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„Wir brauchen nicht immer gleich die moralische Verdammnis“

21.12.2020

Altbundespräsident Joachim Gauck. Foto: PR/ Jesco Denzel
Altbundespräsident Joachim Gauck. Foto: PR/ Jesco Denzel

Berlin (idea) – Für weniger Moralisierung in politischen Debatten hat sich Altbundespräsident Joachim Gauck ausgesprochen. Sachfragen sollten mit Sachargumenten diskutiert werden, sagte der evangelische Theologe in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“. Dies gelte etwa für die Fragen zur Corona-Pandemie: „Warum kommen FFP-2-Masken erst spät zum Einsatz? Wie wirksam ist die Corona-App?“ Die Differenz in der Sache dürfe nicht automatisch zu Freund-Feind-Situationen führen: „Wir neigen aber insgesamt zur Moralisierung.“

Als Beispiele nennt Gauck die Debatten um das Klima und die Aufnahme von Flüchtlingen sowie die Auseinandersetzung mit der AfD. Es gebe eine Reihe von Themen, mit denen man rational gegen die AfD argumentieren könne: „Wir brauchen nicht immer gleich die moralische Verdammnis.“ Die Wirkung der Moralisierung in Debatten sei stark, nutze sich aber ab. Gauck: „Deswegen bin ich darüber besorgt, dass oftmals eine moralische Voreiligkeit die notwendigen Klärungen in der Sache erschwert.“

Die Gesellschaft ist ohne religiöse Bindung nicht menschlicher geworden

Er äußerte sich auch zur Frage, ob früher – etwa in den 50er oder 70er Jahren – die Religion in einer Pandemie eine wichtigere Rolle als heute gespielt hätte: „Das denke ich schon. Damals haben mehr Menschen Trost im religiösen Angebot gesucht.“ Das sei vielfach verloren gegangen.

Die Menschen seien mehr und mehr stolz darauf, dass sie dieser religiösen Bindung nicht mehr bedürften. Aus diesem Stolz heraus sei aber nicht mehr Lebensfreude entstanden: „Eher ein hektisches Suchen nach dem schnellen Glück.“ Der Zugewinn, von Religion befreit zu sein, sei nicht so recht erkennbar. „Die Gesellschaft ist ohne die religiöse Bindung auch nicht menschlicher geworden.“

Fähigkeit zur Stressbewältigung hat abgenommen

Gauck zufolge ist die Fähigkeit schwächer geworden, Stress zu bewältigen: „Das ist eine ganz merkwürdige Folge des langen krisenfreien Lebens, zu der auch gehört, dass die Gesellschaft insgesamt nicht wirklich glücklicher geworden ist.“ Zur Frage, ob er den Eindruck teile, dass der Tod vor dem 100. Geburtstag mehr und mehr als peinlicher Kunstfehler der Medizin gelte, sagte er: „Die Menschen der Moderne stehen auf Kriegsfuß mit der Endlichkeit.“

Das passe nicht zum Weltbild – zumal in einer Zeit, in der religiöse Sicherheiten verloren gingen: „Krankheit und Tod passen nicht zum Verständnis vom ewigen Gelingen.“ Gauck war von 1967 bis 1990 Pastor in Mecklenburg. Danach war er zehn Jahre Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Von 2012 bis 2017 amtierte der heute 80-Jährige als Bundespräsident.

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