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Kommentar
28. Juni 2020

Das große Schrumpfen

Immer mehr Menschen kehren den großen Kirchen in Deutschland den Rücken. Foto: picture-alliance/dpa
Immer mehr Menschen kehren den großen Kirchen in Deutschland den Rücken. Foto: picture-alliance/dpa

Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe: 2019 kehrten den beiden großen Kirchen mehr als 540.000 Mitglieder den Rücken – so viele wie seit 1992 (554.000) nicht mehr! Das entspricht einer Stadt der Größe von Hannover, wo die EKD ihren Sitz hat. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm erklärte, jeder einzelne Austritt schmerze. Er kündigte an, die Gründe für die hohen Austrittszahlen in einer Studie erforschen lassen zu wollen.

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Die EKD verzettelt sich ...

Dabei überraschen die nun veröffentlichten Zahlen kaum. Denn die Kirche tut seit Jahren alles, um vor allem theologisch Konservative aus ihren Reihen zu vertreiben. Und das, obwohl vielfach gerade sie es sind, die das Gemeindeleben vor Ort aufrecht erhalten. Zum Wesen der Kirche heißt es im wichtigsten lutherischen Bekenntnis – der Confessio Augustana – in Artikel 7: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ Anstatt sich darauf zu konzentrieren, verzettelt sich die EKD seit Jahren auf Nebenschauplätzen, die mit diesem geistlichen Auftrag nichts zu tun haben.

... mit gendergerechter Sprache

So beschloss das höchste Gremium der EKD – der Rat – erst vor wenigen Tagen, dass die EKD für ihre öffentliche Kommunikation künftig die sogenannte geschlechtergerechte Sprache nutzen wolle. So könnten zum einen geschlechtsindifferente Personenbezeichnungen wie „Fachkraft“ oder „Mitglied“ und Pluralformen wie „Ehrenamtliche“ oder „Mitarbeitende“ benutzt werden. Zum anderen empfiehlt die EKD Formen, die geschlechtliche Vielfalt sichtbar machen: zum Beispiel Paarformen (Pfarrerinnen und Pfarrer), wenn die Beteiligung von Frauen hervorgehoben werden soll, und die Verwendung des Gendersternchens, um die Vielfalt der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen.

... und Seenotrettung

Ein weiteres Feld, auf dem sich die EKD sehr engagiert, ist die Seenotrettung im Mittelmeer. So beschloss der Rat, ein eigenes kirchliches Schiff – die Sea-Watch 4 – zu unterstützen. Viele Konservative sehen das kritisch. Sie beklagen, dass die Kirche damit das Geschäft der Schlepper unterstütze. Mitte Juni wurde der YouTube-Kanal von Jana Highholder eingestellt. Die Medizinstudentin, Poetry-Slammerin und engagierte Freikirchlerin(!) war seit 2018 das digitale Gesicht der EKD. Jetzt war Schluss – offiziell aus finanziellen Gründen. Einigen dürfte der Kanal aber schlicht zu fromm und konservativ gewesen sein. So hatte sich Jana in einem Video in Anlehnung an ein Bibelzitat unter anderem für den Mann als Oberhaupt der Familie ausgesprochen. Daraufhin entbrannte eine Debatte, ob die EKD einen Kanal finanzieren solle, der jungen Zuschauern ein solches Familienbild vermittele.

Was es jetzt braucht

Nur drei Beispiele. Aber sie alle haben engagierte Christen aus der Kirche getrieben. Das muss aufhören! Was es jetzt braucht, ist keine weitere Studie, sondern eine geistliche Erneuerung der Kirche. Auf die Kanzeln sollten künftig nur noch Geistliche, die die Aussagen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses auch tatsächlich für wahr halten. Alle anderen haben nichts zu sagen zum zentralen Inhalt des christlichen Glaubens, nämlich dass Gott, der Allmächtige, in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist, um sie zu retten. Besinnt sich die Kirche nicht bald wieder auf dieses, ihr Kerngeschäft, anstatt sich mit Gendersternchen und Seenotrettung zu befassen, könnte die Abkürzung EKD bald tatsächlich – wie das langjährige EKD-Ratsmitglied Peter Hahne es kürzlich formulierte – für „Ehemalige Kirche in Deutschland“ stehen.

(Der Autor, Matthias Pankau, ist Chefredakteur und idea-Leiter)

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