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Gesellschaft

Das Dynamit der Auferstehung

12.04.2020

Ostern ist in den Zeitungen präsent. Foto: pixabay.com
Ostern ist in den Zeitungen präsent. Foto: pixabay.com

So lammfromm war die Medienlandschaft lange nicht wie zu diesem Ostern: „Glaube, Liebe, Hoffnung“, titelt der „Focus“, der „Spiegel“ rät zu „Glaube, Liebe, Tapferkeit“ und das Oster-Titelbild des „Zeit Magazin“ ziert der auferstandene Christus über dem offenen Grab. Eine Oster-Presseschau von idea-Redakteur Karsten Huhn.

Focus: Sind die Kirchen systemrelevant?

„Focus“-Chefredakteur Robert Schneider ist mit den Kirchen unzufrieden: „Ich frage mich, was Kirchen im Hinblick auf Systemrelevanz von Baumärkten unterscheiden soll, die u. a. hier in Berlin weiterhin geöffnet haben. Ich frage mich, warum viele Priester und Pfarrer so stumm sind ob der abgesagten Messen? Wo sind die Stimmen der Seelsorger und Hirten in dieser Zeit, in der doch so viele Menschen Orientierung und Hilfe brauchen? Soll Jesu Auferstehung dieses Jahr ausfallen?“

Welt am Sonntag: Wird die Corona-Krise zum Offenbarungseid für die Kirchen?

Laut der „Welt am Sonntag“ (Berlin) könnte die Corona-Krise für die Kirchen in Deutschland „eine Art Offenbarungseid werden“: „Die Selbstbeschränkung der Kirchen mutet seltsam an in einer Zeit, in der Orientierung mehr denn je gefragt ist. In der Friedensbewegung, in der Nachrüstungsdebatte, im Widerstand gegen die Atomkraft, im Kampf für Solidarität mit der Dritten Welt und gegen Hartz IV in Deutschland waren die christlichen Kirchen, insbesondere die evangelische, immer ganz vorn mit dabei. Von der ehemaligen Bischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, konnte man über Jahre zu fast jedem Thema eine Stellungnahme oder sogar eine Belehrung erwarten. Oft auch ungefragt. Jetzt gibt sie sich wortkarg ... Steffen Augsberg, Verfassungsrechtler und Mitverfasser der Ad-hoc-Empfehlungen des Deutschen Ethikrates zur Corona-Krise, sagt: ‚In Zeiten der Not erfolgt eine stärkere Hinwendung zum Glauben. Ich nehme die Kirchen in der Krise aber kaum wahr. Das mag auch daran liegen, dass sie sich in ihrer Innerweltlichkeit verzetteln – und dass sie sich zum Beispiel in der Atommüll-Endlager-Kommission oder in den Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks intensiv um Aufgaben kümmern, die wenig mit Seelsorge oder Gottesdienst zu tun haben.‘“

Süddeutsche Zeitung: Ostern macht sprachlos

Die Süddeutsche Zeitung (München) ist angesichts der Oster-Ereignisse sprachlos: „Ostern hat, zumal dann, wenn man bei Markus, also in der ältesten Evangelienliteratur, nachliest, etwas vermeintlich Unösterliches: Nicht Freude ist die erste Reaktion, sondern Entsetzen, Furcht und Zittern. Frauen kommen zum Grab, um den toten Körper zu salben, und sie reden auf dem Weg noch davon, wer ihnen wohl den schweren Stein vom Eingang des Grabes wegwälzt. Als sie hinkommen, ist der Stein schon weg, das Grab ist leer, ein junger Mann sitzt da, Engel wird er nicht genannt, und sagt ihnen, dass der Gesuchte auferstanden sei. Jubel? Freude? Enthusiasmus? Gar nicht, im Gegenteil, die Frauen fliehen: ‚Denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand irgendetwas davon, denn sie fürchteten sich.‘ Damit, nicht mit Jubel, sondern mit Irritation, mit Fassungslosigkeit und Schweigen endet die Ostererzählung beim Evangelisten Markus. Sie endet mit großer Sprachlosigkeit. In ihr spiegelt sich die Sprachlosigkeit des Ostern 2020, in der niemand vollmundig von Auferstehung reden mag, selbst die Kirchen nicht.“

Neue Zürcher Zeitung: Ohne Ostern gibt es keine Gerechtigkeit

In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt der Schriftsteller und Medienbeauftragte des Bistums Chur, Giuseppe Gracia: „Nach Hitler, Stalin, Lenin, Mao, Mobutu, Dschingis Khan oder Caligula, nach all dem Blutvergiessen zwischen Steinschleuder und Megabombe sehnen wir uns zwar nach Gerechtigkeit, nach Heilung und Wiedergutmachung, aber das ist vergeblich. Oder wie das Alte Testament sagt: ‚Windhauch und Luftgespinst‘. Die Welt bleibt ungerecht, die Menschheit unberechenbar. Und selbst wenn dem nicht so wäre, selbst wenn wir es eines Tages doch schaffen würden, die ideale Gesellschaft aufzubauen, eine Welt, in der niemand Unrecht erfährt, selbst dann wäre damit keine Gerechtigkeit geschaffen. Denn davon hätten ja die Millionen Unschuldiger nichts, die bis zur Errichtung dieser idealen Gesellschaft bereits ermordet worden sind. Millionen Kinder, Frauen und Männer, deren Schreie ungehört in der Dunkelheit der Vergangenheit verhallen. Diese Überlegung führt wieder zu Theodor W. Adorno. In seinem Buch ‚Negative Dialektik‘ (1966) schreibt er, dass wirkliche Gerechtigkeit eine Welt verlangen würde, ‚in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern das unwiderruflich Vergangene ebenfalls widerrufen wäre‘. Das legt nahe, dass es für Menschen keine Gerechtigkeit geben kann, wenn der Tod das letzte Wort hat, wenn es nicht so etwas wie die Auferweckung der Toten gibt. Als Atheist lehnt Adorno die Auferstehung zwar ab, jedoch im Bewusstsein: Ohne Auferstehung bleibt die Welt im Letzten trostlos, hoffnungslos.“

Der Spiegel: Auferstehung ist Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leids

„Der Spiegel“ (Hamburg) fragt nach der Bedeutung von Ostern: „Viele Menschen suchen in diesen Tagen nach etwas, das Mut gibt, Kraft, Hoffnung, für den Moment, aber auch danach, wenn bald vielleicht die Beschränkungen des Shutdowns gelockert werden. Sie suchen etwas, was die Angst nimmt vor dem Gleichmacher, aber auch die Sorgen etwa um den Job, die Zukunft. Psychologen und andere Wissenschaftler wissen Rat für Einzelne und Gemeinschaften, doch viele setzen auf ihren Glauben, ihren Gott ... Die Auferstehung ist die religiöse Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leids: Alles wird gut – und sei es erst nach dem Tod. In der theologischen Auslegung ist durch den Kreuzestod die Schuld aller Menschen vergeben. Aus dieser Idee schöpfen Christen von jeher Hoffnung, etliche Rituale knüpfen daran an: Gebete, der Rückzug in Einsamkeit und Stille. Die Rituale sollen den Menschen Halt geben, sie sollen das Unerträgliche erträglich machen. Doch was davon funktioniert heute noch, in einer Zeit, in der die biblischen Geschichten in weite Ferne gerückt sind? Gerade jetzt, in einem Moment der Bedrohung, des Dilemmas der Triage, für viele der unerträglichen Einsamkeit? Das, was seit der Moderne zumindest in der westlichen Welt meist nur in Krankenhäusern und in der Intimität der Familie sichtbar wurde – Siechtum, Schmerz, Not, Hilflosigkeit – wird auf einmal öffentlich, aber mit der Säkularisierung ist auch der jahrhundertealte Konsens, wie damit umzugehen wäre, nicht mehr gültig.“

Zeit Magazin: Ohne die Auferstehung geht es nicht

Das „Zeit Magazin“ (Hamburg) widmet sich in seiner Titelgeschichte der Auferstehung: „Die Aufhebung der naturwissenschaftlichen Gesetze durch die Auferstehung eines Toten zieht in den Augen des Apostels Paulus zwangsläufig auch eine Neuformatierung aller gesellschaftlichen und religiösen Regeln nach sich. Nichts soll bleiben, wie es war. Die bisher geltenden jüdischen Speisegesetze, wie das Schweinefleischverbot, die religiösen Gesetze, wie die Beschneidung, oder auch die sozialen Standesunterschiede spielen für ihn keine Rolle mehr. Der Gott des Volkes Israel wächst sich in der paulinischen Theologie aus zum Gott für die ganze Welt. Immer mehr wird Paulus zum Freiheitsphilosophen und zum zentralen Organisator der jungen Kirche … Das Dynamit, mit dem Paulus die alten Gesellschaften in die Luft jagt, ist allein die bezeugte Auferstehung eines Toten. Wenn nämlich der Tod besiegt werden kann, dann ist auch alles andere möglich. Damit legt Paulus den Samen der Weltreligion in die winzigen Gemeinden Kleinasiens, die damals von allen Seiten unter Druck stehen. ‚Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos‘, schreibt er. Und an anderer Stelle fügt er hinzu: ‚Wenn wir die Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher als alle anderen Menschen.‘ Ohne die Auferstehung geht es bei Paulus nicht.“

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