15. Mai 2019

Pro und Kontra

Sind evangelikale Werke zu sozial-lastig?

Der Direktor des Hilfswerke „Hilfe für Brüder”, Ulrich Weinhold, und der Direktor des Zentrums für Nachhaltigkeit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Matthias Böhning. Fotos: idea/kairospress, Privat
Der Direktor des Hilfswerke „Hilfe für Brüder”, Ulrich Weinhold, und der Direktor des Zentrums für Nachhaltigkeit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Matthias Böhning. Fotos: idea/kairospress, Privat

Wetzlar (idea) – Teile der evangelikalen Bewegung engagieren sich zunehmend für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz und die Transformation der Gesellschaft. Besteht die Gefahr, dass evangelikale Werke zu sozial-lastig werden? Zu dieser Frage äußern sich zwei Vertreter dieser Bewegung in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

Pro: Bei Jesus Christus gab es ein „Primat der Verkündigung“

Die Gefahr einer zu starken Betonung des Sozialen in der christlichen Gemeinde habe sich in den letzten Jahren verstärkt, schreibt der Direktor der Werke „Hilfe für Brüder“ und „Christliche Fachkräfte International“, Ulrich Weinhold (Stuttgart). Er sieht dafür mehrere Gründe. So werde dank des technischen Fortschritts immer besser und eindrücklicher über Notsituationen informiert. Die Folge: „Schnell kann uns die Not der Überschwemmungsgebiete in Ostafrika wichtiger werden als die Frage, wo Menschen hingehen, wenn sie sterben.“ Weinhold beobachtet auch einen theologischen „Schub“ von der Verkündigung hin zum Diakonieauftrag. Dazu gehöre beispielsweise ein Verständnis von „Transformation“, ganze Gesellschaften verändern zu wollen. Am leichtesten scheine das dort möglich, wo soziale Bedürftigkeit die Türen am weitesten öffne. Weinhold zufolge gab es bei Jesus Christus ein „Primat der Verkündigung“, bei Paulus die Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben: „Beides darf nicht untergehen – weil unsere Welt das Evangelium braucht. Suppe und Seife haben andere auch – das Seelenheil kennen nur Christen.“

Kontra: Christen arbeiten am Bau einer besseren Gesellschaft mit

Die Gegenmeinung vertritt der Direktor des Zentrums für Nachhaltigkeit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Matthias Böhning (Bonn). Nach seinen Worten sendet der Missionsbefehl Nachfolger Jesu nicht allein zu Individuen, „sondern zu allen Nationen der Welt, kompletten sozio-kulturellen Räumen“. Die persönliche Umkehr sei zentral: „Jedoch ist sie nicht Endpunkt, sondern Ausgangspunkt einer persönlichen Erneuerung sowie einer Erneuerung von Familie, Kirche, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.“ Die Gemeinde Jesu Christi arbeite aktiv am Bau einer besseren Gesellschaft mit und wirke „so zutiefst evangelistisch“. Menschen reagierten auf ihr Handeln für die Gemeinschaft und wendeten sich Gott zu. Böhning: „Ist nicht die eigentliche Frage, warum unser Zeugnis häufig so schwach geworden ist?“ Die Antwort darauf finde man nicht, „indem wir die einzelnen Bestandteile unseres Zeugnisses gegeneinander ausspielen“. Es sei höchste Zeit wieder zu „predigen, wenn nötig auch mit Worten“ (Franz von Assisi/1181 oder 1182–1226).