fragte sie sich, welchen Wert ihre Arbeit eigentlich hatte. „Ich dachte: Fast die Hälfte der Paare, deren Hochzeit ich fotografiert habe, ist ein paar Jahre später wieder geschieden.“ Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie wollte ihre Fotos für etwas einsetzen, das bleibt.
Der Weg zur Berufung
Mit 23 Jahren ging Susi Childers für ein halbes Jahr zur Missionsgemeinschaft der „Fackelträger“ nach Neuseeland. Sie besuchte dort eine Bibelschule und begegnete Christen aus aller Welt. Auf der Rückreise machte sie Station in Thailand. Dort lernte sie eine deutsche Missionarsfamilie kennen, die sie bat, ihre Arbeit in abgelegenen Dörfern zu fotografieren. „Ich bin richtig aufgeblüht“, erzählt Childers. „Da wusste ich: Genau das möchte ich machen.“ Zurück in Deutschland bewarb sie sich hochmotiviert bei verschiedenen Missionswerken als Fotografin. Es folgte Ernüchterung. Fotografen brauche man nicht, hieß es. Gesucht würden Theologen, Handwerker oder medizinisches Personal. „Ich dachte: Hätte ich doch bloß Krankenschwester gelernt.“
Sie arbeitete weitere sieben Jahre als Fotografin, bis ein Bekannter anrief. Er arbeitete bei der christlichen Organisation „Jugend mit einer Mission“ (JMEM) und fragte, ob sie ihn auf einem Einsatz begleiten wolle. Gemeinsam reisten sie nach Nepal. Childers begegnete in dem Land Menschen, die – wie sie sagt – „zwar Coca-Cola kannten, aber noch nie den Namen Jesus gehört hatten“. In Nepal fiel ihre Entscheidung: Sie wollte ihre Kamera für Gott einsetzen.
Gottes Reden hören
Bei „Jugend mit einer Mission“ absolvierte Childers eine Jüngerschaftsschule in Bispingen bei Hamburg. Sie lernte, stärker auf Gottes Stimme zu hören. „Ich bin als ehemalige Landeskirchlerin nicht sensibel für Gottes Reden gewesen“, sagt sie – und erlebt Gottes Reden selten spektakulär. Oft sei es ein Gedanke, ein Bibelvers oder eine Begegnung, die plötzlich Sinn ergebe. Während ihrer Zeit bei JMEM lernte sie ihren späteren Mann Paul kennen, einen Neuseeländer. Gemeinsam wurden sie eingeladen, für ein Jahr nach Kona auf Hawaii zu kommen. Aus diesem einen Jahr wurden mehr als 20. Seit 2003 lebt das Ehepaar mit seinen drei Kindern dort und gehört zur Leiterschaft der „University of the Nations“ von JMEM.
Geschichten statt Zahlen
Von Hawaii aus reist Childers bis heute in Krisen- und Konfliktgebiete. Mehr als 80 Länder hat sie inzwischen besucht – Afghanistan, den Amazonas, den Iran oder den Norden Nigerias. Ihr Leitsatz lautet: „A Voice for the Voiceless“ – eine Stimme für die Stimmlosen. „Meine Kamera ist eine Brücke zwischen der Not und dem Potenzial der Menschen“, sagt sie. Mit ihren Bildern möchte Childers Menschen erreichen, die Notleidenden helfen können. Dabei will sie Geschichten wiedergeben, nicht trockene Zahlen: „Wenn ich sage, Hunderttausende Frauen wurden beschnitten, dann ist das weit weg. Wenn ich dir aber das Foto einer Frau zeige und ihre Geschichte erzähle, dann wird ihr persönliches Schicksal greifbar.“
Eine Frau namens Ruth
Eine dieser Geschichten handelt von Ruth Dabaki. Die 38-Jährige lebte im Nordwesten Nigerias. Ihr Mann war Missionar. Am 14. Juni 2022 überfielen bewaffnete Islamisten das Dorf. Sie stellten ihren Mann vor die Wahl: Entweder sollte er dem christlichen Glauben absagen oder sie würden ihn töten. Ihr Mann entschied sich für Jesus und wurde erschossen. Ruth floh mit ihren drei Kindern. Als Susi Childers sie wenige Monate später traf, fehlten ihr die Worte. „Wir konnten irgendwann nicht mehr weiterreden. Wir haben einfach zusammen geweint.“ Über die Jahre hat Childers gelernt: „Manchmal hilft es, einfach mit den Menschen im Leid zu sitzen.“ Aus der Begegnung mit Ruth entstand später ein Projekt für christliche Witwen in Nigeria. Gemeinsam mit Partnern vor Ort organisierte sie Ausbildungsmöglichkeiten und finanzierte Nähmaschinen, damit die Frauen sich und ihre Kinder selbst versorgen konnten.
Auch ihr Leben kennt Schmerz
Was die Fotografin anderen mitgeben möchte, ist vor allem Hoffnung. Nicht selten hört sie stundenlang zu, bevor sie überhaupt zur Kamera greift. Sie betet mit den Menschen und macht ihnen dadurch bewusst, dass sie nicht vergessen sind. Auch ihr eigenes Leben kennt Schmerz. Drei Fehlgeburten musste Childers verkraften. Begegnungen mit Müttern, deren Kinder nach der Geburt ermordet wurden, hätten ihrem eigenen Schmerz eine andere Perspektive gegeben, sagt sie. „Das hat mich dankbarer gemacht für das, was ich habe.“
Außergewöhnliche Bilder für Gott
Susi Childers ist überzeugt, dass jeder etwas bewegen könne: „Man muss nicht nach Nigeria fliegen. Gott möchte uns genau dort gebrauchen, wo wir sind – in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder im Sportverein.“ Vor vielen Jahren merkte sie, wie wichtig ihr ihre Bilder und die Anerkennung dafür geworden waren. Auf einem Flughafen in Madrid legte sie beide Hände auf ihre Kamera und betete: „Alles, was ich mit dieser Kamera mache, gehört dir.“ Seitdem hat sich ihr Blick auf Fotografie verändert. Sie fotografiert nicht, um außergewöhnliche Bilder zu machen. Vielmehr möchte sie Gottes Liebe sichtbar machen und auf die Not von unterdrückten, vergessenen und versklavten Menschen aufmerksam machen, um ihnen eine Stimme zu geben.
Mehr von Susi Childers
Im Buch „GO–Verändere deine Welt“
Bestellung des Bildbandes sowie von Fotos per E-Mail
Live erleben
Susi Childers spricht am 9. August um 10 Uhr auf der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg über ihre Zeit als Fotografin und Missionarin.