21. Mai 2020

Debatte

Sind die Kirchen „systemrelevant“?

Der evangelisch-reformierte Theologe Prof. Ulrich Körtner. Foto: Hans Hochstöger
Der evangelisch-reformierte Theologe Prof. Ulrich Körtner. Foto: Hans Hochstöger

Berlin/Bonn (idea) – Welche Bedeutung haben die Kirchen und ihre Pfarrer in der Corona-Krise? Darüber gehen die Meinungen in Theologie und Gesellschaft auseinander.

Für den evangelischen Theologieprofessor Ulrich Körtner (Wien) haben die vergangenen Monate gezeigt, dass Religion in der säkularen Gesellschaft nicht „systemrelevant“ sei.

Im Ausnahmezustand hätten Gesellschaft und Politik entdeckt, wie wichtig nicht nur Ärzte und Pflegekräfte, sondern auch Polizisten, Soldaten und Verkäuferinnen seien. Ihnen habe man öffentlich applaudiert. „Von Pfarrern und Pfarrerinnen war nicht die Rede. Vom Shutdown gab es für die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften keine Ausnahmen“, schreibt Körtner in der evangelischen Zeitschrift „zeitzeichen“ (Berlin).

Kirchen, Synagogen und Moscheen seien geschlossen, öffentliche Gottesdienste und das Freitagsgebet untersagt worden, „während Baumärkte und Gartencenter geöffnet blieben oder gleich nach Ostern wieder aufsperren durften“.

Körtner: Für Merkel waren die Kirchen in der TV-Ansprache keinen Halbsatz wert

Die Bundeskanzlerin und Pastorentochter Angela Merkel habe sich in einer ihrer seltenen Fernsehansprachen im März an die Bevölkerung wenden können, „ohne die Kirchen, Diakonie und Caritas auch nur in einem Halbsatz zu erwähnen“. Laut Körtner ist die Corona-Pandemie „Lehrstück und Trigger für die Säkularisierung und Privatisierung von Religion in westlichen Gesellschaften, die sich in der Privatisierung des Sterbens und der Trauer in Zeiten von Corona verstärkt“.

Dennoch könne auch in einer säkularen Gesellschaft vom Evangelium eine befreiende Kraft ausgehen. Außerdem schaffe der Verlust an Systemrelevanz für Theologie und Kirche neue Freiräume und sei nicht bloß zu beklagen. „Schließlich geht das Reich Gottes nicht in bestehenden Gesellschaftssystemen und ihrer Optimierung auf, sondern es transzendiert und durchbricht diese.“

Landsberg: Kirchen und Kommunen stehen bei Corona-Eindämmung an vorderster Front

Dagegen ist die Kirche für den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg (Bonn), „im wahrsten Sinne des Wortes systemrelevant“. In einem Interview mit der Bonner Kirchenzeitung „Protestant“ (Ausgabe Pfingsten) sagte der Jurist: „Kirchen und Kommunen stehen bei der Eindämmung der Pandemie und deren Folgen an vorderster Front.“ Da Kirche und Diakonie viele Kindergärten und soziale Einrichtungen betrieben, seien sie an der Umsetzung der Maßnahmen beteiligt, die von den Regierungen beschlossen würden.

Darüber hinaus sei derzeit „geistiger und persönlicher Beistand wichtiger denn je“. Ohne ihn würden viele Menschen nicht ohne Schäden durch die Krise kommen. Deshalb sei es nicht akzeptabel, dass Pfarrer von der nordrhein-westfälischen Landesregierung nicht in die Liste der systemrelevanten Berufe aufgenommen worden seien. So hätten sie zum Beispiel keinen Anspruch darauf, ein Kleinkind in die Notbetreuung zu bringen. Außerdem sagte der Hauptgeschäftsführer des kommunalen Spitzenverbandes, wegen der großen Bedeutung der Religionsfreiheit hätte er sich „ein Programm für eine behutsame Öffnung von Gottesdiensten etwas früher gewünscht“.

Landsberg ist berufenes Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland.