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Debatte
28. September 2019

Gauck mahnt mehr Toleranz gegenüber Konservativen an

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Jesco Denzel
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Jesco Denzel

München (idea) – Altbundespräsident Joachim Gauck hat mehr Toleranz linksliberaler Meinungsführer gegenüber konservativen Positionen angemahnt. Auch sie müssten „lernen zu tolerieren, dass Teile unserer Gesellschaft anders ticken,anders denken, anders sprechen, auch wenn dies bei liberalen Eliten Kopfschütteln, Ratlosigkeit und Ablehnung hervorruft“, sagte er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“ (Ausgabe 28. September). „Altmodische, konservative oder gar reaktionäre Menschen sind nun einmal ein nicht zu übersehender Teil unserer Gesellschaft.“

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Gauck kritisierte, „dass viele in diesen linksliberalen Kreisen sehr pauschal alles ablehnen und sogar als Gefahr für die Demokratie verurteilen, was rechts von der politischen Mitte oder rechts von der Union ist“. Es sei eine bedrohliche Entwicklung, wenn man Menschen, „die aus Gefühlen der Entheimatung oder Verunsicherung heraus zu Protestwählern werden“, gleichstelle mit jenen, „die wirklich nationalsozialistisch oder menschenfeindlich agieren und entsprechende Ziele verfolgen“.

Gauck betonte ferner, dass er die AfD „aus tiefer Überzeugung“ ablehne: „Trotzdem führt uns die beschriebene Pauschalisierung und die vorschnelle Ablehnung ihrer Wähler nicht weiter.“ Es bestehe die Gefahr, dass sich die Lager feindlich gegenüberstünden und es zur Spaltung der Gesellschaft komme. Wie schnell das gehen könne, habe sich seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gezeigt.

Gauck: Ich wurde früher von „linksprotestantischen Gedanken“ geprägt

Gauck kommt nach eigenen Worten nicht aus dem konservativen Milieu, sondern sei früher eher von „linksprotestantischen Gedanken“ geprägt worden: „Ich habe mich dann aber in Richtung eines politischen Liberalismus bewegt und bin heute ein im weitesten Sinne liberaler Mensch und Vertreter der offenen Gesellschaft.“

Der Altbundespräsident äußerte sich auch zur sogenannten „politischen Korrektheit“. Sie sei eine wichtige Errungenschaft, wenn sie sich gegen Diskriminierung richte: Wenn sie aber benutzt wird, um Andersdenkende öffentlich anzuklagen und allein für ihre Wortwahl zu verurteilen, dann ist das nicht sehr fortschrittlich.“ Wenn man die deutsche Sprache „unbedingt einer erhofften gesellschaftlichen Entwicklung anpassen will, kann dies schnell zu Übertreibungen führen, die von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt werden“. Er nenne diesen „Neusprech“ auch „betreutes Sprechen“, so Gauck. Aber das wollten viele nicht hören, „die sich im Dienste des Fortschritts wähnen“.

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