Porträt
Wie der Wirt vom „Elbschlosskeller“ zu Gott fand
20.10.2025

Daniel Schmidt ist Wirt der „härtesten Kneipe“ Hamburgs. Der 40-Jährige führte ein Leben, das von Alkohol, Drogen und Gewalt geprägt war – bis er das christliche Musical „Life on Stage“ besuchte. IDEA-Redakteurin Erika Weiss stellt ihn vor.
Hamburg, November 2023: Daniel Schmidt sitzt im Publikum des christlichen Musicals „Life on Stage“ (Leben auf der Bühne). Sein Onkel, der Christ ist, hat ihn mitgenommen. Auf der Bühne läuft das Stück „Thomas“: Die Geschichte eines Jungen, der geprügelt wird, in eine Rockergang abrutscht und nach einem harten Leben Gott begegnet. Schmidt, der von der Wade bis zum Scheitel tätowiert ist, schaut gebannt zu. „Mir liefen die Tränen. Ich habe mich darin wiedererkannt“, erinnert sich der 40-Jährige.
Am Ende tritt der Projektleiter von „Life on Stage“, Gabriel Häsler, auf die Bühne und sagt: „Heftige Geschichte. Da gibt es mit Sicherheit keinen, der auch so eine Geschichte erlebt hat.“ Schmidt muss schmunzeln und denkt: „Meine Geschichte ist viel krasser.“
„Härteste Kneipe“ der Stadt
Daniel Schmidt wuchs in einem idyllischen Hamburger Vorort auf. Schon als Kind tauchte er regelmäßig in eine ganz andere Welt ein: Sein Vater nahm ihn oft mit in den „Elbschlosskeller“, den er selbst betrieb. Die Kneipe liegt auf der Reeperbahn, wo sich Nachtclubs an Bars reihen. Seit 15 Jahren ist Daniel Schmidt der Wirt. Medien betiteln den Elbschlosskeller als „härteste Kneipe“ der Stadt. 24 Stunden ist sie geöffnet – auch an Weihnachten und Ostern. Der Gastraum ist klein und dunkel.
An Schmidts Tresen finden Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten einen Platz: Hausfrauen, Büroangestellte, Manager, Drogensüchtige, Dealer, Obdachlose. Niemand wird an der Tür abgewiesen. „Ich hab hier auch schon manche Hauereien und Schießereien gehabt, bei denen Menschen starben“, sagt Schmidt. Regelmäßig muss die Polizei anrücken. Für Schmidt ist das Lokal sein Zuhause: „Mein Opa hat hier schon gesoffen, meine Mutter hat meinen Vater hier kennengelernt.“

Vom „Draht nach oben“ zum Absturz
Schmidt hatte schon früh „einen Draht nach oben“, wie er sagt. Seine Uroma war Christin. Sie betete viel für ihren Urenkel. Schmidt erinnert sich: „Wenn meine Schwester und ich krank waren, haben wir unsere Uroma angerufen. Sie hat Stoßgebete nach oben geschickt.“
Doch dann kamen Brüche: Seine Schwester nahm sich das Leben. Wenig später starb seine ungeborene Tochter kurz vor der Geburt. Die Schmerzen trieben ihn in die Drogen. Er arbeitete als Zuhälter. Zehn Jahre war er ein Hooligan des Fußballvereins HSV und in über 70 Kämpfe verwickelt. Auch gehörte er einer Rockerbande und einer Bruderschaft an. Gewalt gehörte für ihn zum Alltag.
„Nö, ich brauche keine Gemeinde“
Nach dem Besuch von „Life on Stage“ postete Schmidt eine Instagram-Story. Darin erzählte er, wie sehr ihn das Musical berührt habe. Die Story sah auch Annika. Die junge Frau aus einer christlichen Gemeinde schrieb ihm und fragte, ob er in eine Gemeinde gehe. Schmidts Antwort: „Nö, ich brauche keine Gemeinde.“ Kirche war ihm fremd, fast abschreckend. „Ich hatte den Eindruck, dass da viele Spinner und religiöse Fanatiker sind – so wie es in Serien oft dargestellt wird.“
Für ihn war der Elbschlosskeller seine Gemeinde, seine Gäste seine „Schäfchen“. Gott begegnete er eher draußen – in der Natur, im Wald.
Doch Annika blieb hartnäckig, und es stellte sich heraus, dass sie die Schwester eines Stammgastes war. Das weckte Vertrauen bei Schmidt, und er nahm ihre Einladung an, die Christus-Gemeinde Barmbek-Süd zu besuchen. Die freikirchliche Gemeinde gehört zum „Mülheimer Verband“.

„Jesus is King“
„Aber als ich dann vor der Gemeinde stand, hab ich mich nicht reingetraut. Ich saß zwanzig Minuten im Auto, hab laut Musik gehört, Kaugummi gekaut“, erinnert sich Schmidt. Trotz der inneren Widerstände habe er schließlich den Gottesdienst besucht. „Alle meine Vorurteile wurden komplett über den Haufen geworfen“, sagt er. Die Besucher waren bunt gemischt – von Jung bis Alt. „Direkt vor mir stand ein Typ im Gucci-Jogginganzug mit langem Bart – den hätte ich auch in einem Club auf dem Kiez kennenlernen können.“
Die Predigt traf ihn – ins Herz. Themen wurden angesprochen, die ihn persönlich betrafen. „Ich hatte die Hälfte des Gottesdienstes Tränen in den Augen.“ Was ihm dort widerfahren sei, könne er mit nüchternen Worten kaum beschreiben: „Ich wurde vom Heiligen Geist gecatcht (ergriffen). Da sind Dinge in mir passiert, da haben sich Blockaden gelöst, Traumata kamen hoch, aber es war heilend. Ich habe Antworten auf Fragen gespürt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie mir stelle.“
Seit diesem Tag besuche er regelmäßig die Gottesdienste – und sagt heute mit Überzeugung: „Jesus is King!“ (Jesus ist König). Die drei Worte hat er sich auch auf seinen Nacken tätowieren lassen.
Mehr über Daniel Schmidt im Buch „Löwengrube: Durch den Vorhof zur Hölle zu einem Leben in Liebe“ (Kösel-Verlag)

Neubeginn mit Plan
Schmidt gelang es, die Finger von den Drogen zu lassen. „Ich war vorher auf Entgiftung und in Therapie. Nicht mal die Liebe zu meinem Sohn – und er ist das Wichtigste in meinem Leben – hat gereicht, um mich dauerhaft von den Drogen fernzuhalten. Ich hatte immer wieder Rückfälle.“
Schmidt nahm an einem Alpha-Glaubenskurs der Gemeinde teil, daraus entstand ein Hauskreis. Er ließ sich taufen. Seitdem beginnt er jeden Tag mit Lobpreismusik und Gebet, sagt er. „Bevor ich zum Elbschlosskeller fahre, bin ich wie im Kampfgebet. Ich bete, dass Gott mir Kraft gibt, anderen zu helfen.“
Er will weiterhin Wirt im Elbschlosskeller bleiben: „Das Ding bleibt, bis es zusammenfällt. Ich bin da aufgewachsen. Die Menschen dort sind Teil meiner Familie. Ich will ihnen helfen.“ Seine Stammgäste wissen von seinem Glauben – und respektieren ihn.
Um mehr zu lernen, möchte er Theologie studieren. Sein Plan ist, spätestens in vier Jahren einen Hof zu kaufen, wo Obdachlose, Suchtkranke und Straffällige eine neue Chance bekommen. Auch ältere Tiere sollen dort ihren Lebensabend verbringen und von den Bewohnern versorgt werden.
Den Besuch des Musicals vor rund zwei Jahren sieht er als Startpunkt, der zum Wendepunkt in seinem Leben führte. „Gott hat dieses Musical benutzt, um mein Leben zu drehen.“ Darum empfiehlt er jedem, „Life on Stage“ zu besuchen und Nichtchristen einzuladen „Es ist für jede Altersgruppe. Es unterhält. Aber mehr noch: Es kann Leben verändern.“
Life on Stage
Tourdaten Herbst 2025 von „Life on Stage“
Zürich (Schweiz): 24.–26. Oktober
Braunschweig: 6.–9. November
Gossau (Schweiz): 21.–23. November
Windisch (Schweiz): 28.–30. November
Der Eintritt ist frei.
Sitzplatzreservierung und Infos unter lifeonstage.com

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