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Kommentar

Irrwege der Liebe

23.10.2025

Paul Bruderer: Autoren haben „mit zentralen Werten, für die das historische Christentum stand, gebrochen.“ Foto: Privat
Paul Bruderer: Autoren haben „mit zentralen Werten, für die das historische Christentum stand, gebrochen.“ Foto: Privat

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Der Vorstand des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) hat sich von dem Buch „Transformative Ethik – Wege zur Liebe. Eine Ethik zum Selberdenken“ distanziert. Der Dozent Paul Bruderer stellt das Buch ausführlicher in einem Meinungsbeitrag vor.

Mit ihrem im März 2025 erschienenen Buch „Transformative Ethik – Wege zur Liebe“ stellen CVJM-Hochschulrektor Prof. Tobias Faix und der von Zürich aus wirkende, postevangelikale Theologe Thorsten Dietz ihre Sexualethik vor. Auf 400 Seiten werden grundlegende Weichenstellungen vorgenommen, die dann auf ein breites Spektrum von Themen angewendet werden – etwa Transidentität, Prostitution, Sex außerhalb der Ehe, Homosexualität, Bisexualität, Familie, Polyamorie, Sexroboter oder Pornografie.

Nachdem ich in den vergangenen Jahren die Beiträge von Faix und Dietz zum Thema mitverfolgt hatte, war ich gespannt, ob sie in ihrem Buch den in ihrem Podcast „Karte und Gebiet“ eingeschlagenen Kurs ändern würden. Ich stelle fest: Sie fahren ihn konsequent weiter und haben mit „Wege zur Liebe“ nun vollständig mit zentralen Werten, für die das historische Christentum stand, gebrochen.

Dieser Bruch geschieht nicht beiläufig, sondern ist die konsequente Auswirkung der vorgenommenen Weichenstellungen im Gottes- und Menschenbild sowie im Schriftverständnis. Hier liegt auch der eigentliche Verdienst von „Wege zur Liebe“: Weil die beiden ihre Sache offen zu Ende denken, sehen wir mit aller nötigen Klarheit, wohin ihre Reise führt, und können entscheiden, ob wir mit ihnen dorthin aufbrechen wollen oder nicht.

Gemeinsames Anliegen

Faix und Dietz gründen ihre Ethik auf zeitgenössische soziologische Modelle, insbesondere auf den Ansatz der sogenannten Intersektionalität, und auf gängige Axiome diverser feministischer und queerer Theologien. Es ist offensichtlich ihr Anliegen, dass Menschen aus sexuellen Minderheiten in ihrer erlebten Wirklichkeit ernst genommen werden und mitreden. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen und sollte immer unser aller Anliegen sein.

„Wege zur Liebe“ gibt eine verständliche Einführung in die queere Theologie. Gemäß dieser ist der Mensch mit einer grundlegenden Offenheit ausgestattet, die in unserer Ebenbildlichkeit mit Gott begründet ist: „So wie Gott sich nicht einfach definieren lässt, gilt dies auch für den Menschen. Insofern ist vom christlichen Menschenbild mit der gleichen Zurückhaltung zu reden wie von Gottbildern“ (S. 80).

„Wege zur Liebe“ stellt sich deshalb konsequent gegen jeglichen Essentialismus, der davon ausgeht, dass der Mensch an gewissen Punkten ein unveränderliches Wesen hat, also eine Essenz, die dem Menschen Identität verleiht. Dietz und Faix folgern: „Jeder Mensch ist ein Geheimnis“ (S. 80).

Queere Orientierungen werden als Teil der Schöpfungsordnung betrachtet

Dieser Logik entsprechend wird in „Wege zur Liebe“ das Geschlecht des Menschen ohne jeglichen Bezug zum Körper definiert, sondern rein „persönlich, sozial und rechtlich“ (S. 22). Darum werden die Adjektive „männlich“ und „weiblich“ im Schöpfungsbericht von Genesis 1,27 nicht als eine binäre biologische Beschreibung des jeweiligen menschlichen Individuums gesehen, sondern als Referenzrahmen für zwei „Pole der Menschheit“, die „durchaus Vielfalt zulassen“ (S. 102).

Queere Orientierungen wie z. B. Bisexualität dürfen gemäß „Wege zur Liebe“ deshalb nicht als negative Auswirkung des Sündenfalls gesehen werden, sondern müssen als Teil der ursprünglichen, guten Schöpfungsordnung eingeordnet werden.

Wir müssen die Fragen, die aus queerer Sicht neu an den Text herangetragen werden, hören und prüfen. Stand heute halte ich die queeren Deutungen von Genesis 1 und 2 allgemein, wie auch diejenigen, die in „Wege zur Liebe“ konkret aufgeführt sind, nicht nur exegetisch, sondern auch weltanschaulich für fehlgeleitet.

Um nur einen Punkt herauszugreifen: Immerhin setzt der Bibeltext „männlich“ und „weiblich“ in direkten Zusammenhang mit dem Auftrag an die Menschen, sich zu vermehren (Genesis 1,28). In ihrer Diskussion über das biologische und soziale Geschlecht sagen Faix und Dietz, dass es bezüglich der menschlichen Reproduktion „eine strikt binäre Aufteilung im Sinne eines ausschließlichen Entweder/Oder“ gibt (S. 120).

Ich nehme an, sie würden dieses binäre „Entweder/Oder“ demzufolge auch in Genesis 1,28 sehen. Aus meiner Sicht schafft die unmittelbare textliche Nähe von „männlich” und „weiblich” in Vers 27 zu „vermehrt euch“ in Vers 28 eine Verbindung, die dazu führt, dass die Binarität sich auf „männlich” und „weiblich“ überträgt und die Adjektive nicht als Pole eines Spektrums gedeutet werden dürfen. Es wäre interessant zu hören, wie Dietz und Faix diese Verbindung sehen.

Diverse Paarmodelle sind im biblischen Text nicht enthalten

Für uns als Christen ist auch der Umgang Jesu in Matthäus 19,1–12 mit den Passagen aus Genesis 1–2 maßgeblich. Wenn er sich in dieser Rede auf Genesis 1–2 bezieht, dann stets im Zusammenhang mit „männlich“ und „weiblich“ im Kontext des Ehebundes von Mann und Frau (Matthäus 19,1–9). Danach wechselt Jesus den Bezugsrahmen weg vom Schöpfungsbericht hin zu den Prophetenworten, die auf die Zukunft gerichtet sind (z. B. Jesaja 56,3–6).

In diesem zweiten Bezugsrahmen bestärkt er all jene, die aus verschiedenen Gründen nicht in einer Ehe leben, u.a. die „Verschnittenen“, die aus sozialen oder biologischen Gründen nicht heiraten können. Damit sind womöglich auch Menschen gemeint, die wir heute „Intersexuelle“ nennen.

Bezeichnenderweise verweist Jesus auf die „Verschnittenen“ also nicht mit einem Verweis auf Genesis 1–2 als „Schöpfungsvarianten“, sondern er ruft sie in die Erfüllung des Prophetenwortes hinein, in die neue Liebes- und Gehorsamsgemeinschaft, die er selbst stiftet und die er das Reich Gottes nennt (Matthäus 19,12).

Um weltanschaulich einigermaßen überzeugt behaupten zu können, dass queere Identitäten in Genesis 1–2 mitgedacht sind, bräuchte es eine mindestens so deutliche Anschauung, wie sie andere antike Schöpfungserzählung bieten, z. B. Platos (428/427 v. Chr.– 348/347 v. Chr.) berühmtes Symposium. Darin werden neben heterosexuellen auch homosexuelle Menschen explizit aufgeführt.

Für den Gott der Bibel wäre es ein Leichtes gewesen, in Genesis analog dazu diverse Paarmodelle zu präsentieren – aber sie sind im biblischen Text nicht drin. Dies bekräftigt die historisch etablierte Annahme, dass die binäre sexuelle Gestalt und Struktur unserer Körper uns etwas darüber sagt, wie der biblische Schöpfer sich Sexualität grundsätzlich gedacht hat.

Der Ansatz von „Wege zur Liebe“ läuft auf eine Zurücknahme der Schöpfungsoffenbarung hinaus und entwertet gleichsam das „tov“ Gottes, sein Gütesiegel für das Menschenpaar: „Siehe, es ist sehr gut.“

Können biblische Einzelaussagen auf die Gegenwart übertragen werden?

Dieser Weichenstellung folgt die nächste in der Vorannahme, dass Einzelaussagen der Bibel zur Sexualität für uns heute nicht verbindlich sein können, weil die Auffassung der Antike von Sexualität nicht mit der heutigen zu vergleichen sei. Hier ein Beispiel mit absolutem Anspruch: „Mit der Entdeckung der homosexuellen Orientierung in der Neuzeit hat sich das Gebiet so signifikant verändert, dass eine Übertragung biblischer Einzelaussagen auf die heutige Zeit in keiner Weise mehr zu rechtfertigen ist“ (S. 234). Dass es eine „grundlegende Differenz des antiken Denkens zu modernen Konzeptionen von Sexualität’“ gibt, sei ein Konsens der neueren historischen Forschung (S. 218).

Die Bibel gilt für Faix und Dietz zwar als „Ausgangspunkt und Grundlage christlicher Gotteserkenntnis und Lebensorientierung“ (S. 27) und als Aufzeichnung „transformativer Veränderungen ihrer Zeit“ (S. 33), aber Paulus und seine Schüler hätten ihren damaligen „Befreiungsimpuls nur höchst gebrochen durchgehalten und vielfach patriarchalisch überschrieben“ (S. 66).

Die biblischen Aussagen sind also kein lebendiges, sondern ein trübes, abgestandenes Wasser, das wir durch den Filter heutiger Erkenntnisse kritisch reinigen bzw. transformatorisch weit über den Text hinaus weiterdenken sollen. Es überrascht daher wenig, dass Gott zwar anfangs noch als ein maßgeblicher Faktor der ethischen Erörterungen auftaucht, sich aber im weiteren Verlauf der Argumentation komplett verflüchtigt.

Die Schlüssel-Kriterien in sexualethischen Fragen sind nach dem ersten Drittel des Werkes nicht mehr der exegetisch zu erschließende Wille, die mögliche Absicht und das Heilshandeln des Schöpfers, sondern die revolutionären Geistesblitze der Leuchtfiguren neuer Ideologien.

Dietz: Die Unterscheidung „christlich-nichtchristlich“ tiefer hängen

Als Leser frage ich mich, was die Autoren wohl als Alleinstellungsmerkmal eines jüdisch-christlichen Menschen- und Ehebildes ansehen, das als Grundlage für ihre Ethik dient. Das Buch liefert dafür nur vage Anhaltspunkte. Eine Antwort darauf gibt Dietz allerdings beim „RefLab-Festival“ 2025.

Dort reagierte er auf die ausgezeichnete und wichtige Frage seines Kollegen Andreas Loos, wie sich eine christliche Karte zur Sexualethik von einer nichtchristlichen unterscheiden würde. Dietz erwiderte, man solle die Unterscheidung „christlich–nichtchristlich“ tiefer hängen. Und genau das tut „Wege zur Liebe“ konsequent.

Faix und Dietz verlassen sich lieber auf Theorien moderner Wissenschaften und einer bibelkritischen Theologie, die sie meist als Konsens behaupten. Damit ist auch schon die argumentative Doppelhelix von „Wege zur Liebe“ umrissen: Der vermeintliche Konsens von heute wird unhinterfragt affirmiert, die tradierten Normen christlicher Sexualethik hingegen werden als unüberbrückbar fremd und deswegen für uns irrelevant dekonstruiert.

Mit dieser doppelten Logik steht und fällt aber auch die innere Konsistenz der Schlussfolgerungen von „Wege zur Liebe“. Hinterfragt man diese Logik, zerfallen auch die Aussagen. Dies ist meiner Ansicht der Fall, zumal namhafte Historiker der Behauptung von Dietz und Faix entgegen behaupten, dass es in der Antike sehr wohl eine unserem Verständnis vergleichbare Vorstellung von sexueller Orientierung gab.

Den behaupteten Konsens beim Thema Homosexualität gibt es nicht

Ein Beispiel ist der US-Amerikaner Thomas Hubbard, Herausgeber einer ausgezeichneten Sammlung antiker Texte über Sexualität. Er schreibt in seiner Einführung: „Eine genauere Untersuchung eines Spektrums antiker Texte legt jedoch nahe, dass einige Formen sexueller Präferenz tatsächlich als charakteristisches Merkmal einer Person angesehen wurden. Viele Texte sehen solche Präferenzen sogar als angeborene Eigenschaften und somit als ,wesentliche’ Aspekte der menschlichen Identität betrachtet.“ (Homosexuality in Greece and Rome, S. 2, im Original auf Englisch).

Der Theologieprofessor Armin Baum nennt weitere Beispiele in einem hörenswerten YouTube-Vortrag mit dem Titel „Sexuelle Orientierung in der Antike und im Neuen Testament“. In dieser Frage gibt es also den in „Wege zur Liebe“ behaupteten Konsens nicht. Nur weil „Homosexualität“ eine moderne Wortschöpfung darstellt, heißt das noch nicht, dass früher kein entsprechendes Konzept einer gleichgeschlechtlichen Anziehung existierte. Es lohnt sich, die antiken Texte selbst zu lesen, um sich ein eigenes Bild zu machen und die divergenten Aussagen der Experten besser einordnen zu können.

Schockiert über Aussagen zu Polyamorie

Am Beispiel der Polyamorie wird deutlich, wie weit der Zielhorizont des Buches von dem entfernt ist, was eine christliche Sexualethik prägen wollen würde. Polyamorie habe Vorteile, da sie „Vielfalt und Lebendigkeit“ ermögliche und „gute Bedingungen für das Großziehen von Kindern“.

Des Weiteren berge sie die Chance, „sich in schweren Zeiten auf mehr als einen Intimpartner verlassen zu können“. Polyamouröse Beziehungen „fördern mehr Authentizität und befreiende Ehrlichkeit, was zu schnellerem persönlichem Wachstum und Selbstentfaltung führt“ und erlauben, dass „sexuelle Vielfalt… ohne Unehrlichkeit gelebt werden kann“ (alles S. 372).

Nach dieser Lobeshymne auf die Polyamorie war meine intuitive Erwartung, Fragen gestellt zu bekommen, wie z.B. „Wie passt dies zu der von Gott gestifteten und gesegneten ,Ein-Fleisch-Einheit’ von Mann und Frau in Genesis 2?“ – Weit gefehlt! Der erste Kritikpunkt an der Polyamorie ist, sie sei „schwierig zu managen“ (S. 375).

Ich war schockiert, als ich das las. Irgendwann werden zwar auch moralische Bedenken ins Feld geführt, aber das Hauptproblem scheint zu sein, dass Polyamorie schwer praktikabel ist, und darum, so meine Schlussfolgerung, eigentlich nur lebbar für Menschen mit einer hohen sozialen Kompetenz. Für derart gereifte Personen ist es demnach als Christ okay, Polyamorie zu leben. Spätestens hier war mir klar: Dietz und Faix müssen ohne mich auf ihre Reise gehen.

Normativer Kompass wird verschoben

Die Autoren folgern, dass im Kontext der Kirche bezüglich Polyamorie einige „zentrale Fragen zu klären“ seien (S. 377). Aus meiner Sicht gibt es hier keine zentralen Fragen zu klären. Historisch würde das Christentum die rote Linie der Promiskuität niemals überschreiten und keine Variante der Polyamorie im Grundsatz gutheißen. Wir sollten es als Christen und als Kirchen auch heute nicht tun.

Das heißt nicht, dass die Protagonisten der Bibel und wir Christen heute blind wären für die Realität solcher Lebensformen. Jede ernstliche Ethik muss sich der Realität der Menschen stellen und dann unterscheiden: Was ist die vorgefundene und zu beschreibende Realität – und an welchen Normen, Vorgaben und Verheißungen sollen und wollen wir unser Leben ausrichten? Und sei es nur in bescheidenen, kleinen, stolpernden Schritten, aber doch in die richtige, weil gute und dem Leben dienliche Richtung. So beschreibt die Bibel zahlreiche dysfunktionale eheliche und außereheliche Konstellationen, aber niemals wird die normative Orientierung an der Ehe von einem Mann und einer Frau preisgegeben.

Die Schlüsselfrage lautet darum: Wie helfen wir den Menschen, Schritte in die richtige Richtung zu gehen, inmitten ihrer vorfindlichen Realitäten? Das Problem an „Wege zur Liebe“ ist nicht der Wunsch nach einem liebevollen Umgang mit queeren Menschen, denn den müssen wir selbstverständlich einüben.

Das Problem ist die Verschiebung des normativen Kompasses, der sich an einem komplett anderen Pol ausrichtet. Dies ist deshalb problematisch, weil die kleinen Schritte, die wir mit den Menschen gehen, dann nicht mehr in die gute Richtung führen, die zu unserer Würde als Geschöpfe passen, sondern immer weiter weg davon.

Fazit: Sämtliche rote Linien werden überschritten

Mein Fazit: Über die verschiedenen Themenfelder hinweggesehen überschreitet „Wege zur Liebe” nahezu sämtliche roten Linien, welche Bibel und Christentum historisch gezogen haben, und ist deshalb hochproblematisch. Eine Ethik, die für Christinnen und Christen kein kategorisches „Nein“ findet bezüglich Praktiken wie Prostitution, außerehelicher sexueller Aktivität, Konsum und Produktion von Pornografie sowie polyamouröser Beziehungen eröffnet keine Wege zur Liebe, sondern normalisiert einfach nur die gängigen und altbekannten Irrwege der Liebe. Eine solche Ethik spricht das Wort der queeren Revolutionäre, und zwar – so glaube ich – auf Kosten von Gottes Wort.

Über den Autor: Paul Bruderer ist Leitender Pastor der Vivakirche Frauenfeld (Schweiz) sowie Dozent für Dogmatik am Theologischen Seminar St. Chrischona und Lehrer für Ethik am International Seminary of Theology and Leadership (ISTL) in Zürich.

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