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Kommentar

Wenn der Weltkirchenrat über Israel spricht: Gewollte Unschärfen?

03.08.2022

Das Logo des Ökumenischen Rates der Kirchen und eine Israel-Flagge. Fotos: ÖRK; pixabay.com
Das Logo des Ökumenischen Rates der Kirchen und eine Israel-Flagge. Fotos: ÖRK; pixabay.com

Vom 31. August bis zum 8. September tagt die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe. In den vergangenen Jahren ist immer wieder Kritik an der einseitigen Beurteilung Israels durch den ÖRK laut geworden. Nun hat der Direktor der ÖRK-Kommission für internationale Angelegenheiten, Peter Prove, in einem online veröffentlichten Interview mit dem evangelischen Magazin chrismon Antisemitismus-Vorwürfe zurückgewiesen. Die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA hat die „Initiative gegen Judenfeindschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen“ um eine Stellungnahme zu den Aussagen von Peter Prove gebeten: Die Initiative fordert darin den Rat unter anderem auf, sich von einer Aussage Proves im Interview zu distanzieren.

Die „Initiative gegen Judenfeindschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen“ möchte gegenüber den dort organisierten Kirchen ausdrücklich an die gemeinsame bei der Gründung 1948 in Amsterdam festgelegte Verpflichtung erinnern: „Der Kampf gegen jeden Antisemitismus gehört zum christlichen Zeugnis.“ Viele Mitgliedskirchen haben sich im Laufe der Jahre ebenfalls dazu verpflichtet. Es ist wohl allen aufmerksamen Kirchenmitgliedern inzwischen klar, dass Juden weltweit und besonders in Europa heute massiven Anfeindungen ausgesetzt sind und darum Solidarität und Unterstützung auch der Kirchen brauchen. Hier muss die Vollversammlung ein Zeichen setzen, wenn ihre vorigen Erklärungen Relevanz besitzen.

Die Initiative gegen Judenfeindschaft fordert die in Karlsruhe versammelten Gäste sowie die Leitungsorgane des Ökumenischen Rates auf, erneut zu betonen, dass Judenfeindschaft und christlicher Glaube einander ausschließen und dass der christliche Glaube Gottes bleibende Erwählung Israels beziehungsweise des jüdischen Volkes zur Grundlage hat.

Die Initiative gegen Judenfeindschaft erwartet von Gästen und den Leitungsorganen des ÖRK darüber hinaus, sich der gemeinsamen Sorge um den bedrängten Staat Israel als Zufluchtsstätte für von Judenfeindschaft bedrängte Juden aus aller Welt anzunehmen, die Boykottaufrufe gegen den jüdischen Staat zu verurteilen bzw. keine Initiativen wie „Das ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel“ (EAPPI) mehr zu unterstützen, die vor Ort angeblich unrechtes Verhalten von israelischen Soldaten und Behörden beobachten und danach in ihren Herkunftsländern anprangern sollen.

Keine dieser für Juden elementaren Anliegen beziehungsweise keine der genannten Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen wird in dem Interview von dem ÖRK-Vertreter Peter Prove aufgenommen. Er vermeidet ausdrücklich, die biblisch gebotene Beziehung zwischen Gott und jüdischem Volk sowie die untrennbare Verbindung zwischen Kirche und Judentum anzuerkennen. Wie sollen dann jüdische Gesprächspartner zu irgendeinem Dialogangebot Vertrauen fassen?

Was nicht stimmt

Überhaupt scheint es eine gewollte Unschärfe zu sein, die sich Peter Prove immer wieder in seinem Interview erlaubt. Er gesteht zu, dass es in den Mitgliedskirchen Boykott gegen Israel gibt, aber der sei immer nur gegen Waren und Dienstleistungen aus Siedlungen gerichtet. Doch das stimmt so nicht; nachweislich richten sich manche der kirchlichen Aufrufe auch pauschal gegen Israel. Ein Protest dagegen seitens des Rates sucht man vergeblich.

Peter Prove begegnet dem Vorwurf der Apartheid gegen Israel ebenso unentschieden, indem er ihn der Debatte auf der Vollversammlung anheimstellt. Methode dieses Vorgehens: den Vorwurf in der Diskussion belassen, ohne sich die Finger zu verbrennen.

Peter Prove zieht sich im Blick auf das judenfeindliche Kairos Papier aus dem Jahr 2009 darauf zurück dass es nie eine offizielle Billigung des ÖRK gefunden habe. Auch wenn dies formal stimmt, so hat der Ökumenische Rat sowohl die Erstellung des Papiers wie vor allem auch die Verbreitung bis heute finanziell massiv gefördert. Braucht es zur faktischen Annahme mehr?

Der Kampf gegen jeden Antisemitismus muss zum christlichen Zeugnis gehören

Mindestens an einer Stelle des Interviews verlässt Peter Prove dann doch die Unschärfe, und das ausgerechnet im Blick auf die Toleranz gegenüber antisemitischen Machwerken. Auf die Frage nach dem eindeutig als antisemitisch identifizierten indonesischem Kunstwerk auf der documenta in Kassel plädiert er dafür, „die Legitimität der Perspektiven anderer anzuerkennen“. Hier leugnet Peter Prove klar die Grundverpflichtung, die der ÖRK sich 1948 gegeben hat. Nach ihr gehört der „Kampf gegen jeden Antisemitismus zum christlichen Zeugnis“. Wir fordern den ÖRK auf, sich von dieser Position sofort und öffentlich zu distanzieren.

Wir werden aktiv bleiben

Menschen, die sich im verwirrenden Feld nahöstlicher Kirchen nicht gut auskennen, lassen sich leicht durch Aussagen täuschen, die suggerieren, dass der ÖRK mit den bedrängten Christen in Palästina in engem Kontakt steht. Dass dieser kirchliche Kontakt nur zu den relativ wenigen, westlich orientierten Gemeinden (z.B. Anglikaner, Lutheraner) besteht, wird dabei kaum wahrgenommen. Und dass diese bis heute von dem traditionellen Antijudaismus überzeugt sind, wird stillschweigend hingenommen. Die viel größeren „östlichen“ Kirchen (Armenier, Aramäer z.B.) sowie die christlich-arabischen Gemeinden im Staat Israel selbst nehmen im Blick auf den Staat Israel eine ganz andere (positivere) Haltung ein, jedoch wird das kaum oder gar nicht beachtet. Es passt offensichtlich nicht in das Bild, das man sich in Genf von dem Verhältnis zwischen Juden und Christen im nahöstlichen Umfeld macht. Dabei spielt sicher die Rücksicht auf die Muslime eine zentrale Rolle, deren vielfältige Aktionen gegen die Kirchen und Christen in Palästina nicht erwähnenswert scheinen.

Auch dank der zunehmenden medialen Wahrnehmung der Initiative sind die Unterzeichner noch voller Hoffnung, dass es der Vollversammlung bzw. den dort verantwortlichen Kirchenvertretern gelingen kann, sich den Befürchtungen jüdischer Menschen in Europa und in Israel zu öffnen und vernehmbare Zeichen von Solidarität zeigen. Wir werden in diesem Sinne als Initiative weiter aktiv bleiben!

Der Autor der Stellungnahme, Albrecht Lohrbächer (Weinheim), hat die „Initiative gegen Antisemitismus im Ökumenischen Rat der Kirchen“ ins Leben gerufen. Zu der Initiative gehören der Freundeskreis Kirche und Israel in Baden, der Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung, das Junge Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Heidelberg, der Deutsch-Israelische Freundeskreis im Stadt- und Landkreis Karlsruhe, die Deutsch-Israelische Gesellschaft Stuttgart sowie der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck.

Lesen Sie hier auch einen Kommentar von IDEA-Redakteur David Wengenroth zu dem Thema.

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