Frei-/Kirchen
Die Kirchen hätten sich Adolf Hitler verweigern können
29.04.2020

Wetzlar (idea) – Wenn sich die evangelische und die katholische Kirche dem Diktator Adolf Hitler (1889–1945) verweigert hätten, wäre dies für den Nationalsozialismus zum Fiasko geworden. Diese Ansicht vertritt der Professor für Neuere Geschichte, Manfred Gailus (Berlin), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar). Ihm zufolge gehörten während der Zeit des Nationalsozialismus 95 Prozent der Bevölkerung den beiden Volkskirchen an. Es wäre möglich gewesen zu protestieren, so Gailus: „Christen müssen auch öffentlich zu ihren Überzeugungen stehen. Es war die Stunde der Wahrheit. Und wir wissen heute: Viele Christen haben in dieser Stunde versagt.“ Anstatt zu protestieren, hätten die Kirchen laviert, Kompromisse gemacht und in erster Linie danach getrachtet, sich selbst zu erhalten.
Widerstand war die absolute Ausnahme
Laut Gailus teilte sich die evangelische Kirche während des Nationalsozialismus in drei Lager auf: Die Deutschen Christen hätten die Maßnahmen gegen Juden mit Worten und Taten unterstützt. Die „neutrale Mehrheit“ in der Kirche sei vielfach von einem christlichen Antijudaismus geprägt gewesen. Diese Christen seien zwar gegen Gewalt gewesen, hätten aber die Ausgrenzung oder erzwungene Auswanderung der Juden begrüßt. Die Bekennende Kirche sei in der „Judenfrage“ uneins gewesen. Die einen hätten sich nur für Juden eingesetzt, die zum Christentum konvertiert waren, andere hätten sich zugunsten aller Juden ausgesprochen. Der Bekennenden Kirche sei es aber nicht gelungen, mit einer Stimme zu dem Thema zu sprechen. Heute werde in den Kirchen bevorzugt an Widerstandskämpfer wie Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) oder Martin Niemöller (1892–1984) erinnert, so Gailus. Diese Rückschau an Vertreter der Bekennenden Kirche sei angenehmer als die an die Deutschen Christen. Dadurch entstehe jedoch eine schiefe Auffassung über die Rolle der Kirchen im Dritten Reich. Viele meinten, die Kirche habe sich im Großen und Ganzen bewährt oder sogar Widerstand gegen Hitler gezeigt. Der Widerstand sei jedoch die absolute Ausnahme gewesen.
Viele Pfarrer glaubten an den Nationalsozialismus
Gailus zufolge hat es bei vielen evangelischen Pfarrern während des Nationalsozialismus eine „doppelte Gläubigkeit“ gegeben. Sie hätten sowohl an Gott als auch an die deutsche Nation geglaubt. Dieser politische Glaube an Volk und Nation sei häufig fanatisch gewesen. Der nationalsozialistische Glaube an die Überlegenheit der nordischen Rasse habe sich zu einer „politischen Religion“ verdichtet. Die römisch-katholische Kirche stehe im Vergleich zur evangelischen Kirche besser da, weil es in ihr keine Massenbewegung wie die Deutschen Christen gegeben habe. Dagegen hätten diese in vielen evangelischen Landeskirchen im Kirchenregiment gesessen.
Kirchliche Entnazifizierung: Es gab viel Verdrängung
Kritik übte Gailus auch an der kirchlichen Entnazifizierung in der Nachkriegszeit. Es habe viel Verdrängung und Verschweigen gegeben. Die höchste Strafe für Verfehlungen von „Nazipfarrern“ sei in der Regel die Versetzung in ein anderes Pfarramt gewesen. Nur wenigen Pfarrern seien die Rechte des geistlichen Standes aberkannt worden. Nach wenigen Jahren hätten sie diese wieder zurückerhalten. Zudem komme die Aufarbeitung häufig aus den Universitäten, aber nicht so sehr aus den Kirchen selbst. Es falle den Kirchen schwer, eigenes Versagen einzugestehen. Gailus veröffentlichte mehrere Bücher zur Rolle der Kirchen im Dritten Reich, darunter „Protestantismus und Nationalsozialismus“ sowie als Herausgeber „Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933–1945“.Lesen Sie auch das ausführliche Interview mit dem Professor für Neuere Geschichte, Manfred Gailus.
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