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Forscher
26. Juni 2019

Studie: Jedem dritten Jugendlichen fehlt der Gemeinschaftssinn

Vor allem unter männlichen Jugendlichen droht möglicherweise eine Entsolidarisierung der Gesellschaft, so ein Ergebnis der Studie. Foto: Unsplash/Hajran Pambudi
Vor allem unter männlichen Jugendlichen droht möglicherweise eine Entsolidarisierung der Gesellschaft, so ein Ergebnis der Studie. Foto: Unsplash/Hajran Pambudi

Bielefeld/Leverkusen (idea) – Jedem dritten Jugendlichen in Deutschland fehlen soziale Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Solidarität, Respekt und Hilfsbereitschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie unter dem Titel „Generation ,rücksichtslos‘?“, die die Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung der Firma Bayer (Leverkusen) durchgeführt hat. Unterschieden wurde dabei zwischen Kindern (6 bis 11 Jahre) und Jugendlichen (12 bis 16 Jahre). Der Studie zufolge tendieren mehr als ein Drittel der männlichen Jugendlichen (36 Prozent) und 22 Prozent der weiblichen Jugendlichen dazu, andere stark abzuwerten. Sie stimmten etwa Aussagen wie „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager“, „Es gibt Gruppen in der Bevölkerung, die weniger wert sind als andere“ oder „Es ist ekelhaft, wenn Schwule sich in der Öffentlichkeit küssen“ zu.

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22 Prozent der Kinder sind gleichgültig gegenüber Gleichaltrigen

Unter den befragten Kindern äußerten sich 22 Prozent gleichgültig gegenüber der Situation von Gleichaltrigen und stimmten unter anderem den Sätzen „Wenn ein anderes Kind Probleme in der Schule hat, ist es meistens selbst schuld“ oder „Wenn andere Kinder traurig sind und ich nicht schuld bin, ist mir das egal“ zu. Mehr als ein Viertel aller Kinder (26 Prozent) hat zudem schon Erfahrungen mit mobbingähnlichen Situationen gemacht.

Großer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Mitgefühl ist „Mädchensache“

Die Ergebnisse zeigen ferner einen deutlichen Geschlechterunterschied sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen. So hat ein Fünftel der befragten Kinder (21 Prozent) nur ein geringes Empathievermögen – die Jungen schneiden dabei im Vergleich zu den Mädchen deutlich schlechter ab (30 Prozent zu 12 Prozent). Bei den Jugendlichen reagiert die Hälfte unterdurchschnittlich empathisch – 76 Prozent der männlichen und 31 Prozent der weiblichen Jugendlichen. Zudem hat fast die Hälfte der Jungen (44 Prozent), aber nur jedes fünfte Mädchen (21 Prozent) einen gering ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Der Studienleiter, Prof. Holger Ziegler (Bielefeld), sagte, dass das Ausmaß, in dem Mädchen den Jungen beim Miteinander voraus seien, stärker als erwartet sei: „Insgesamt deutet das darauf hin, welch hohe Last Mädchen und Frauen in der Gesellschaft tragen.“

Eltern haben keinen Einfluss auf die Solidarität

Die Studie beschäftigt sich auch mit der Frage, welchen Einfluss das Elternhaus auf den Gemeinschaftssinn hat. Demzufolge wirkt sich deren Einstellung nicht auf die Ausprägung von Solidarität und Empathie bei den Jugendlichen aus. Gleichzeitig kommt die Studie zu dem Schluss, dass Gleichgültigkeit und Abwertung durchaus durch negative Einstellungen der Eltern geprägt werden. Auch schwierige sozioökonomische Verhältnisse können sich ungünstig auf die Entwicklung eines gesunden Gemeinschaftssinns auswirken: Die Hälfte der Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischen Status neigt deutlich stärker dazu, Randgruppen und Minderheiten abzuwerten, als Altersgenossen aus bessergestellten Haushalten (16 Prozent).

Wissenschaftler: Ergebnisse zeigen kein Randgruppenphänomen

Prof. Ziegler warnt, dass sich schwerwiegende Defizite im Gemeinschaftssinn der Heranwachsenden „verheerend auf das gesellschaftliche Klima auswirken“ könnten. Die aktuellen Daten deuteten zudem darauf hin, „dass wir hier kein Randgruppenphänomen, sondern potenziell einen Flächenbrand sehen“. Die gezeigte Entsolidarisierung führe zu einer gesellschaftlichen Degenerationsspirale: „Das Prinzip der Solidargemeinschaft als Grundlage für eine gelingende Gesellschaft läuft Gefahr zu kippen.“ Für die Studie wurden von Dezember 2018 bis Februar 2019 971 Kinder und Jugendliche und 713 Eltern in den Städten Berlin, Leipzig und Köln befragt. Die Bepanthen-Kinderförderung kooperiert mit dem christlichen Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche“.

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