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Porträt

„Das Beste, was ich für mein Volk tun konnte“

04.05.2021

Sophie Scholl, die als Mitglied der Münchner Widerstandsbewegung „Weisse Rose” mit anderen Mitgliedern dieses Ringes vom NS-Regime 1943 hingerichtet wurde. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Sophie Scholl, die als Mitglied der Münchner Widerstandsbewegung „Weisse Rose” mit anderen Mitgliedern dieses Ringes vom NS-Regime 1943 hingerichtet wurde. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Sie war Kindergärtnerin, Studentin, Christin – und wurde im Alter von 21 Jahren als Staatsfeindin hingerichtet. Am 9. Mai 1921 wurde Sophie Scholl geboren. Ein Porträt der Widerstandskämpferin von IDEA-Redakteur Karsten Huhn

Wie fast alle Kinder ihrer Generation gehört auch Sophie Scholl der Hitlerjugend an. Seit 1934 ist sie im Bund Deutscher Mädel (BDM) aktiv. Dort schwört sie: „Ich gelobe meinem Führer Adolf Hitler mein ganzes Leben hindurch unverbrüchliche Treue.“ Sieben Jahre ist Sophie Scholl beim BDM aktiv – zwei Jahre länger als vorgeschrieben. Als Scharführerin ist sie zuständig für mehr als 100 Mädchen. Der christliche Glaube und der Einsatz für den Nationalsozialismus sind für sie kein Gegensatz; im Konfirmationsunterricht trägt sie ihre BDM-Uniform.

Geboren wird Sophie Scholl in Forchtenberg (Württemberg) als viertes von sechs Kindern von Robert Scholl und dessen Frau Magdalene. Robert Scholl arbeitet bei der Reichswehr als Sanitäter, später wird er Forchtenbergs Bürgermeister und leitet ein Treuhandbüro. Seine Frau Magdalene arbeitet zunächst als Diakonisse und widmet sich nach der Heirat der größer werdenden Familie. Sophie Scholls Mutter ist Pietistin und besucht mit ihren Kindern regelmäßig den Gottesdienst; der Vater versteht sich als Kulturprotestant und bleibt sonntags gerne mal zu Hause.

Als Sophie Scholl 16 Jahre alt ist, verliebt sie sich in den vier Jahre älteren Fritz Hartnagel. Beide kennen sich aus der Hitlerjugend. Nach dem Abitur schlägt Hartnagel eine Offizierslaufbahn ein. In Potsdam besucht er die Offiziersschule, ist danach an wechselnden Orten stationiert und wird zum Kriegsbeginn an die Front kommandiert. Den Kontakt hält das junge Paar vor allem durch Briefe. Sie berichten sich aus ihrem Alltag, philosophieren über Malerei und gemeinsam gelesene Bücher, planen ihren nächsten Urlaub und diskutieren das Auf und Ab ihrer Liebe.

Über den Krieg sind sie unterschiedlicher Meinung. „Ich bin wieder mal restlos begeistert von meinem Soldatenberuf“, schreibt Fritz Hartnagel 1938 seiner Sophie. Nach Ausbruch des Krieges berichtet er: „Wir warten stündlich, dass es auch hier bei uns zum Knallen kommt. Wenn wir’s auch nicht hoffen wollen, so freuen wir uns doch insgeheim darauf … Es macht sehr viel Spaß, wenn man mal seine Kriegsschulkenntnisse und Friedenstheorien in die Praxis umsetzen kann.“

Sophie Scholl antwortete ihm postwendend: „Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nicht begreifen, und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist fürs Vaterland.“

Arbeitsdienst auf dem Bauernhof

Nach dem Abitur im März 1940 beginnt Sophie Scholl eine Ausbildung als Kindergärtnerin am Evangelischen Fröbel-Seminar in Söflingen bei Ulm. Zur Ausbildung gehören Praktika in einem Kindersanatorium und einem Säuglingsheim. Danach muss Scholl zum sechsmonatigen Reichsarbeitsdienst in einem Lager bei Sigmaringen antreten. Tagsüber arbeitet sie als Arbeitsmaid auf einem Bauernhof, in ihrer Freizeit liest Scholl Thomas Manns „Zauberberg“ und die autobiografischen „Bekenntnisse“ von Kirchenvater Augustinus.

Zu ihrer Enttäuschung muss Scholl nach dem Arbeitsdienst aufgrund eines Führererlasses einen zusätzlichen sechsmonatigen „Kriegshilfsdienst“ leisten. In der badischen Stadt Blumberg betreut sie in einem Werkskindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt Kinder, deren Mütter in „kriegswichtigen Betrieben“ arbeiten.

Unterdessen ist Sophie Scholls Freund Fritz Hartnagel nach Russland kommandiert worden. Er sieht die Leichen sowjetischer Kriegsgefangener und hört von Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung. In einem Brief berichtet er: „Es ist erschreckend, mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Russlands erzählt und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist.“

„Wir sind Euer böses Gewissen!“

Während Fritz Hartnagel an der Front kämpft, kann Sophie Scholl endlich ihr Studium der Naturwissenschaften und Philosophie antreten. Im Mai 1942 zieht sie nach München und wird dort in den Freundeskreis ihres drei Jahre älteren Bruders Hans und seines Freundes Alexander Schmorell aufgenommen.

Hans Scholl studiert seit dem Frühjahr 1939 Medizin und nimmt in den Semesterferien als Sanitätsfeldwebel am Frankreich-Feldzug teil. 1941 lernt er Schmorell kennen, der ebenfalls Medizin studiert. Mit weiteren Mitstreitern gründen sie die „Weiße Rose“, einen Freundeskreis, der sich dem Kampf gegen den Nationalsozialismus verschreibt. Im Juni und Juli 1942 verfassen die beiden vier Flugblätter, die sie in jeweils etwa 100 Exem­plaren per Post an Schriftsteller, Professoren und Buchhändler in München versenden. Die Anschriften entnehmen sie aus Telefon- und Adressbüchern.

„Leistet passiven Widerstand, wo immer Ihr auch seid!“, fordern sie im ersten Flugblatt. Im zweiten beklagen sie, „dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind“. Das dritte Flugblatt warnt vor der „Diktatur des Bösen“ und ruft zur „Sabotage in Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben“ auf. Der Schlusssatz des vierten Aufrufs lautet: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“

In den Semesterferien muss Sophie Scholl einen zweimonatigen „Rüstungsdienst“ in einer Ulmer Schraubenfabrik leisten, in der auch über 100 Zwangsarbeiter beschäftigt sind. Ihr Bruder Hans wird als Sanitäter in den Russlandfeldzug eingezogen. In seinem Tagebuch notiert er im August 1942: „Wenn Christus nicht gelebt hätte und nicht gestorben wäre, gäbe es wirklich gar keinen Ausweg. Dann müsste wirklich alles Weinen grauenhaft sinnlos sein. Dann müsste man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern. So aber nicht.“

Auch Sophie Scholl denkt intensiv über den christlichen Glauben nach. Sie schreibt: „Ich bin Gott noch so ferne, dass ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja, manchmal, wenn ich den Namen Gottes ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Das ist nicht etwa schrecklich oder schwindelerregend, es ist gar nichts – und das ist noch viel entsetzlicher. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.“ Angesichts der eigenen Glaubenszweifel tröstet sie sich in ihrem Tagebuch mit dem Bibelwort Johannes 16,33: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

„Hitler führt das Volk in den Abgrund“

Anfang November kehren Hans Scholl und Alexander Schmorell von der Front zurück. Sie nehmen ihr Studium wieder auf und knüpfen Kontakte zu Widerstandsgruppen in anderen Städten. Im Januar 1943 entsteht ein fünftes Flugblatt. Erstmals beteiligt sich Sophie Scholl an dessen Herstellung. Sie besorgt Abzugspapier, Briefumschläge und Matrizen und stellt zusammen mit ihrem Bruder die Abzüge her. Mit dem Schnellzug fährt sie nach Augsburg und Stuttgart und wirft dort bereits vorbereitete Briefe in Briefkästen ein. In München legt sie die Flugblätter in Telefonzellen und parkenden Autos ab. Auch in Köln, Berlin und Wien wird das Flugblatt verteilt.

„Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund“, warnt das Papier. „Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt näher und näher!“ Die Gestapo München intensiviert ihre Ermittlungen. Sie ruft die Kriminalpolizeistellen in anderen Städten zur Fahndung auf und beauftragt einen Philologen mit der Prüfung der Flugblätter. In dessen Gutachten heißt es: „Der Verfasser erweist sich stilistisch als ein Mensch, dem die lutherische Bibelübersetzung als vertrauter Besitz im Ohr liegt.“

Am 15. Februar stellt „Die weiße Rose“ das sechste Flugblatt fertig. Es ruft dazu auf, das NS-Regime zu stürzen und ein „neues geistiges Europa“ zu errichten: „Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht.“

In England wird das Flugblatt nachgedruckt und von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Der Inhalt wird außerdem durch den englischen Radiosender BBC verbreitet. Am 18. Februar verteilen die Geschwister Scholl etwa 1.500 Flugblätter in der Münchener Universität. Ein Hausmeister beobachtet sie und hält sie fest. Die Gestapo verhaftet die Geschwister Scholl und kurz darauf auch den Medizinstudenten Christoph Probst.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte“, erklärt Sophie Scholl laut Verhörprotokoll. „Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“

Nach drei Stunden ergeht das Todesurteil

Bereits vier Tage später wird der Prozess gegen die drei Studenten eröffnet. Sie werden angeklagt wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung“. Aus Berlin reist der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, an und macht kurzen Prozess. Die geladenen Zeugen werden nicht gehört, die Angeklagten kommen kaum zu Wort, und die Pflichtverteidiger setzen sich nicht für ihre Mandanten ein. Nach nicht einmal drei Stunden verurteilt Freisler alle drei Angeklagten zum Tode. Ein Gnadengesuch der Eltern Scholl wird abgelehnt.

Vor seiner Hinrichtung lässt sich Probst von einem katholischen Gefängnisgeistlichen taufen. Hans Scholl liest in seiner Todeszelle mit dem evangelischen Gefängnisseelsorger das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief und den 90. Psalm. Gemeinsam feiern sie das Abendmahl. Auch Sophie Scholl empfängt in ihrer Zelle das Abendmahl. Noch einmal kommen die drei Verurteilten zusammen und rauchen eine Zigarette. Dann werden sie zur Fallschwertmaschine gebracht.

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