Porträt
„Gott, wo bist du?“ – Graziellas Weg aus der Prostitution
16.04.2026

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Mit 18 Jahren landet Graziella Vespucci in einem Bordell. Sie erlebt Gewalt und Manipulation. Jahre später gelingt ihr der Ausstieg aus der Prostitution. Heute kämpft die 24-Jährige für andere Betroffene. Wie sie einen neuen Halt im Leben fand, hat sie IDEA-Redakteurin Erika Weiss erzählt.
Im Jahr 2018: Graziella Vespucci (Künstlername) sitzt auf einem Bett in einem Bordell in Hamburg. Gerade hat die 18-Jährige ihren ersten Freier bedient. 15 Minuten für 50 Euro – eine Menge Geld für die junge Frau. Gleichzeitig fühlt es sich für sie an, als hätte sie einen Teil ihrer Seele verkauft. Noch heute erinnert sie sich genau an das Gesicht ihres „Kunden“. Es war voller Narben. Sie steigt in die Dusche und versucht, die Spuren der vergangenen Minuten fortzuspülen. Sie schrubbt und schrubbt – bis ihre Haut stellenweise fast blutig ist.
Auf der Suche nach Liebe
Wenige Monate zuvor: Graziella lädt sich eine Dating-App herunter. Sie ist nicht einmal 18 Jahre alt, sie sehnt sich nach Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie wuchs in einer Plattenbausiedlung in Rostock auf. Ihre Mutter verlässt die Familie, als sie fünf Jahre alt ist. Seither kämpft sie mit Verlustängsten. Der Vater versucht, seine zwei Töchter allein großzuziehen. Dabei ist er überfordert, manchmal cholerisch. „Ich hatte kein warmes Zuhause und habe keine Liebe gespürt“, erinnert sich die heute 24-Jährige. In der Schule wird sie gemobbt. Mal ist sie zu dick, mal falsch angezogen oder einfach nur anders. „Ich wollte einfach weg aus dieser Gegend, wo man keine Zukunft hat.“
Kurz vor ihrem 18. Geburtstag lernt sie über die Dating-App einen zehn Jahre älteren Mann kennen: tätowiert, breit gebaut, mit Vollbart. Beim ersten Treffen holt er sie in einem Luxusauto am Bahnhof ab und fährt mit ihr in ein teures Hotel. Später zeigt er ihr ein beeindruckendes Haus, das sein eigenes sein soll. Sie gehen schick essen, er überhäuft sie mit Komplimenten und Geschenken, malt ihr eine glorreiche gemeinsame Zukunft aus. Graziella verliebt sich. „Leider war ich auch naiv“, sagt sie heute. „Ich habe nicht hinterfragt, was er mir erzählt hat.“

Unter Druck gesetzt
Nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater packt sie ihre Sachen und zieht von Rostock zu ihrem Freund nach Hamburg. Nach einer gemeinsamen Nacht im Hotel fährt er sie zu einem Haus, von dem er behauptet, dort könne sie „schnelles Geld“ verdienen. Graziella Vespucci glaubt dort zunächst an harmlose Treffen und gemeinsame Essen mit Männern. Aber sie findet sich in einem Bordell wieder.
Dort wird sie von einer anderen Frau „angelernt“. Vespucci folgt ihr durch das Laufhaus, vorbei an halbnackten Frauen in Türrahmen. In einem Zimmer drückt ihr die Frau eine Liste mit „Services“ und Preisen in die Hand. Von diesem Moment an ist sie in der Prostitution und muss täglich bis zu 15 Freier bedienen. Die Regeln lernt sie schnell: Die Frauen sprechen kaum miteinander, Gewalt ist allgegenwärtig. Wer nicht genug Geld bringt, wird bestraft. Ihr Freund kontrolliert sie und setzt sie unter Druck. Wenn sie nicht gehörig ist, fügt er ihr Schnittwunden an den Beinen zu oder vergewaltigt sie. „Er hatte mich durch seine Manipulation komplett im Griff.“
„Er hatte mich durch seine Manipulation komplett im Griff.“
– Graziella Vespucci
Sie will weg
Dann kommt Corona – und ihre Situation verschlimmert sich. Vespucci reist durch Stuttgart, Berlin, Frankfurt am Main und arbeitet von Hotels aus. Die Gewaltbereitschaft ihres Freundes nimmt zu. Eines Tages sitzt die junge Frau in einem heruntergekommenen Hotelzimmer und sieht durch das Fenster ein Paar auf der Straße, das sich küsst. „Ich habe in dem Moment zu Gott gebetet: ,Gott, wo bist du? Warum darf ich so eine Zuneigung nicht erleben?‘“ Obwohl sie in keiner christlichen Familie aufgewachsen war, hatte sie schon von klein auf die tiefe Gewissheit, dass es Gott gibt.
Nach einer weiteren Eskalation mit ihrem Freund versucht sie, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Sie überlebt – und fasst einen Entschluss: Sie will weg. Sie überredet ihren Freund, in die Schweiz reisen zu dürfen, um dort zu arbeiten. Dort sind die Corona-Regeln lockerer. Er ist einverstanden und will wenige Wochen später folgen, um das Geld einzusammeln.
Die Flucht
In Zürich arbeitet Vespucci zunächst weiter in einem Bordell. Sie muss dem Betreiber 220 Franken (rund 239 Euro) pro Nacht für ein heruntergekommenes Zimmer zahlen. Nicht einmal eine Küche hat sie dort. Sie spürt: Es geht nicht mehr. Über Internetrecherchen stößt sie auf Schutzhäuser und nimmt Kontakt zu einer Organisation auf. Doch der erste Anlauf scheitert – ein Schutzhaus verlangt die Kooperation mit der Polizei, sonst gibt es keine Hilfe. Sie ist verzweifelt.
Vespucci beschließt, auf eigene Faust zu fliehen. Dafür bittet sie ihren Vater um Hilfe. Lange hatten sie keinen Kontakt mehr, doch er hilft, ohne zu zögern. Mitten in der Nacht nimmt sie den Zug von Zürich nach Hamburg. Ihr Vater holt sie am Bahnhof ab. Als sie ihn sieht, weint sie bitterlich. Er schweigt. Aber sie spürt seinen Schmerz: „Viele vergessen, dass hinter Prostitution auch Familien stecken – Väter, Mütter, Geschwister, die mitleiden, wenn jemand aus der Familie im Bordell arbeitet.“
Als Vespucci aus dem Bordell raus ist, feiert sie tagelang durch und bestiehlt Männer um deren Kreditkarten.
„Hinter Prostitution stecken auch Familien stecken – Väter, Mütter, Geschwister, die mitleiden.“
– Graziella Vespucci
„Er war meine Rettung“
Doch sie hat keinen richtigen Plan für ihr Leben und geht wieder zurück ins Bordell nach Zürich. „Viele Frauen machen beim Ausstieg einen Schritt vor und zwei Schritte zurück“, sagt sie. Aber sie ist sich sicher: Lange kann sie „diesen Job“ nicht mehr machen.
Sie sucht wieder nach einem Ausweg und stößt auf die christliche Organisation „Heartwings“ in Zürich. Der Verein setzt sich seit 2008 für Frauen in der Prostitution ein. Im Jahr 2021 nimmt sie Kontakt zur Leiterin Jael auf. „Jael war die erste Person in meinem Leben, die sich wirklich für mich und meine Geschichte interessiert hat – die mir zugehört hat“, erinnert sich Graziella Vespucci.
Bei Heartwings erfährt sie zum ersten Mal bedingungslose Annahme durch Gott. Und die Organisation begleitet sie beim Ausstieg aus der Prostitution, vermittelt ihr eine Wohnung und Stabilität. „Ohne Heartwings würde ich heute nicht hier sitzen“, sagt sie.
Nach einer kurzen Beziehung wird Vespucci jedoch mit 21 Jahren schwanger. „Ich hatte Schulden, kein Geld. Ich wusste, ich kann dem Kind nichts bieten.“ Daher vereinbart sie einen Termin für eine Abtreibung. Doch Jael erinnert sie an einen alten Wunsch: Bei Heartwings gibt es eine Wand, auf der Frauen ihre Träume festhalten. Dort hatte Vespucci einst notiert, dass sie sich ein Kind wünsche. Sie sagt den Termin ab.
Heute ist ihr Sohn Kian drei Jahre alt. „Er war meine Rettung. Früher hatte ich einen Hass auf Männer, durch meinen Sohn nicht mehr.“
Heartwings
Der Verein „Heartwings“ setzt sich seit 2008 für Frauen in der Prostitution ein. Mehr Infos unter: heartwings.ch
Ihm erzählt sie auch von Gott: „Da gibt es Papa Jesus, und der passt auf dich auf.“ Als Mutter möchte sie ihm die Orientierung geben, die ihr selbst gefehlt hat. Kian wächst heute in einer ruhigen Wohnsiedlung in der Schweiz auf – mit Spielplatz. Die beiden machen Ausflüge und Besuche auf dem Bauernhof.
Ein Schweizer Ehepaar ist für Vespucci zu einer Art Pflegefamilie geworden. „Gott hat uns zusammengeführt! Endlich habe ich Menschen gefunden, die mir Liebe geben.“
„Früher hatte ich einen Hass auf Männer, durch meinen Sohn nicht mehr.“
– Graziella Vespucci

„Gnade und Barmherzigkeit“
Heute engagiert sich Graziella Vespucci politisch gegen Menschenhandel. Bei Heartwings arbeitet sie im Reinigungsgewerbe, sie begleitet Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution und gibt Betroffenen eine Stimme.
Immer wieder kritisiert sie öffentlich die gesellschaftliche Doppelmoral im Umgang mit Prostitution scharf: „Besonders schwierig finde ich die Verharmlosung, wenn von ‚freiwilliger Berufswahl‘ gesprochen wird. Wenn Prostitution ein normaler Beruf wäre, müssten wir konsequent sein. Dann könnten wir Jugendlichen auch dazu raten, diesen Weg einzuschlagen. Aber genau das tut niemand – und das zeigt, wie widersprüchlich diese Argumentation ist.“
Aus ihrer Zeit im Bordell kennt Vespucci keine Frau, die freiwillig diesen Beruf ausübt. „Aber ich habe Frauen kennengelernt, die psychisch am Ende sind.“
Auch Graziella Vespucci hat seelische Verletzungen. Noch heute steht sie manchmal unter der Dusche und schrubbt ihre Haut, bis sie blutet. Trotzdem hat sie Halt gefunden – in ihrem Glauben. Besonders berührt sie die biblische Geschichte der Frau am Jakobsbrunnen, der Jesus ohne Vorurteile begegnet. Genau das wünscht sie sich auch von ihrer Umwelt: „Dass Menschen mir mit Gnade und Barmherzigkeit begegnen.“
Inzwischen hat sie ihren Platz in einer Kirchengemeinde gefunden – wenn auch nicht ohne Herausforderungen. „Ich bemerke die Blicke. Ich bin anders, ich rede anders, ich sehe anders aus.“ Doch sie hat gelernt, dazu zu stehen.
Termin-Tipp
Der Kongress „Freiheit 2026 – Gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ findet vom 26. bis 29. April im Christlichen Gästezentrum „Schönblick“ (Schwäbisch Gmünd) statt. Er befasst sich auch mit dem Thema Prostitution in Deutschland.
IDEA ist Medienpartner des Kongresses.
Anmeldung unter: schoenblick.de/de/freiheit2026

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