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Interview

„Kaum eine Frau ist freiwillig im Bordell“

26.02.2026

In Deutschland leben schätzungsweise 400.000 Prostituierte. Symbolfoto: picture alliance / Zoonar | Maruta Dmitri
In Deutschland leben schätzungsweise 400.000 Prostituierte. Symbolfoto: picture alliance / Zoonar | Maruta Dmitri

Nelli Seidel kennt die Geschichten von Prostituierten im Rotlichtmilieu. IDEA-Redakteurin Erika Weiss berichtete sie, wie sie ihnen begegnet und weshalb Beten im Bordell nicht ungewöhnlich ist.

IDEA: Frau Seidel, seit 2017 besuchen Sie Frauen im Rotlichtmilieu. Wie kam es dazu?

Seidel: Nach drei Monaten in einem Mädchen- und Frauenhaus in Indien habe ich gemerkt, wie groß das Leid vieler Frauen ist. Als ich dann zum ersten Mal den Straßenstrich in Bonn besuchte, war mir sofort klar, dass die psychischen Verletzungen, die Verzweiflung und die Einsamkeit der Frauen hier sehr ähnlich sind. Ich musste nicht in ein anderes Land reisen, um Not zu sehen. Sie steht direkt vor unserer Haustür.

IDEA: Was hat Sie beim ersten Besuch der Frauen auf dem Straßenstrich am meisten getroffen?

Seidel: Die Diskrepanz zwischen dem Anschein von Selbstbestimmung und der Realität dahinter. Viele Frauen wirken abgeklärt, aber ihre Augen erzählen etwas anderes: Angst, Hoffnungslosigkeit, seelische Verletzungen. Das hat mich an die Frauen in Indien erinnert – nur, dass das Leid hier besser versteckt ist.

IDEA: Worin unterscheiden sich die Situationen in Indien und Deutschland?

Seidel: In Indien ist es gesellschaftlich sichtbarer, dass Frauen wenig Rechte haben. Man muss nicht darüber sprechen. In Deutschland hingegen geben wir uns eine selbstbestimmte Fassade – Gleichstellung, Freiheit, der Anspruch, über den eigenen Körper zu verfügen. Doch wenn man hinter die Kulisse schaut, sieht man, dass viele dieser Frauen hier genauso geknechtet, gebunden und unterdrückt sind. Vielleicht sogar stärker, weil es in Deutschland nach außen so frei und selbstbestimmt wirkt.

Die Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes am 1. Januar 2002 hat das zusätzlich verstärkt. Es sollte Frauen angeblich schützen und Selbstbestimmung gewährleisten: In Wirklichkeit hat es vor allem den Markt zur sexuellen Ausbeutung erleichtert. Man hat sich lange eingeredet, Prostitution sei „ein Job wie jeder andere“ – aber das war es nie.

IDEA: Kennen Sie Frauen, die diesen Job freiwillig machen?

Seidel: Ich bin inzwischen Hunderten Frauen begegnet. Kaum eine Frau ist freiwillig im Bordell. Ich kenne vielleicht fünf oder sechs, die ohne direkten Druck dort arbeiten – und selbst sie würden nicht von „freiwillig“ sprechen. Viele sagen: „Ich habe keine Wahl.“

Besonders junge Frauen aus Osteuropa werden unter falschen Versprechen gelockt. Sie glauben, sie würden in Deutschland in einem Haushalt helfen, kochen, putzen und genügend verdienen, um ihre Familien zu unterstützen. Niemand sagt ihnen, dass sie ihren Körper verkaufen sollen. Und wir sprechen hier nicht von normalem Sex, sondern häufig von brutalen, widerlichen Praktiken, mit denen die Psyche überhaupt nicht Schritt halten kann. Viele Frauen greifen zu Alkohol, Drogen oder Tabletten, um das auszuhalten – auf der Straße ebenso wie im Bordell.

„Man hat sich lange eingeredet, Prostitution sei „ein Job wie jeder andere“ – aber das war es nie.“

– Nelli Seidel

Porträt über Nelli Seidel lesen

Nelli Seidel (59) ist Gründerin des Vereins „Mission Love“, der sich gegen sexuelle Ausbeutung und Zwangsprostitution von Frauen und Mädchen einsetzt. Mit einem Team von 16 Ehrenamtlichen besucht sie jede Woche Prostituierte in Bordellen und auf dem Straßenstrich im Bonner Raum. An Schulen klärt sie Jugendliche u. a. über Pornografie auf. Seidel ist verheiratet, hat drei erwachsene Töchter und sechs Enkelkinder.

Lesen Sie hier ein Porträt über Nelli Seidel.

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IDEA: Sie besuchen auch Bordelle. Wie kam es, dass die Zuhälter Sie reinlassen?

Seidel: Wir waren viele Jahre auf dem Straßenstrich, und irgendwann dachte ich: Ich klingle einfach bei einem Bordell und frage, ob wir reindürfen. Der Betreiber sagte damals sinngemäß: „Solange ihr meinen Frauen guttut, dürft ihr rein. Wenn sie ihren Job nicht mehr machen können, fliegt ihr schneller raus, als ihr gucken könnt.“ Das war eine Ansage. Heute besuchen wir sechs Clubs in der Region.

IDEA: Wie laufen die Besuche ab?

Seidel: Wir gehen immer zu zweit. Zwei weitere Personen beten im Hintergrund – entweder vor Ort oder zu Hause. Auf der Straße sind Gespräche kurz; im Bordell haben wir oft mehr Zeit. Manche Frauen warten regelrecht auf uns. Wir sagen am Anfang immer: „Schön, dich zu sehen.“ Manchmal reicht eine Umarmung, und die Frauen fangen an, zu weinen, weil sie nach langer Zeit wieder spüren, wie es ist, einfach ihrer selbst wegen umarmt zu werden. Viele bitten uns: „Bevor ihr geht – betet bitte für mich.“ Das passiert erstaunlich oft.

IDEA: Wie reagieren die Frauen, wenn Sie Gebet anbieten?

Seidel: Überraschend offen. Viele erzählen, dass ihre Mütter oder Großmütter für sie beten. Das berührt sie sehr. Einmal bat uns eine Latina-Frau um Gebet. Sie zog sich im Bordellzimmer schnell einen Bademantel über und kniete sich einfach hin. Während auf dem Bildschirm ein Pornofilm lief, entstand plötzlich ein heiliger Moment. Wir knieten uns dazu. Für mich war das einer der tiefsten Augenblicke meiner gesamten Arbeit. Wenn ich davon erzähle, hüpft mein Herz bis heute.

Gebet mit einer Prostituierten in einem Bordell. Foto: Nelli Seidel

IDEA: Wie bekommen Sie Zugang zu den Frauen?

Seidel: Vertrauen entsteht über Monate oder Jahre. Viele Frauen erzählen anfangs völlig widersprüchliche Geschichten – einfach, weil sie gelernt haben, dass Ehrlichkeit gefährlich ist. Lügen ist für sie wie ein Schutzmechanismus. Erst wenn sie merken, dass wir weder Druck ausüben noch sie verraten, öffnen sie sich. Wenn wir sie Woche für Woche sehen, dann springt auch irgendwann die harte Nuss auf.

IDEA: Wie häufig gelingt ein Ausstieg?

Seidel: Selten, aber es passiert. Im vergangenen Jahr konnten wir drei Frauen zu Jesus führen und begleiten. Eine ist zurück in ihr Heimatland geflohen, geschützt und unauffindbar für ihren Zuhälter. Der Weg danach ist nicht einfach. Viele bleiben jahrzehntelang traumatisiert. Ein Ausstieg ist nicht gleich ein Happy End, sondern oft der Beginn eines langen Heilungsprozesses. Aber mit Gott ist alles möglich!

IDEA:Wie schützen Sie sich selbst vor der Belastung?

Seidel: Ich brauche nach jedem Einsatz Zeit für mich. Manchmal weine ich auf dem Heimweg. Das Leid, besonders der jungen Frauen, lässt mich nicht kalt. Aber mein persönlicher Halt ist mein Glaube. Ich darf alles bei Gott auskippen, was ich gehört und gesehen habe. Zu Hause habe ich in meinem Arbeitszimmer eine alte Gebetsbank – da setze ich mich nach einem Einsatz hin. Die Nähe zu meinem himmlischen Vater gibt meinem Herzen Frieden. Ich weiß, er sieht und kennt jede Frau, und er weint mit mir um seine gebrochenen und verletzten Töchter.

IDEA: Ihr Verein „Mission Love“ besteht erst seit kurzem. Was treibt Sie an?

Seidel: Wir möchten Licht in Orte bringen, an denen kaum jemand hinschaut. Entscheidend ist: Wir sind nicht der Retter der Welt. Wir sind nur die Werkzeuge in eines Meisters Hand. Aber wir können hingehen und Gottes Licht bringen, Hoffnung, Beziehungen aufbauen, zuhören, begleiten. Und wir erleben, dass Gott selbst in dieser Dunkelheit wirkt. Das verändert Frauen – und uns.

IDEA: Vielen Dank für das Gespräch!

Veranstaltungs-Tipp

Der Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ findet vom 26. bis 29. April im Christlichen Gästezentrum „Schönblick“ (Schwäbisch Gmünd) statt. Er befasst sich auch mit dem Thema Prostitution in Deutschland. IDEA ist Medienpartner des Kongresses. Bis zum 1. März ist noch eine vergünstigte Anmeldung möglich.

Anmeldung unter: schoenblick.de/de/freiheit2026

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