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„Christianity Today“
26. Dezember 2019

US-Evangelikale streiten weiter: Trump unterstützen oder ablehnen?

Man erkenne an, dass „unser unvollkommenes politisches System“ ein „Spiegelbild der gefallenen Welt“ sei, so die Unterzeichner. Foto: pixabay.com
Man erkenne an, dass „unser unvollkommenes politisches System“ ein „Spiegelbild der gefallenen Welt“ sei, so die Unterzeichner. Foto: pixabay.com

Washington (idea) – In den USA geht die Debatte unter Evangelikalen über ihre Haltung gegenüber US-Präsident Donald Trump weiter.

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Der Chefredakteur des evangelikalen Magazins „Christianity Today“ (CT/Christenheit heute), Mark Galli, hatte am 19. Dezember in einem Editorial auf der Internetseite des Magazins geschrieben, Trump müsse aus dem Weißen Haus entfernt werden – entweder durch Amtsenthebung oder indem er 2020 nicht wiedergewählt werde.

Galli, der im Januar in den Ruhestand geht, warf Trump einen „zutiefst unmoralischen Charakter“ vor. Seine Lügen, Falschdarstellungen und Verleumdungen bei Twitter lieferten ein nahezu perfektes Beispiel für einen moralisch verlorenen und verwirrten Menschen.

Seit über einem halben Jahrhundert gilt „Christianity Today“ als „Flaggschiff“ evangelikaler Publizistik in den USA. Es wurde 1956 vom Evangelisten Billy Graham (1918–2018) gegründet.

Chefredakteur Galli: CT wird nicht von „Rechts-Außen-Evangelikalen“ gelesen

Trump schrieb anschließend auf Twitter, das Magazin stehe weit links. Auch mehrere prominente Evangelikale distanzierten sich öffentlich. Darunter war der US-Evangelist Franklin Graham, Sohn des CT-Gründers. Das Magazin stehe für den „elitären liberalen Flügel“ der Evangelikalen. Sein Vater habe Trump gekannt und bei der US-Präsidentenwahl für ihn gestimmt, so Franklin Graham.

CT-Chefredakteur Galli sagte in einem Interview mit dem US-Sender CNN (20. Dezember), dass sein Artikel die Einstellung von Evangelikalen gegenüber Trump nicht beeinflussen werde. Christianity Today werde nicht von Evangelikalen gelesen, die „rechts außen“ stünden.

Brief von Evangelikalen an CT: Wir stehen nicht „rechts außen“, sondern sind bibeltreu

Daraufhin (22. Dezember) wandten sich über 170 evangelikale Leiter und Pastoren in einem Brief an den Präsidenten von Christianity Today, Timothy Dalrymple.

Darin kritisierten sie Galli scharf und wiesen den Vorwurf zurück, sie stünden rechts außen: „Vielmehr sind wir bibeltreue Christen und patriotische Amerikaner, die einfach nur dankbar dafür sind, dass unser Präsident unseren Rat gesucht hat, als seine Regierung eine fortschrittliche Politik verfolgt hat, die das Ungeborene schützt, die die Religionsfreiheit fördert, die unser Strafrechtssystem reformiert, die durch bezahlten Familienurlaub zu hart arbeitenden Familien beiträgt, die die Gewissensfreiheit schützt, die den Elternrechten Vorrang einräumt und die sicherstellt, dass sich unsere Außenpolitik an unseren Werten ausrichtet, und die gleichzeitig unsere Welt, auch durch unsere Unterstützung des Staates Israel, sicherer macht.“

Wer den Brief unterzeichnet hat

Man erkenne an, dass „unser unvollkommenes politisches System“ ein „Spiegelbild der gefallenen Welt“ sei. Das Editorial von Galli stelle aber die geistliche Integrität und das christliche Zeugnis von Millionen Gläubigen infrage, die ihre bürgerlichen und moralischen Verpflichtungen ernstnähmen.

Zu den Unterzeichnern des Briefes zählen unter anderen der Präsident der evangelikalen Liberty Universität, Jerry Falwell Jr. (Lynchburg), der Hauptpastor der Megagemeinde „First Baptist Church“ in Dallas (Texas), Robert Jeffress, der Gründer und frühere Leiter der Organisation „Focus on the Family“ (Brennpunkt Familie), James Dobson (Colorado Springs), der Präsident der konservativen Vereinigung „American Values“ (Amerikanische Werte), Gary Bauer (Washington), der Präsident der Lateinamerikanischen Koalition für Israel, Mario Bramnick, die Fernsehevangelistin und geistliche Begleiterin des US-Präsidenten, Paula White Cain, der Journalist und Bestsellerautor Eric Metaxas (New York), der Ehrenvorsitzende von „My Faith Votes“ (Mein Glaube wählt), der Ex-Gouverneur von Arkansas Mike Huckabee, der Präsident der „National Black Pro-Life Union“, Day Gardner, sowie der Präsident der christlichen Organisation „Faith and Freedom Coalition“ (Koalition für Glaube und Freiheit), Ralph Reed.

Präsident von Christianity Today: Wir hoffen auf eine größere Debatte unter Evangelikalen

CT-Präsident Dalrymple teilte gegenüber CNN mit, er hoffe, dass Gallis Stellungnahme zu einer größeren Debatte unter Evangelikalen führe. In einer politischen Landschaft, die von Polarisierung, Feindseligkeit und Missverständnissen dominiert sei, glaube Christianity Today, dass es für Christen entscheidend sei, eine klare Meinung zu haben und gleichzeitig offen miteinander diskutieren zu können: „Evangelikale verschiedener Couleur können sich nicht weiterhin gegenseitig anschreien, diejenigen schikanieren, die anderer Meinung sind, oder sich gegenseitig ausschließen und sich weigern zuzuhören.“

Welche Rückmeldungen Christianity Today bekam

In einem Beitrag auf der Internetseite von Christianity Today (22. Dezember) schrieb Dalrymple, dass das Magazin viele Rückmeldungen erhalten habe. Die einen dankten dem Magazin überschwänglich, weil endlich jemand das ausspreche, was sie fühlten: „Sie fühlten, dass dies ein Wendepunkt in der Geschichte der amerikanischen Kirche war – oder sie hofften, dass er sich als solcher erweisen würde.“

Die anderen seien empört. Sie empfänden den Beitrag als Rufmord und hätten den Eindruck, dass viele Evangelikale verleumdet würden. Sie glaubten, dass das Magazin die Demokraten einem Präsidenten vorziehe, der viel Gutes getan habe.

Dalrymple: CT hat kein Interesse an Parteipolitik

Dalrymple betonte, dass Christianity Today theologisch konservativ sei: „Wir sind für das Leben (pro-life) und für die Familie.“ Als Institution habe CT kein Interesse an Parteipolitik und befürworte auch keine Kandidaten. Aus Liebe zu Jesus und seiner Kirche und nicht aus politischer Parteinahme fühle man sich aber gezwungen zu sagen, dass die Allianz des US-Evangelikalismus mit dieser Präsidentschaft dem christlichen Zeugnis enormen Schaden zugefügt habe. Christianity Today hat seinen Sitz in Carol Stream (US-Bundesstaat Illinois).

Das Repräsentantenhaus hatte am 18. Dezember die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens beschlossen. Trump werden Machtmissbrauch und Behinderungen von Kongressermittlungen vorgeworfen. Hintergrund ist ein Telefongespräch des US-Präsidenten mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Juli. Trump soll ihn gedrängt haben, gegen den US-Demokraten und Ex-Vizepräsidenten Joe Biden – er ist ein möglicher Kandidaten der Demokraten für die nächste Präsidentschaftswahl in den USA – und dessen Sohn Hunter zu ermitteln. Trump weist die Vorwürfe zurück.

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