Bericht
Gott, Gesang und Glücksrad
01.09.2025

In Chemnitz, der Kulturhauptstadt 2025, richteten die Kirchen am 30. und 31. August ein Kulturkirchenfest mit etwa 10.000 Besuchern aus. 70 Chöre mit 1.600 Sängern beteiligten sich, zudem gab es Bibel-arbeiten und Podien. IDEA-Reporter -Karsten Huhn war vor Ort.
Wer an diesem Wochenende durch die Chemnitzer Innenstadt geht, trifft überall auf Musik. Auf dem Neumarkt und im Stadthallenpark sind Bühnen aufgebaut, von denen Chöre wie der „Hutholz-Chor Chemnitz“, ein Seniorenchor der Volkssolidarität oder die „Augustusburger Choryfeen“ singen.
Durch die Stadt zieht sich eine Kirchenmeile, auf der Kinderschminken und Handmassage angeboten werden. Besucher können am Glücksrad drehen, sich die Nägel lackieren lassen, kostenlose Rechtsberatung oder ein Gebet für Heilung erhalten. Die Heilsarmee hat eine Hüpfburg aufgebaut, der Clown Lulu-Lustig macht Späße, geboten werden christliches Yoga und Straßentanz.
Die Bischöfe und „Hau den Lukas“
Im Stadthallenpark diskutieren derweil der evangelische Landesbischof Tobias Bilz und der katholische Bischof Heinrich Timmerevers mit vier weiteren Teilnehmern über Kirche, Kunst und säkulare Gesellschaft. Die Bänke vor der Bühne sind nur spärlich besetzt, großzügig gerechnet 60 Leute wollen die beiden Bischöfe hören. Leider langweilt die Diskussion gewaltig. Bilz („Kunst und Kultur sind absolut sinnvoll“) und Timmerevers („Die Ökumene ist gewachsen“) überbieten sich gegenseitig in Allgemeinplätzen.
Aufgelockert wird das Gespräch lediglich durch die Hammerschläge, die von der „Hau den Lukas“-Station auf der Kirchenmeile ertönen, und dem fröhlichen „Pling“-Geräusch, das ausgelöst wird, wenn ein Schlag die Höchstpunktzahl erreicht.
Munch und die schwarzen Engel
Danach stehen Bibelarbeiten auf dem Programm. Sie greifen das Motto der Kulturhauptstadt „C the Unseen“ (Seht das Unentdeckte) auf und stehen unter dem Bibelwort „Geht hin und seht“ (Markus 6,38). Zur Auswahl stehen beispielsweise eine Andacht des Bundesministers a. D. Thomas de Maizière (CDU) oder des sächsischen Pfarrers Justus Geilhufe.
Der Reporter entscheidet sich für die Bibelarbeit zur spektakulären Edvard-Munch-Ausstellung, die in den Kunstsammlungen am Theaterplatz gezeigt wird. Der norwegische Maler (1863–1944) verlor im Alter von fünf Jahren seine Mutter an Tuberkulose, als Munch 14 Jahre alt war, starb seine ein Jahr ältere Schwester an derselben Krankheit.
Die Künstlerin Beate Düber führt durch die Ausstellung. Sie beschreibt Munch als einen traumatisierten Menschen und seine Bilder als „Präparate der Seele“. Munch war ein Schmerzensmann, der düster-melancholische Werke schuf. Er malte Trauer und Einsamkeit, Krankheit und Verzweiflung und machte dabei die wellenförmige Darstellung zu seinem Markenzeichen.
„Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege“, schrieb Munch über sich. „Sie haben mich durch mein ganzes Leben begleitet.“ Zeitgenössische Besucher von Munchs Ausstellungen waren entsetzt; heute drängen sich so viele Besucher um seine Werke, dass ein Einlassstopp nötig ist.
Ein Gemälde als Emoji
Zu sehen ist auch Munchs berühmtestes Werk: „Der Schrei“ entstand nach einer Panikattacke des Künstlers. Das Bild ist so ikonisch, dass es heute als Ausdruck des Entsetzens als Emoji beim Versenden von Nachrichten auf dem Smartphone verwendet wird. Es war eine hochinteressante, erhellende Führung, die jedoch zwei Schwächen aufwies: Munch wuchs in einer evangelischen Familie auf. Doch von seinem Glauben erfuhr man nichts. Und anders als im Programm ausgewiesen, hatte die Führung mit einer Bibelarbeit nichts zu tun.
Haydns „Schöpfung“ für die Brauhausgäste
Rappelvoll ist es beim Chorfest auf dem Neumarkt vor dem Rathaus. Die 70 Chöre haben sich für einen Auftritt vereint und musizieren nun zusammen, unterstützt von der „Elbland Philharmonie Sachsen“. Diese stimmt „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus Joseph Haydns „Schöpfung“ an. Die Besucher an den Tischen des benachbarten Brauhauses bekommen zum Bier also auch musikalische Dröhnung.
Wie fromm ist das Erzgebirge?
Während es bei den Konzerten oft eng wurde, blieben bei Diskussionen viele Plätze frei. Spärlich besucht war etwa die Veranstaltung „Alles kommt vom Berge her“ über Frömmigkeit im Erzgebirge. Doch es wurde spannend: Nach der Einschätzung der Jugendwartin im Kirchenbezirk Aue, Lene Vogel, wissen Jugendliche im Erzgebirge mehr über die Bibel als andere.
Im Erzgebirge lege man Wert auf einen alltagsrelevanten Glauben und Lobpreis. Jugendliche in Großstädten interessierten sich dagegen stärker für politische Bildung und Umweltthemen. Typisch für das Erzgebirge sei der Druck, „richtig zu glauben“.
Wenn im Namen des Evangeliums Druck gemacht werde, müsse man sich dem entgegenstellen. Bei jungen Frauen begegne ihr zudem häufiger der Trend zu einem traditionellen Frauenbild, bei dem die Frau zu Hause bleibt. Dies sei ein Rückschritt.
Zwischen Segen und Enge
Die evangelische Theologin und Coachin, Stephanie Mittelbach, aufgewachsen in Dorfchemnitz, erlebte den Glauben im Erzgebirge als „Segen und Begrenzung zugleich“. Menschen, die nicht ins System passten, würden häufig ausgeschlossen – etwa nach einer Scheidung oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.
Die christliche Gemeinschaft sei eng und wenig bereit, den eigenen Glauben zu hinterfragen. Sie schäme sich des Evangeliums, mit dem sie aufgewachsen sei, so Mittelbach. Zwar sei die Bibel auch heute ein Teil des Fundaments ihres Glaubens. Sie habe jedoch viel mehr offene Fragen: „Früher war alles klar. Heute ist es das nicht mehr.“
Die Frömmigkeit der Bergleute
Karsten Loderstädt ist Pfarrer im Kirchspiel Nossener Land (bei Meißen) und war zuvor Pfarrer in Annaberg (Erzgebirge). Er erinnerte an die Frömmigkeit der Bergleute: Sie seien häufig im Dunkeln zur Schicht aufgebrochen und im Dunkeln heimgekehrt. Unter Tage seien sie ständig Gefahren ausgesetzt gewesen. Der Glaube sei ihr „Rettungsanker“ gewesen.
Als Pfarrer habe er verschiedene Arten von Frömmigkeit erlebt. In Gemeinden habe er sich mitunter „examiniert gefühlt“, ob er schriftgemäß predige. Er erinnere sich an einen Eintrag im Kirchenbuch: „Ich wünsche mir, dass die Kirche für mich da ist, wenn ich sie brauche, und mich in Ruhe lässt, wenn ich sie nicht brauche.“ Toleranz könne in Beliebigkeit ausarten und Frömmigkeit zur Gesetzlichkeit, so Loderstädt.
Lichterbögen allein reichen nicht
Der Dozent am Christlichen Bildungszentrum Erzgebirge (Oelsnitz), Anton Weidensdörfer, sieht das Erzgebirge durch Reformation, Pietismus und Freikirchen geprägt. Dadurch sei das Erzgebirge weniger säkularisiert als andere Regionen in Deutschland. Zentral sei die persönliche Christusbeziehung, und dass sich der Glaube im Leben widerspiegele.
Man dürfe eine christlich geprägte Kultur jedoch nicht mit dem Evangelium verwechseln. Andernfalls werde das Erzgebirge zwar „die Lichterbögen behalten“, aber ansonsten genauso säkular werden wie andere Regionen. Zu einem Aufbruch gehörten Buße, Umkehr, und dass man sein Herz vor Jesus Christus bringe. Weidensdörfer: „Wird es im 21. Jahrhundert wieder so einen Aufbruch geben?
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