Ressorts
icon-logo

Bericht

Die Witwe des ermordeten Bibelübersetzers: Hier will Gott uns haben

28.06.2011

Am 18. April 2007 schickt der 19-jährige Emre Günaydin in Malatya eine SMS an seine Freundin: „Ich bin auf dem Weg, etwas Großes zu tun. Heute Abend wird mich die ganze Welt kennen.“ Die Freundin schreibt zurück: „Was immer du vorhast, bitte mache es nicht.“ So protokolliert es später die Polizei. Gegen 11 Uhr betritt Emre Günaydin mit vier gleichaltrigen Freunden das Büro des christlichen Zirve-Verlags in Malatyas Stadtzentrum. Dort arbeiten Necati Aydin, Ugur Yuksel und Tilmann Geske. Sie werden an ihre Bürostühle gefesselt und gefoltert. Der Autopsiebericht verzeichnet Stiche in die Brust und den Unterleib. Dann werden ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Die von Nachbarn alarmierte Polizei nimmt die Mörder noch am Tatort fest. „Wir haben es fürs Vaterland getan“, erklärt die Gruppe. „Sie (die drei Christen) wollen uns unser Land und unseren Glauben nehmen.“Susanne Geske ist mit ihren Kindern in der Stadt der Mörder ihres Mannes geblieben. Sie ist 48 Jahre alt, eine schlanke und zarte Frau, ihr langes braunes Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie ist ein Wirbelwind, ständig ruft jemand bei ihr an, manchmal telefoniert Geske mit zwei Handys gleichzeitig. Sie redet in einem beschwingten, fröhlichen Ton, ein leichtes Juchzen liegt in ihrer Stimme, und wenn sie mit ihren Kindern spricht, wechselt sie vom Deutschen ins Türkische.

Die Stadt der Aprikosen und des Militärs

Seit 14 Jahren lebt die Familie in der Türkei, seit 7 Jahren in der 400.000 Einwohner zählenden Metropole Malatya. Bis zum Völkermord an den auch dort lebenden christlichen Armeniern durch Muslime 1915 und 1916 war die Stadt ein Zentrum christlichen Lebens. Heute ist die armenische Kirche eine mit Graffiti beschmierte Ruine. Ausländer fallen in der Stadt auf, hier gibt es nur wenige Nicht-Türken. Die Stadt hat eine Universität und ist ein wichtiger Stützpunkt der türkischen Armee. Wer nach Malatya fährt, kommt an Tausenden Aprikosenbäumen vorbei – die Früchte haben der Stadt Wohlstand gebracht, Malatya ist weltweit einer der bedeutendsten Aprikosenlieferanten. Im Sommer wird es hier bis zu 45 Grad heiß, im Moment sind es nur 27 Grad, es weht ein milder Wind.

Die Geskes wohnen im Erdgeschoss eines 5-Etagen-Neubaus im Westen der Stadt. Das Wohnzimmer ist hell. Ein Fernsehapparat, ein E-Piano, an der Wand Bilder von den Kindern – wie in Tausenden von Familien. Dazwischen hängen Fotos der drei ermordeten Männer: Necati Aydin, Ugur Yuksel und Tilman Geske.

Keine Anerkennung der Kirche durch den Staat

An Sonntagen verwandelt sich das Wohnzimmer in eine Hauskirche. Susanne Geske schiebt dann das Sofa zur Seite, die Besucher sitzen auf Klappstühlen oder auf dem Fußboden. Etwa 25 Leute kommen regelmäßig, 60 stehen auf der Gemeindeliste. Seit 2003 gibt es in der Türkei ein Gesetz, das die Anerkennung von Kirchen vorsieht, aber in der Praxis ist das dann doch nicht so leicht. Die Hauskirche hat mehrere Versuche unternommen, vom Staat anerkannt zu werden – bisher vergeblich.

Der Ermordete sagte zuvor: Wir müssen bereit sein

Wenn Susanne Geskes Kinder in Deutschland zu Besuch sind, fühlen sie sich wie Touristen. „Ich bin mehr Türkin als Deutsche“, sagt Michal Geske. Sie ist 17 Jahre alt, noch ein Jahr geht sie in Malatya zur Schule, danach will sie Architektur studieren. Was ihre Mutter in Malatya macht? Michal überlegt einen Moment, dann sagt sie: „Den Christen in der Gemeinde dienen.“ Sie spricht mit einer Ernsthaftigkeit, hinter der man die Trauer um den Vater ahnen kann. Eine Woche nach der Beerdigung ihres Vaters sprach sie bei einem Gedenkgottesdienst. Damals sagte sie: „Ich glaube, mein Vater hatte in den letzten Monaten seines Lebens eine gewisse Vorahnung, dass etwas passieren würde. Etwas Schlimmes. Etwas Unerwartetes. Mein Papa hat uns immer wieder in unserer Familienandacht daran erinnert, dass Jesus bald wiederkommt und wir bereit sein müssen.“

Die drei Kinder sind über Handys verbunden

Michals Bruder Lukas (15) spielt im Nachbarzimmer „Wolf Team“, ein Computerspiel, bei dem man schwerbewaffnete Monster töten muss. In den ersten Monaten nach dem Tod seines Vaters blieb er immer in der Nähe seiner Mutter. „Am Anfang durfte ich nicht einmal allein auf den Markt gehen“, erinnert sich Susanne Geske. Jedes Kind hat ein Handy, so dass sie sich gegenseitig immer erreichen können. Ihre Kinder rufen oft bei ihr an. An ihre jüngste Tochter, die 12-jährige Miriam, schreibt Susanne Geske an diesem Tag mehrere SMS. Miriam ist gerade in Ankara, bei einem Turnier für modernen Fünfkampf. Später würde sie gerne für die türkische Nationalmannschaft antreten.

Vergeben – geht das so leicht?

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ – mit diesen Worten verzieh Susanne Geske den Mördern ihres Mannes am Tag nach seinem Tod. Die Aussage sorgte in der türkischen Öffentlichkeit für großes Aufsehen. Vergeben – geht das so leicht? „Ich habe nie Groll gehabt gegen diese Männer“, sagt Susanne Geske. Sie ist auf ihren Vermieter sauer, weil der sich nicht um die feuchten Wände und die undichten Fenster kümmert, aber nicht auf die Mörder. „Es ist eine Ausnahme, ein Geschenk. Ich kann nicht erklären warum.“

Die Witwe: Ich habe die Nächte durchgeheult

Die ersten Monate nach dem Tod ihres Mannes waren für Susanne Geske wie ein Gang durch den Nebel. „Die Nächte habe ich durchgeheult, morgens war es dann wieder gut.“ Freunde empfahlen ihr den Besuch einer Spezialklinik für traumatisierte Menschen in Frankreich. Eine Woche blieb sie dort, um den Freunden einen Gefallen zu tun. „Es war ganz nett dort“, sagt sie. „Eine Woche Ferien ohne die Kinder. Aber ich hätte es nicht gebraucht.“ Susanne Geske stürzte sich lieber in die Arbeit.

Wie hat sie den Tod ihres Mannes überwunden? „Ich habe viel gebetet, gesungen und in der Bibel gelesen – das hat mir eigentlich gereicht.“ Vom türkischen Innenministerium bekam sie Personenschutz, aber nach einem Jahr beschloss Geske, künftig darauf zu verzichten. „Ich glaube, dass Jesus mich mehr beschützt als die Sicherheitsbeamten.“Tilman und Susanne Geske waren ein gegensätzliches Paar. Sie ist euphorisch und optimistisch – ihr Mann sei eher pessimistisch gewesen. Auf den Fotos, die Tilman Geske zeigen, sieht man einen ernsten, schmalen Mann mit Schnurrbart. Susanne Geske beschreibt ihn als still und schüchtern. Sie vermisst das morgendliche Gebet mit ihrem Mann, den Austausch, „das Schwätzen“, wie sie es nennt. Tilman Geske wurde am 18. Juli 1961 geboren und wächst in der Nähe von Celle in Niedersachsen auf. Von 1982 bis 1987 studiert er an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) in Basel. Seine Frau Susanne stammt aus Freiburg. Sie absolvierte ihre theologische Ausbildung an der damaligen Bibelschule Walzenhausen auf der Schweizer Seite des Bodensees.

Die Bedingung für eine Ehe

Bevor Tilman und Susanne Geske 1992 heirateten, hatte sie eine Bedingung für die Hochzeit gestellt: Sie wollte mit ihm in ein muslimisches Land gehen, um dort den christlichen Glauben zu verbreiten. Tilman Geske sagte Ja, 1997 zogen sie in die Zwei-Millionen-Stadt Adana im Süden der Türkei. Sie wussten, dass Mission in einem muslimischen Land gefährlich ist. Als sie in Malatya ankamen, begrüßte sie eine Lokalzeitung mit der Schlagzeile „Hilfe, die Missionare kommen“.

Das Telefon wird abgehört

Tilman Geske unterrichtete Englisch und Deutsch und bot Übersetzungsarbeiten an. Er schrieb Anbetungslieder für die türkischen Christen und arbeitete an einer Studienbibel. Zuletzt saß er am Register der Bibel – Tilman Geske kam bis zum Buchstaben „S“.

Die Familie wusste, dass sie unter Beobachtung steht. Susanne Geske geht davon aus, dass ihr Telefon auch heute noch abgehört und ihre Post überwacht wird. „Rausgehen und einfach Bibeln verteilen – das hätten wir nie gemacht“, sagt Susanne Geske. Stattdessen suchten sie Beziehungen und knüpften Freundschaften. „Die Fragen kommen dann von allein. Die Leute wollen mehr von Jesus wissen – und sie wollen lebendige Christen kennenlernen.“

Warum sie noch hier ist, wird sie oft gefragt

Eigentlich wollte Tilman Geske 2008 nach Deutschland zurückkehren, Susanne Geske wollte bleiben. „Wir waren beide überrascht, dass wir so verschiedener Meinung waren.“ Sie blieben. Zweifelt sie manchmal daran, am richtigen Platz zu sein? „Zweifel – was ist das?“, antwortet sie. „Ich habe keine Zweifel, absolut nicht.“

Ist sie nach den Morden vorsichtiger geworden? „Nein, im Gegenteil“, sagt Susanne Geske. Sie ist inzwischen stadtbekannt, auf der Straße wird sie von Fremden angesprochen. Sie komme leicht ins Gespräch, zudem seien die Türken sehr gastfreundlich. Warum sie immer noch hier ist, wird Susanne Geske oft gefragt. „Weil es mir hier gefällt“, antwortet sie dann. „Und weil Gott mich beschützt.“

Hat Gott ihren Mann nicht beschützt?

Hat Gott ihren Mann nicht beschützt? Susanne Geske gibt eine Antwort, die den meisten Christen vermutlich nicht über die Lippen gehen würde. „Es war eine von Gott geplante Sache“, sagt sie. „Gott kennt seine Leute. Er hat uns vertraut, er kann uns das zumuten.“

Im türkischen Fernsehen hat sie im letzten Jahr ein langes Interview gegeben und dabei von Jesus erzählt. Ob sie psychologische Hilfe bekommen habe, wurde sie gefragt. „Unser Psychologe ist Jesus Christus, mit dem wir ständig im Gebet verbunden sind“, antwortete sie. „Wir lesen in der Bibel und empfangen Trost. Was die Vergebung anbetrifft: So wie Jesus Christus mir meine Schuld vergeben hat, so vergebe ich auch Menschen, die mir gegenüber schuldig geworden sind. Das ist mein Glaube. Normalerweise ist es doch so, dass Menschen in einer solchen Situation Hass und Rache empfinden Aber so ist es nicht, wenn jemand aus dem Glauben heraus lebt und auf Jesus Christus schaut. Die Kraft, vergeben zu können, kommt allein von Gott.“

Seit drei Jahren läuft der Prozess

Das Gerichtsgebäude von Malatya ist ein schmuckloser, ockerfarbener Bau. Auf der Straßenseite gegenüber sitzen Männer auf winzigen Kinderstühlen, spielen Backgammon und trinken Tee. An einem Tisch warten Reporter und Fotografen, sie tauschen ihre Geschichten aus. Ein Personenschützer wartet auf seinen nächsten Einsatz im Gericht.

In einer Woche findet hier der nächste Prozesstag im Mordfall Tilman Geske statt. Die fünf Angeklagten verweigern die Aussage. Susanne Geske ist jedes Mal als Nebenklägerin dabei. Sie geht davon aus, dass es Hintermänner gibt, die zum Mord angestiftet haben. Erst vor drei Monaten hat der zuständige Staatsanwalt die Verhaftung von 20 mutmaßlich Beteiligten angeordnet, darunter ein pensionierter Polizeikommandeur, ein islamischer Theologieprofessor und ein Journalist. Mittlerweile gibt es rund 300 Verdächtige, die verhört werden. Seit dreieinhalb Jahren läuft das Verfahren – wann es zu Ende geht, weiß niemand.

Die Friedhofsblumen wurden gestohlen

Der Friedhof, auf dem Tilman Geske begraben liegt, erzählt viel über die Situation der Christen in der Türkei. Es ist eine armenische Begräbnisstätte, am Rande des Stadtzentrums von Malatya gelegen. In der Nachbarschaft befinden sich Autowerkstätten und Schrotthändler. Nur selten kommt es vor, dass hier Menschen begraben werden. Zwischen den Gräbern wachsen Maulbeerbäume und wildes Getreide, das Gras ist verdorrt, die Blumen verwelkt. Am Eingang des Friedhofes wohnt eine Familie, sie hat zwischen den Gräbern ihre Wäsche aufgehängt. Über einem offenen Feuer backen zwei Frauen Brot, aus einem Radio tönt Werbung. Ein Huhn läuft über den Friedhof. Vor einem Grab liegen eine Kinderschippe und Buddelformen.

Das Grab von Tilman Geske liegt etwas abseits. Auf den Marmorplatten des Grabes sind Bibelverse eingraviert. „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“, steht auf der linken Seite, „Gott ist Liebe. Er liebt auch Dich“, in der Mitte, und auf der rechten Seite ist zu lesen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Drei Mal hat Susanne Geske auf dem Grab Blumen gepflanzt, aber sie sind jedes Mal gestohlen worden. Geblieben ist nur ein Rosenstrauch. Susanne Geske ist nicht oft hier. „Das sind nur Steine“, sagt sie. „Entscheidend ist, dass Tilman jetzt bei Gott ist.“

„Arbeiten und lernen verboten“

Nach Susanne Geskes Verständnis ist Gemeindeleitung Männersache. Dennoch übernahm sie nach dem Tod von Necati Aydin, Ugur Yuksel und Tilman Geske die Leitung der Hausgemeinde von Malatya. Denn nach dem Tod der drei Männer gab es keine Leiter mehr. Inzwischen hat Geske die Leitung an einen Nachfolger abgegeben. Offiziell ist Susanne Geske Hausfrau, vom türkischen Staat hat sie eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten – mit der Einschränkung „arbeiten und lernen verboten“. Vom deutschen Staat bekommt sie eine Witwenrente – 205 Euro im Monat, dazu Kindergeld und eine Halbwaisenrente für die Kinder. Außerdem wird die Familie von einem kleinen Spenderkreis unterstützt. Susanne Geske träumt davon, in Malatya eine christliche Buchhandlung zu eröffnen – oder eine Bäckerei mit deutschen Rezepten. Gerade hat sie einen Bibelkurs ins Türkische übersetzt. „Wir sind da, wo Gott uns haben will.“

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

IDEA liefert Ihnen aktuelle Informationen und Meinungen aus der christlichen Welt. Mit einer Spende unterstützen Sie unsere Redakteure und unabhängigen Journalismus. Vielen Dank. 

Jetzt spenden.

4 Wochen IDEA Digital 8,95 Euro 1,00 Euro

Entdecken auch Sie das digitale Abo mit Zugang zu allen Artikeln auf idea.de