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Gedenken an Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz

19.08.2021

Die Gedenkveranstaltung vor der Michaeliskirche in Zeitz. Foto: Stadt Zeitz
Die Gedenkveranstaltung vor der Michaeliskirche in Zeitz. Foto: Stadt Zeitz

Zeitz (IDEA) – In Zeitz (Sachsen-Anhalt) ist am 18. August der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz vor 45 Jahren gedacht worden. An der Veranstaltung vor der Michaeliskirche nahmen rund 50 Personen teil. Dazu eingeladen hatten die Stadt, Kirchen sowie Angehörige und Freunde des Pfarrers.

Brüsewitz hatte sich aus Protest gegen die atheistische Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der DDR am 18. August 1976 vor dieser Kirche mit Benzin übergossen und angezündet. Vier Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen. „Oskar Brüsewitz war für den Staat ein unbequemer Pfarrer durch seine öffentlichkeitswirksamen Aktionen und durch seine Unangepasstheit“, sagte dessen älteste Tochter, Pfarrerin Esther Fröbel (Döschnitz/Thüringer Wald), gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA. Laut Fröbel hat ihr Vater sehr an der fehlenden Glaubens- und Meinungsfreiheit in der DDR gelitten.

Die kirchenfeindliche Politik des Staates, insbesondere die Bildungspolitik, hätten ihm sehr zu schaffen gemacht. Deshalb habe er auch an dem Tag seiner Verbrennung vor der Michaeliskirche Plakate mit der Aufschrift aufgestellt: „Funkspruch an alle – Funkspruch an alle – Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ Für ihren Vater sei es ein Problem gewesen, dass viele Menschen, auch Christen, in der DDR „doppelzüngig“ geredet hätten. „In der Schule und im Beruf fühlten sie sich ideologisch unter Druck. Aus Angst vor Benachteiligung sprachen sie das aus, was die sozialistische Gesellschaft von ihnen forderte“, so Fröbel. Brüsewitz habe von der Kirche erwartet, dass sie den Menschen Mut mache, den christlichen Glauben zu leben und nicht zu vorsichtig zu sein.

„Wir haben erlebt, dass Gott uns Kraft und Trost geschenkt hat“

Ferner sagte Fröbel, dass der Tod ihres Vaters für die ganze Familie „sehr, sehr schmerzlich“ gewesen sei. Sie habe ihren Vater „sehr geliebt“. Mehrere Jahre nach seinem Tod habe sie mit „quälenden Magenschmerzen“ zu kämpfen gehabt. Menschen hätten für die Familie gebetet und ihre Anteilnahme bekundet. „Wir haben wirklich erlebt, dass Gott uns Kraft und Trost geschenkt hat“, so Fröbel. Die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen habe die Familie in den ersten Jahren nach Brüsewitz‘ Tod durch Bischof Werner Krusche (1917–2009) und andere Kirchenvertreter begleitet.

Fröbel: Wir haben den Stasi-Mitarbeitern vergeben

Fröbel zufolge war die Reaktion des Staates auf den Tod ihres Vaters „unfassbar“. Am Tag der öffentlichen Selbstverbrennung sei sie und ihre Mutter sieben Stunden lang getrennt vom Staatssicherheitsdienst verhört worden. „Immer wieder versuchte man, uns in den Mund zu legen, dass mein Vater nicht ‚im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte‘ war“, so die Tochter, die damals 18 Jahre alt war. Auch danach sei man von den Dienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit „scharf und umfassend“ beobachtet worden. Offene Gespräche habe man meist nur bei Spaziergängen führen können.

Selbst am Grab habe man jeden Besucher durch eine versteckte Kamera aufgenommen und abgehört. Fröbel: „Später haben wir den Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes vergeben. Einem Aktiven, der uns persönlich um Vergebung bat, konnten wir es direkt sagen.“ Zusammen mit ihrem Ehemann Pfarrer Gerd Fröbel ist sie seit 1995 im Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld tätig.

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