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Forscher: Politischer Islam ist gefährlicher als Dschihadismus

07.02.2021

Der Programm-Direktor für Extremismusforschung an der George-Washington-Universität in Washington, Lorenzo Vidino. Foto: picture alliance / ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com | ROLAND SCHLAGER
Der Programm-Direktor für Extremismusforschung an der George-Washington-Universität in Washington, Lorenzo Vidino. Foto: picture alliance / ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com | ROLAND SCHLAGER

Frankfurt am Main (idea) – Der politische Islam stellt in Europa eine größere Bedrohung dar als der militante Islamismus (Dschidhadismus). Dieser Ansicht ist der Programm-Direktor für Extremismusforschung an der George-Washington-Universität in Washington, Lorenzo Vidino.

Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist Islamismus in Europa und Nordamerika. Nach seinen Worten ist der politische Islam gefährlicher, weil er „ein Projekt der langfristigen gesellschaftlichen Umgestaltung verfolgt“, sagte der gebürtige Italiener in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zwar seien Dschihadisten in allen Ländern Europas eine Bedrohung, aber es sei eine andere Art von Problem, „wenn hochgradig organisierte und gut finanzierte Gruppen in den muslimischen Gemeinschaften eine Botschaft aussenden“.

Sie laufe immer auf Folgendes hinaus: „Wir sind anders, wir gehören nicht wirklich in diese Gesellschaft, wir haben andere Werte.“ Diese Botschaft sei hochgradig spaltend. Hinzu komme ein „Opfernarrativ“, das einen fruchtbaren Boden schaffe, um Muslime für radikale, militante Gruppen zu rekrutieren.

Es laute im Kern so: „Der Westen befindet sich in einem Krieg mit dem Islam, es gibt eine riesige Verschwörung westlicher politischer Führer und westlicher Gesellschaft gegen ihn.“ Ein von Testosteron getriebener 16-Jähriger könne so leicht zum Opfer dschihadistischer Gruppen werden.

Welche Organisationen dazugehören

Als Beispiele für Gruppierungen des politischen Islams nennt Vidino die „Deutsche Muslimische Gemeinschaft“ (früher: Islamische Gemeinschaft in Deutschland) und die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“. Beide Organisationen kämen auch in den Berichten des Verfassungsschutzes vor. Laut Vidino sind die Vertreter des politischen Islams „sehr clever“. Sie beherrschten „die Sprache der Islamophobie und der postkolonialen Theorie und werfen einem bei Kritik schnell vor, man sei rassistisch oder islamophob“.

Zwar gebe es Feindseligkeit gegenüber dem Islam und gegenüber Muslimen, aber dafür seien die islamistischen Gruppen teilweise selbst verantwortlich. Vidino: „Es ist doch verständlich, dass normale Bürger muslimische Gemeinschaften für problematisch halten, wenn sie in den Medien ständig Islamisten als deren Vertreter sehen.“

Eine „kleine Clique selbsternannter Repräsentanten“ spricht für Muslime

Man habe zugelassen, „dass eine kleine Clique selbsternannter Repräsentanten für die Muslime spricht“. Sie stünden nur für „einen sehr konservativen, wenn gar nicht extremistischen Teil“. Diese Vertreter verstünden es sehr gut, für moderat gehalten zu werden. Tatsächlich seien sie auch etwas moderater als etwa Salafisten, aber sie seien deutlich konservativer oder extremistischer als die schweigende Mehrheit der Muslime in Europa.

Vidino: „Was mir Sorgen bereitet, ist, dass sie in der Lage sind, morgens eine Antidiskriminierungsallianz mit einer LGBTQ-Gruppe zu bilden und nachmittags einen salafistischen Imam einzuladen, der sich dafür ausspricht, Schwule zu steinigen.“

LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer. Der 43-jährige Extremismusforscher gehört auch zum Beirat der „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ der österreichischen Regierung.

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