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Grenzen des Anstandes verletzt
12. Oktober 2018

„Politikerbibel“ erscheint ohne Vertreter der AfD

Herausgeber der „Politikerbibel“ ist der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider. Foto: picture-alliance/Eventpress
Herausgeber der „Politikerbibel“ ist der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider. Foto: picture-alliance/Eventpress

Hamburg (idea) – Im Kreuz Verlag (Hamburg) ist im September eine „Politikerbibel“ erschienen. In dem vom ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider (Berlin), herausgegebenen Buch mit dem Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ nennen 69 deutsche Volksvertreter aus dem Bundestag, den Landtagen und dem Europäischen Parlament ihre Lieblingsstelle aus der Heiligen Schrift. In kurzen Aussagen beschreiben sie, was gerade dieses biblische Wort für ihr Leben und politisches Handeln bedeutet, und äußern sich zur Bedeutung und Aufgabe der Kirchen. Vertreten sind alle im Bundestag sitzenden Parteien – mit Ausnahme der AfD. Dies begründen der Verlag und Herausgeber Schneider im Vorwort mit der paulinischen Zuspitzung, dass die Liebe sogar größer als Glaube und Hoffnung sei. Liebe als Lebenshaltung verstehe man als eine „unaufgebbare Bindung politischen Redens und Handelns an die universale Menschenliebe Gottes: „Völkische Programmatik verträgt sich damit nicht. Außerdem ist es uns nicht möglich, Mitglieder einer Fraktion um Beteiligung an diesem Buch-Projekt zu bitten, die mit ihrem politischen Reden und Handeln die Grenzen des Anstandes und des Respektes vor der Würde anderer Menschen durch gezielte Provokationen immer wieder verletzten.“

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Münz (AfD): Die Kirche grenzt Konservative aus

Der religionspolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Volker Münz, sagte auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, das Buch stelle eine schöne Möglichkeit dar, Politiker und ihr Verhältnis zu Glauben und Kirche besser kennenzulernen: „Es ist sehr bedauerlich, dass AfD-Politiker wieder einmal ausgeschlossen wurden und ihre Ansichten den Bürgern vorenthalten werden.“ Von „amtskirchlicher Seite“ habe dieses Vorgehen mittlerweile Methode. Den Meinungsstreit lasse man nicht zu: „Und Kirche im überparteilichen Sinn, also ,offen für alle Menschen‘, will man in Wirklichkeit längst nicht mehr sein – stattdessen werden moralische Sanktionen verhängt und konservative Christen ausgegrenzt.“

Wolfgang Schäuble (CDU): Der christliche Glaube liefert eine ethische Grundlage

Die Lieblingsbibelstelle von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) steht im Matthäusevangelium (4,4): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Aus Sicht des Protestanten liefert der christliche Glaube eine ethische Grundlage für verantwortliche Politik. Er schaffe eine Vorkehrung gegen Übermaß, Allmachtsfantasie und Machtmissbrauch: „Religion ist politisch, aber sie ist nicht Politik.“ Für den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, das EKD-Ratsmitglied Thomas Rachel (CDU), sind biblische Verheißungen und christliche Hoffnungsperspektive maßgebend für politische Entscheidungen. Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU schreibt: „Welch ein Lebensglück, dass wir Menschen stets unser Herz vor ihm ausschütten können und er uns immer wieder seine Gnade schenkt.“

Eva Högl (SPD): Mit Epheser 5 gegen Populismus

Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Eva Högl, nennt Epheser 5,1-2 („So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat“). Die Stelle habe für sie eine große Bedeutung, weil populistische Parteien derzeit Zulauf hätten. Epheser 5 weise den Weg, der populistischen Versuchung zu widerstehen: „Indem wir nicht ihren leeren Worten, sondern den Worten Gottes folgen, indem wir Gott nachahmen und die Liebe für ihn, für Jesus und für unsere Mitmenschen leben.“ Das bedeute „Nächstenliebe statt Hass und Hetze, Hoffnung schenken statt Ängste schüren, unsere Gesellschaft zusammenzubringen statt sie auseinanderzutreiben. Das sind die Maximen, nach denen ich lebe und handele.“ Högl war im März in die Kritik geraten, als sie in der Debatte über eine mögliche Streichung des Werbeverbots für Abtreibungen (Paragraf 219a StGB) auf Twitter die Lebensrechtler der Unionsparteien als „widerliche ,Lebensschützer*innen‘“ bezeichnete. Högl löschte ihren Tweet kurze Zeit später.

Heiko Maas (SPD): Religion wird oft missbraucht

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sieht das Zusammenspiel aus Glaube und Politik kritisch. So würden Glaube und Religion aktuell auch oft missbraucht und als Anlass für parteipolitische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen genommen. „Denken wir an die hysterischen Aufrufe zur Verteidigung des ‚christlichen Abendlands’ gegen den ‚politischen Islam’“, so Maas. Der Katholik fordert darum: „Statt den Glauben als etwas Trennendes zu begreifen, sollten sich alle großen Religionen auf ihre Friedensverantwortung besinnen bei der gemeinsamen Suche nach dem Reich Gottes.“

Manfred Weber (CSU): Kirche ist eine der letzten verbliebenen Autoritäten

Für den Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei im Europaparlament sowie stellvertretenden CSU-Parteivorsitzenden, Manfred Weber (CSU), stellen die Kirchen „eine der letzten verbliebenen großen moralischen Autoritäten in unserer heutigen schnelllebigen Zeit“ dar. Laut dem Katholiken kommt ihnen aber auch die „große Aufgabe zu, Zielkonflikte aufzuzeigen und auf gerechte Lösungen hinzuarbeiten“. Privat sind Gebet und Glaube für den CSU-Politiker „wichtiger Bestandteil meines Lebens“.

Pascal Kober (FDP): Die Kirchen sollten weniger Parteipolitik betreiben

Der Sozialpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober (FDP), wünscht sich von den Kirchen hingegen „weniger Trivialmoral oder Parteipolitik in Predigten, Interviews und Verlautbarungen“. Kober ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und war als Militärseelsorger unter anderem im Auslandseinsatz in Mali tätig. Der religionspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Stefan Ruppert (Oberursel bei Frankfurt am Main), schreibt, dass das Gebet für ihn zunehmend wichtiger wird: „Das Innehalten, sich von der Hektik ab- und dem Gebet zuwenden gibt mir immer mehr.“ Der Jurist Ruppert ist Landesvorsitzender der FDP Hessen und gehört der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau an.

Annalena Baerbock (Grüne): Kirche ist eine starke Stimme gegen Rechtspopulisten

Für die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Annalena Baerbock, ist die Kirche auch im Kampf gegen Rechtspopulismus eine starke Stimme. „Gerade in Zeiten, in denen die Welt in Aufruhr zu sein scheint und Abschottung immer stärker zunimmt, braucht es nicht einfache und populistische Antworten auf komplexe Fragen, sondern starke Nerven – und Haltung“, so die Protestantin. Hier wünsche sie sich die Kirche weiterhin als verlässlichen Partner „gegen die, die uns und unsere Gesellschaft spalten wollen“. Laut dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/ Die Grünen) ist Glaube nicht nur eine Herzenssache und Privatangelegenheit, sondern durch religiöse Feste und Symbole auch öffentlich: „Gerade deshalb ist es aber wichtig, dass die Kirchen und ihre Gläubigen nicht einfach auf Traditionen und Gewohnheitsrechte beharren, sondern in unserer säkularen Welt erklären und begründen, warum das, was sie glauben und feiern, wovon sie überzeugt sind und wofür sie sich einsetzen, für die ganze Gesellschaft wichtig ist“, schreibt der Katholik.

Petra Pau (Die Linke): Einer trage des anderen Last

Die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau (Die Linke), schreibt, in kapitalistischen Gesellschaften würden die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher. Dagegen halte sie es als demokratische Sozialistin und als Christin mit „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2). Das sei auch eine Zukunftsfrage: „Wir sind auf dem ,besten‘ Weg, der nächsten Generation Probleme zu vererben, die für sie unlösbar werden.“ Der protestantische Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow (Erfurt/Die Linke), schreibt, für ihn sei Versöhnung ein wichtiger Grundgedanke seines religiösen Tuns: „Aber keine Versöhnung, die Konflikte überdeckt, sondern eine kämpferische Versöhnung für mehr Ausgleich und Gerechtigkeit.“

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