Samstag • 15. Juni
Manfred Lütz
30. Mai 2019

Wieso die Politik bekennende Christen braucht

Der Theologe und Psychiater Manfred Lütz beim Gebetsfrühstück des Nationalrats, des österreichischen Parlaments, am 28. Mai in der Wiener Hofburg. Foto: Parlamentsdirektion/Raimund Appel
Der Theologe und Psychiater Manfred Lütz beim Gebetsfrühstück des Nationalrats, des österreichischen Parlaments, am 28. Mai in der Wiener Hofburg. Foto: Parlamentsdirektion/Raimund Appel

Wien (idea) – Zwei Ursachen hat die Krise der Kirche und des Christentums in Westeuropa: Viele Menschen glauben nicht mehr an Gott, und die Christen schämen sich ihrer eigenen Geschichte, ohne sie zu kennen. Diese Überzeugung vertrat der Theologe und Psychiater Manfred Lütz (Köln) bei einem Gebetsfrühstück des Nationalrats, des österreichischen Parlaments, am 28. Mai in der Wiener Hofburg. „Sie können inzwischen fast jeden deutschen Bischof nachts wecken und ihn bitten, sich für irgendetwas zu entschuldigen – Kreuzzüge, Hexenverfolgung, Inquisition, beliebig – der entschuldigt sich sofort und schläft ruhig weiter“, sagte Lütz vor über 250 Gästen. Die Ansicht, dass die Kirchengeschichte überwiegend eine Schuldgeschichte war, sei problematisch: „Wenn 2.000 Jahre christliche Geschichte eine Katastrophe waren, dann ist das Christentum diskreditiert.“ Tatsächlich seien jedoch die Toleranz gegenüber anderen, die Freundlichkeit gegenüber Fremden, Internationalität sowie die Fürsorge für Kranke und Behinderte „christliche Erfindungen“. Das heiße nicht, dass es keine Probleme mit anderen Kulturen gäbe, über die man reden müsse. Fremdenfeindlichkeit sei aber „nicht christlich“.

ANZEIGE

Donald Trump ähnelt Kaiser Nero

Lütz forderte die anwesenden Politiker dazu auf, zu ihrem Glauben zu stehen. „Wir Christen müssen uns auch öffentlich wieder bekennen.“ Das sei besonders wichtig, weil „vorchristliche Mentalitäten inzwischen wieder üblich werden“. Als Beispiel nannte er US-Präsident Donald Trump, der „total unmoralisch“ sei. Wie einst der römische Kaiser Nero (37-68 n.Chr.) sei er zwar bei vielen beliebt, aber bereit, für den Erfolg alles zu tun. „Diese Art, die heute in der Politik wieder üblich wird, die Gegner zu verteufeln, in ihnen absolute Feinde zu sehen, ist nicht christlich.“ Vielmehr habe Jesus eine Feindesliebe gepredigt, die „völlig neu“ war.

Jesus ist der beste Medienberater

Der Nationalratspräsident und Gastgeber der Veranstaltung, Wolfgang Sobotka (ÖVP), sagte zum Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Sebastian Kurz durch das Parlament am Vortag: „Wir haben keine Staatskrise, ich darf sie beruhigen.“ Dennoch sei die Situation schwierig und zeige auch die Grenzen der Politik auf. Deshalb sei es wichtig, dass es „jemanden gibt, der uns lenkt, der uns führt“. Macht werde nicht immer von einem guten Geist getragen, sondern auch missbraucht. Der deutsche Bundestagsabgeordnete Bernd Rützel (SPD) sagte über den wöchentlichen Gebetskreis im Bundestag: „Dieser Freitagmorgen ist eine Kraftquelle. Wir sind politisch Lichtjahre auseinander. Und trotzdem sind viele Freunde geworden.“ Jesus Christus sei „der beste Medienberater und Personal Trainer auf der Welt“. Die Liebe Jesu mache frei und sei „das wertvollste Geschenk“. Organisatorin der fraktionsübergreifenden Gebetsveranstaltung war die Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler (ÖVP). Neben 20 christlichen Konfessionen waren auch Juden und Muslime vertreten.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.

20 Kommentare
Kommentare sind ausgeblendet.
Zum Einblenden der Kommentare hier klicken.
Diese Woche lesen Sie
  • Reinhardt Schink „Die Vielfalt unserer Gesellschaft soll sich auch in der Allianz widerspiegeln“
  • Kinderrechte Das Erziehungsrecht der Eltern wird ausgehebelt
  • Pro und Kontra Auf die alten Sprachen verzichten?
  • Gebetsfrühstück Gebet als Kraftspender
  • Gerhard Maier Streiflichter eines Altbischofs
  • mehr ...
ANZEIGE