Gesellschaft
Ein Gefängnis ohne Gitter – kann das gerecht sein?
Im Seehaus Leonberg leben straffällig gewordene Jugendliche mit Mitarbeiterfamilien zusammen – ohne Mauern und Gitter. Zum 25-jährigen Bestehen erzählt Gründer Tobias Merckle, warum für ihn die Opferperspektive im Mittelpunkt stehen muss und was er am Strafvollzug ändern würde.
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IDEA: Herr Merckle, wie kam es dazu, dass Sie eine Alternative zum klassischen Strafvollzug aufbauen wollten?
Merckle: Nach der Schule habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in den USA gemacht und dort mit Drogenabhängigen gearbeitet. Ein Besuch im Gefängnis wurde für mich zum Schlüsselerlebnis. Ich dachte: So kann es nicht weitergehen – weder für die Gefangenen noch für die Gesellschaft. Schließlich kommen diese Menschen irgendwann wieder frei, möglicherweise krimineller als zuvor. Als ich abends in der Bibel las, wurde mir klar: Das war für mich mehr als ein persönlicher Gedanke. Ich verstand es als Gottes Weg und als Berufung, mich um diese Menschen zu kümmern. Jesus sagt: „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ (Matthäus 25,36). Darin sehe ich einen Auftrag an uns Christen.
IDEA: Der Seehaus-Ansatz basiert auf dem Gedanken der „Restorative Justice“. Was bedeutet das konkret?
Merckle: Restorative Justice (Wiederherstellende Gerechtigkeit) ist eine andere Sicht auf den Umgang mit Straftaten. In unseren herkömmlichen Strafverfahren geht es hauptsächlich um den Täter gegen den Staat. Das Opfer spielt kaum eine Rolle. Es kann lediglich als Nebenkläger oder Zeuge auftreten und wird dabei oft erneut traumatisiert. Daher müssen wir uns fragen: Was für eine Art von Recht ist es, wenn es nicht um die Bedürfnisse der Betroffenen geht und wenn Heilung kein Ziel ist? Ich bin der Meinung: Die Opferperspektive muss im Mittelpunkt stehen mit Heilung auf der einen Seite und Verantwortungsübernahme durch den Täter auf der anderen. In unserem Programm „Opfer und Täter im Gespräch“ kommen zunächst unbeteiligte Opfer und Täter zusammen. Für viele Täter ist das die erste echte Konfrontation mit den Folgen ihres Handelns. Aus ihrer Perspektive ist eine Straftat in fünf Minuten vorbei und danach vergessen. Aber dass ein Opfer noch 20 Jahre später darunter leidet, machen sie sich nicht bewusst. Wenn man fünf oder sechs Opfern gegenübersitzt, geht das unter die Haut – und verändert die Täter nachhaltig.
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IDEA: Was wünschen Sie sich mit Blick auf die kommenden Jahre für das deutsche Strafsystem?
Merckle: Wir wünschen uns ein Umdenken hin zur Restorative Justice. Das bedeutet, dass die Opferperspektive und aktive Verantwortungsübernahme in den Mittelpunkt gerückt werden und der Täter-Opfer-Ausgleich an Bedeutung gewinnt. Das Gesetz erlaubt dies für alle Straftaten. In der Praxis wenden Gerichte den Ausgleich jedoch fast ausschließlich im Bagatellbereich an und selbst dort nur selten. Dort, wo Gefängnis notwendig ist, wünschen wir uns Strafvollzug in freien Formen nicht nur in Baden-Württemberg und Sachsen, sondern in allen Bundesländern, sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene.
IDEA: Was gibt Ihnen persönlich die Kraft für diese Arbeit?
Merckle: Mir bereitet die Arbeit große Freude. Eine Investition in Menschen lohnt sich immer. Es ist schön, die Jugendlichen und auch die Opfer zu begleiten und zu sehen, wie sie neu aufblühen können.
IDEA: Vielen Dank für das Gespräch!
Das Seehaus in Leonberg (bei Stuttgart) feiert am 27. September sein 25-jähriges Bestehen. Die Einrichtung bietet einen Jugendstrafvollzug in freier Form an, bei dem straffällig gewordene Jugendliche gemeinsam mit Mitarbeiterfamilien auf einem offenen Gelände ohne Mauern und Gitter leben. Baden-Württemberg hatte 2003 als erstes Bundesland diese Art des Strafvollzugs ermöglicht.